Analyse

Bedeutung der Stammformation – was wir von Bochum, Fürth und Kiel lernen können.

Horst Hrubesch sagte bei der PK vor seinem HSV-Trainer-Debüt gegen Nürnberg sinngemäß „Die Zeit des Ausprobierens ist vorbei.“. Während Vorgänger Daniel Thioune über die…

Bedeutung der Stammformation – was wir von Bochum, Fürth und Kiel lernen können.

Ein Gastbeitrag von Robert Hoyer

Horst Hrubesch sagte bei der PK vor seinem HSV-Trainer-Debüt gegen Nürnberg sinngemäß „Die Zeit des Ausprobierens ist vorbei.“. Während Vorgänger Daniel Thioune über die gesamte Saison nach einer Stammformation suchte, setzte Hrubesch in den letzten drei Spielen dreimal auf ein klassisches 4-4-2 mit zwei Sechsern und Doppelspitze. Das auch mit dieser schnörkellosen Aufstellung das Ziel Aufstieg nicht erreicht wurde, lag nicht an Hrubesch und seiner gewählten Formation. Vielmehr hatte man es davor verpasst nicht nur eine Stammelf, sondern auch eine Stammformation zu entwickeln. Welche Bedeutung jedoch gerade dieser Stamm für den Erfolg haben kann, wollen wir uns in diesem Beitrag anschauen.

Meister Bochum spielte 31-mal die gleiche Formation

Dafür werfen wir einen Blick auf die Mannschaften, die vor uns gelandet sind. Auffallend ist dabei, dass diese drei Mannschaften über die gesamte Saison hinweg mit nahezu der gleichen Formation gespielt haben. Fürth spielte beispielsweise 28 der 34 Saisonspiele im 4-3-1-2 mit vier zentralen Mittelfeldspielern. Bochum spielte gar in 31 der 34 Spiele mit dem gleichen 4-2-3-1 System und die Störche aus Kiel spielten gar jedes einzelne Spiel im 4-1-4-1. Beim HSV ergibt sich dagegen ein anderes Bild. Die Häufigste Formation ist mit gerade einmal 15 Spielen das 4-3-3, gefolgt von 8 Mal 4-2-3-1 und sechs Mal dem 4-4-2 mit Doppelsechs. Hinzu kommen Ausflüge mit einem 3-1-4-2 (2 Spiele), der Raute im 4-4-2 (1 Spiel), einem flachen 3-4-3 (1 Spiel) und einem 3-4-2-1 (1 Spiel). Anstelle von ein oder zwei einstudierten Mustern, spielte der HSV über die Saison verteilt sieben verschiedene Systeme. Was zu Beginn von den Medien noch als taktische Variabilität gelobt und von den Fans gefeiert wurde, wurde schließlich zum Rattenschwanz im Laufe der Saison. 

Hinzu kommt eine immer wechselnde Startaufstellung. Auch hier ergibt sich ein gravierender Unterschied zu den Top 3 Mannschaften. Während beim HSV gerade einmal sechs Spieler über die Schwelle von 66% (also zwei Drittel) der Einsatzzeit kommen (Ulreich, Heyer, Terodde, Leibold, Kittel, Ambrosius), sind es bei Fürth schon neun Spieler und bei Bochum und Kiel sogar je zehn, also schon fast eine ganze Startelf. Hierbei kann man Daniel Thioune in Schutz nehmen, da auch Verletzungen und Platzverweise (Leistner, Kittel, Leibold, etc.) ihn immer wieder zum Umbau der Mannschaft zwangen. Darüber hinaus ließe sich argumentieren, dass der HSV über eine größere Kaderbreite verfüge. Dennoch sollten punktuelle Ausfälle nicht das Gesamtkonstrukt einer Mannschaft zum Einsturz bringen. 

Welche Schlüsse lassen sich daraus für den HSV ziehen? Aus meiner Sicht ist es unabdingbar für die Zukunft auf eine Stammformation zu setzen. Diese ist im besten Falle in die Vereinsphilosophie zu implementieren, sodass bereits im Nachwuchs auf diese Formation hingearbeitet wird. Dies würde auch die Durchlässigkeit von der Jugend zum Profiteam erhöhen, da der Nachwuchs bereits mit dem System vertraut ist und Anpassungsprobleme gemindert werden. So spart man nicht nur teure Ablösesummen für externe Spieler, sondern generiert vielmehr ebensolche durch die erhöhte Wahrscheinlichkeit Talente in den Profikader zu integrieren. Prominente Beispiele wie Ajax Amsterdam zeigen, dass so etwas funktionieren kann. 

Die taktischen Vorgaben müssen durchgehend gelten

Auch für die kurzfristige Kaderplanung ist die Formation ein wichtiger Anker. Jonas Boldt und Michael Mutzel tun also gut daran mit Tim Walter zu besprechen, welche taktischen Vorstellungen er hat. Sollte er beispielsweise sein bevorzugtes 4-3-1-2 spielen, braucht es theoretisch keine Außenspieler. Spieler wie Narey und Jatta wären in diesem Szenario unbrauchbar. Um darüber hinaus Verletzungen vorzubeugen und die Formation bei Ausfällen nicht ins Wanken zu bringen, braucht es die Doppelbesetzung einer jeden Position. Defizite gibt es da zurzeit vor allem auf der Linksverteidigerposition und im Sturm. Haben wir eigentlich einen Zehner? 

Im idealen Fall gibt es also eine klare Stammformation, bei der jede Position doppelt besetzt ist. Wie die Spielertypen für diesen Stamm aussehen müssen, steht auf einem anderen Blatt. Einen interessanten Gedanken möchte ich aber noch loswerden. Der französische Meister OSC Lille spielt in der Regel im 4-4-2, wobei die zentralen Pärchen (IV, ZM, ST) je aus einem erfahrenen Spieler und einem Talent gebildet werden. Vielleicht wäre das ja auch was für den HSV? Eine stabile erfahrene Achse an der sich die jungen Talente um Onana, Wintzheimer und co. hocharbeiten können. In diesem Sinne: Nur der HSV!

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