Spielbericht

Baumgart sucht das Gespräch mit Reis - wie weit ist Glatzel?

Der HSV hat seine Aufgabe in der ersten DFB-Pokalrunde sehr ordentlich gelöst. Mit 7:1 beim Viertligisten zu gewinnen ist zwar nicht außergewöhnlich, aber man hat so auch…

Baumgart sucht das Gespräch mit Reis - wie weit ist Glatzel?

Der HSV hat seine Aufgabe in der ersten DFB-Pokalrunde sehr ordentlich gelöst. Mit 7:1 beim Viertligisten zu gewinnen ist zwar nicht außergewöhnlich, aber man hat so auch offensichtlich vieles richtig und nur sehr wenig falsch gemacht. Das dürfen Trainer Steffen Baumgart und seine Mannen so für sich verbuchen und daraus ein Stück weit Sicherheit bzw. Selbstvertrauen ziehen. Vor allem aber darf man sich beim HSV neben den Zusatzeinnahmen aus der zweiten Runde darüber freuen, dass einige Spieler wieder ein Stück näher an die Startelf rücken konnten. Robert Glatzel ist hier sicher vorneweg zu benennen.

Und der Angreifer, der unmittelbar nach seiner ersten Einwechslung ebenso wie zuvor Davie Selke treffen konnte, baut vor dem Auswärtsspiel am Freitag bei Hannover 96 schon einmal etwas Druck auf seine Konkurrenz – und somit auch auf Trainer Steffen Baumgart auf: „Ich denke, in Hannover werde ich dann ein paar Minuten mehr im Tank haben“, sagte Glatzel nach seiner ersten längeren Verletzungspause überhaupt. „Es hat sich schon richtig gut angefühlt.“

Darauf angesprochen, lachte Trainer Steffen Baumgart zuletzt. Weil er genau dieses „Problem“ nur zu gern hätte.  „Das erhöht die Breite im Kader. Wenn du ein großes Ziel hast, dann brauchst du alle Leute.“ Ob Glatzel gegen Hannover schon ein Kandidat für die Startelf sei? „Mit Blick auf 96 sehe ich aber Davie weiter als Robert.“ Und das ist sicher auch so. Glatzel zu früh zu viel machen zu lassen, wäre unverantwortlich mit Blick auf die gerade erst gestartete Saison. Zudem, das fügte Baumgart heute auf der Pressekonferenz hinzu, wäre Selke zwar ein Kandidat für die Startelf, nicht aber für die vollen 90 Minuten.

Muss er auch nicht, da Ransford Königsdörffer in der Liga zuletzt in zwei Spielen als Torschütze zu gefallen wusste und als gesetzt gilt für den Moment. Allein der Umstand, dass Bakery Jatta und Jean-Luc Dompé ausfallen, spricht dafür, dass Baumgart schon in Hannover in der Spitze Veränderungen vornimmt und Königsdörffer vielleicht sogar auf die Außenbahn schiebt. So, wie in der zweiten Halbzeit im DFB-Pokal beim SV Meppen. Dann wäre vorne Bedarf – und Selke offenbar der erste Kandidat. Apropos Selke: So extrovertiert der Angreifer auch rüberkommt, sportlich macht er bislang einen ordentlichen Eindruck. Ich hoffe, dass sich das Ganze so weiterentwickelt. Hier gilt es abzuwarten, wie sich der Angreifer auf Strecke zeigt. Hier werde ich zumindest in keine Richtung zu früh urteilen.

Dass es auch anders geht, demonstriert aktuell der nächste Gegner gerade mal wieder. Hannover 96 war in den letzten Jahren ein Beispiel dafür, wie man sich mit internen Querelen sportlichen Erfolg nahezu unmöglich macht. Der streitbare Geschäftsführer Martin Kind spielte dabei immer wieder eine zentrale Rolle mit seinen provokanten, störenden Aussagen. Diesmal aber war es nicht er, sondern der Sportdirektor Marcus Mann, der mit massiver Kritik an Trainer und Spielern auf das Pokal-Aus von Hannover 96 reagierte und Spekulationen auslöste.

