Beim HSV gilt das Leistungsprinzip nur im Sport
Was wohl los wäre, wenn der HSV statt Tabellenführer nur Fünfter der Tabelle wäre und parallel dazu den ganzen Stress rund das Sportliche unverändert Schlagzeilen produzieren…

Was wohl los wäre, wenn der HSV statt Tabellenführer nur Fünfter der Tabelle wäre und parallel dazu den ganzen Stress rund das Sportliche unverändert Schlagzeilen produzieren würde? Ich bin mir ganz sicher, es hätte schon längst personelle Konsequenzen gehabt. Der Trainer wäre ziemlich sicher weg. Vielleicht sogar der Sportvorstand, der sich ja seit Monaten eng an den Trainer kettet und solidarisiert. Aber: Die Frage ist hypothetisch, denn der HSV hat aktuell sportlich im Ergebnis Erfolg. Zuletzt sogar sehr überzeugend. Trotz allem – muss man sagen.
Heute gab es den nächsten Termin, den ein funktionierender Führungsapparat nicht haben sollte: Der fristlos gekündigte ehemalige Sportdirektor stand als Kläger gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber vor Gericht und forderte über seinen bis Juni 2023 laufenden Vertrag hinaus weitere 400.000 Euro Abfindung dafür, dass er vom HSV gefeuert wurde. Wobei: Gefeuert und mit abfälligen Äußerungen seines Vorgesetzten Jonas Boldt abqualifiziert. Letzteres ist auch der Faktor, der Mutzel vor Gericht beste Chancen einräumt.
Tatenlosigkeit kostet den HSV Millionen
Parallel hierzu hinkt der zweite Vorstand, Dr. Thomas Wüstefeld weiter seinen großspurigen Ankündigungen hinterher. Am 2. August hatte Wüstefeld proaktiv und ungefragt angekündigt, binnen zehn Tagen die Bürgen für den notwendigen 23-Millionen-Euro-Kredit für die Stadionsanierung zu präsentieren. Aus zehn Tagen sind bis heute 65 Tage geworden – ohne realistische Aussicht auf Erfolg. Im Gegenteil.
Stattdessen wurden immer neue pikante Details rund um Wüstefeld und die Führungsgremien bekannt. Dass auf Vorstandsebene lange nicht mehr zusammengearbeitet wird, sondern zunehmend daraufhin, den anderen loszuwerden – man kann es nicht einmal mehr als offenes Geheimnis bezeichnen, so deutlich ist das. Nicht zuletzt seit der E-Mail Wüstefelds, in der er sich dem Aufsichtsrat als Alleinverantwortlichen anpries. Im Zusammenhang mit Aufsichtsratsboss Marcell Jansen und seinen sechs Kollegen von Kontrolleuren zu sprechen, verbietet sich inzwischen. Aktuell verliert der HSV mit jedem Tag weiter an Glaubwürdigkeit. Und Die Kontrolleure schauen tatenlos zu.
Würde man die HSV-Politik in Tabellenform transportieren, der HSV wäre zweifellos weit abgeschlagen auf einem Abstiegsplatz. Einen Sponsor (Telekom / 1,5 Millionen Euro im Jahr) soll bereits abgesprungen sein. Weitere könnten folgen. Mit anderen Worten: Die HSV-Führung hinkt dem Sportlichen nicht nur hinterher, sondern darf sich bei Mannschaft und Trainer dafür bedanken, dass hier nicht schon alles eskaliert ist. Die Frage ist nur, warum bleibt alles unbewertet? Wie kann es sein, dass sich der Aufsichtsrat in Sachen Stadionsanierung so von einem Vorstand vorführen lässt?
Beim HSV müssten sich die Entscheider eigentlich selbst entlassen
Fragen, die sich inzwischen auch Partner des HSV stellen. Und damit kommen wir zu dem Teil, der dem HSV den größten Schaden zufügt. Oder anders formuliert: Der HSV gewinnt zwar die Spiele auf dem Rasen, aber er verliert täglich abseits des Rasens. Image, Glaubwürdigkeit – und inzwischen auch finanziell. Abfindungen für Fehleinkäufe und vorzeitig abgegebene Spieler, Abfindungen für Mitarbeiter, Sponsoren kosten den HSV hochgerechnet seit Sommer schon deutlich mehr als zwei Millionen Euro. Dazu kommen noch das Monatsgehalt von Mutzel bis zum Vertragsende 2023 sowie seine noch zu verhandelnde Abfindung. Die Note für diese Arbeit? Die muss erst noch erfunden werden.
Das Hauptproblem ist, dass sich die Entscheider in diesem Fall selbst entlassen müssten. Aber das geht eben nicht so schnell von der Hand wie die Entlassung eines anderen. Siehe Mutzel. Oder die gefühlt 100 Trainer in den letzten 20 Jahren…
Auch nicht gut: Dass Boldt immer wieder nach Siegen einen neuen Vertrag für Trainer Tim Walter ins Gespräch bringt, ist ebenfalls fragwürdig. Aber Boldt hat als Tabellenführer zumindest Argumente. Trotzdem nervt mich dieses politische Geschacher. Denn Boldt ist Angestellter des HSV und als Vorstand ausschließlich dem HSV zu dessen Vorteil und Erfolg verpflichtet – nicht dem Trainer als einen seiner Befürworter. Oder sieht irgendjemand hier die Gefahr, dass Walter dem HSV weggekauft wird oder von sich aus hinschmeißt? Ich nicht.
Von daher darf der HSV in diesem Bereich Geduld beweisen, während das Drumherum dringenden Handlungsbedarf hat. „Wüstefeld, muss liefern“ hieß es gerade bei den Kollegen. Und ich würde diese Forderung erweitern, denn: ALLE müssen liefern. IMMER: Also Vorstand, Aufsichtsrat, Trainerteam, Mannschaft. ALLE! Und wer das nachweislich nicht schafft, muss gehen. Also: Jansen, all seine Aufsichtsratskollegen, Wüstefeld – Stand heute haben sie keine Berechtigung mehr, beim HSV ihre jeweiligen Ämter auszuüben. Oder habe ich eine Leistung oder irgendeine positive Entwicklung übersehen …?
Ab Mittwoch zählt nur noch das Spitzenspiel in Hannover
Sportlich hat der HSV am Freitag einen harten Gang vor sich. Und von morgen an werden wir uns (hoffentlich!) auch wieder vollumfänglich dem sportlichen Bereich widmen. Sicherlich mit ein paar Ausnahmen im Communitytalk, wo ihr die Fragen stellt. Aber von meiner Seite wird es ab morgen nur noch um das Duell am Freitag bei Hannover 96 gehen.
Bis dahin!
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