In einem Interview reagierte der Sportdirektor scharf und brachte seinen Cheftrainer Stefan Leitl vor dem Nordderby das erste Mal in der neuen Saison in Bedrängnis. „Ich kann mir das langsam nicht mehr angucken“, sagte Mann nach der 0:2-Niederlage beim Drittligisten Arminia Bielefeld. „Vor lauter Wunsch nach Spielkontrolle schlafen wir ein. Das ist Schlafwagen-Fußball. Wir kriegen zum zweiten Mal innerhalb von acht Tagen vorgemacht, wie man Fußball spielt und worum es im Fußball geht. Wir sollten ganz schleunigst aufwachen, weil: Das gucke ich mir nicht mehr lange an.“ Auf die Nachfrage, ob das auch explizit als Kritik an Leitl zu verstehen sei, sagte der Sportdirektor: „Ich glaube, es haben alle verloren.“

Klar ist bei dem Nordrivalen, dass das Ziel der Aufstieg ist und bleibt. In seiner dritten Saison bei Hannover 96 haben die Gesellschafter um den langjährigen Vereinsboss Martin Kind und den Drogerie-Unternehmer Dirk Roßmann den ganz klaren Auftrag an Leitl formuliert, die Rückkehr in die Fußball-Bundesliga zu schaffen. Und wenn ich es aus der Ferne bewerte, hat Hannover dafür einen starken Kader, den ich mit dem HSV mindestens auf Augenhöhe sehe. Die Frage, die sich mir hier aber stellt, ist: Was genau bringt diese Unruhe? Sieht so gelebtes Leistungsprinzip aus – oder ist das eher hinderlich? 

Beim HSV hat das zuletzt nichts gebracht. Dass man sich immer wieder den Aufstieg als Maßstab setzt und diesen immer wieder verfehlt, wissen wir hier nur zu genau. Zuletzt wurde nach mehreren Trainerwechseln mit Tim Walter der Versuch gestartet, über Konstanz das Ziel Aufstieg zu erreichen – und ebenso verfehlt. Ergebnis: Aktuell äußert sich selbst der ansonsten unbeherrschbare Klaus Michael Kühne in einem Abendblatt-Interview zurückhaltend: „Zum HSV will ich mich gar nicht äußern. Wie die Vergangenheit zeigt, sind Prognosen im Sport eigentlich unmöglich“, so Kühne zum Thema Aufstieg.

Stimmt. Aber Wahrscheinlichkeiten können zumindest maximiert werden – mit guter Arbeit auf und neben dem Platz. Auf dem Platz hat der HSV in Meppen das erste Pflichtspiel über 90 Minuten konsequent zu Ende gespielt. Allerdings auch bei einem Viertligisten, der bei allem Respekt nicht mit einem Zweitligisten gleichzusetzen ist. Von daher werden wir am Freitag in Hannover sehen, was das wert ist.

Ich persönlich glaube, dass der HSV personell noch nicht fertig ist und behaupte, dass im Mittelfeld etwas passieren muss. Immanuel Pherai hat in Meppen zwar geglänzt, zuvor aber auch über Monate enttäuscht. Von ihm jetzt eine richtig stabile Saison als Leistungsträger zu erwarten wäre fahrlässig. Ebenso wie der Umstand, dass die Verbleibsituationen bei Jonas Meffert sowie Ludovit Reis noch immer nicht hundertprozentig geklärt sind. Zwei derart zentrale, wichtige Spieler wackeln auch am dritten Spieltag noch – unfassbar!

Für den Trainer und seine Planung ist diese Situation sogar am Rande der Zumutbarkeit! Kein Wunder, dass er sich wie heute im Training das persönliche Gespräch mit den Protagonisten sucht, um ein besseres Gespür für die Situation zu bekommen. Aber das allein reicht nicht. Deshalb sagte Baumgart heute zwar sinngemäß, dass er mit dem Verbleib beider Akteure rechne. Baumgart sagte aber auch: „Aber es ist immer noch Fußball. Und bis zum 31.8. kann alles passieren.“ Stimmt. Hoffen wir mal, dass der HSV seinerseits noch etwas unternimmt bis zum Ende des Transferfensters.

Apropos neu: Wir werden Euch das Blitzfazit am Freitag nach der Partie gegen Hannover erstmals in zwei Versionen anbieten. Einmal in der normalen und einmal in einer stark gekürzten Version von 60 bis 90 Sekunden. Genauer gesagt: die kurze Version wird es erstmals mit Holsten als Partner bei Instagram geben, während die normale Version weiter ganz normal via Youtube und hier im Blog abzurufen sein wird.

Heute habe ich mich zudem wieder mit Jan Stahl unterhalten und mal herausgehört, wie die Fans an der Basis den aktuellen HSV so wahrnehmen. Und ich war überrascht, mit welcher Lockerheit hier schon mit einem erneuten Verpassen des Aufstiegs umgegangen wird. Ich persönlich kann mich jedenfalls nicht damit abfinden, Neunter zu werden, wie Jan es prognostiziert! Nein, ich behaupte weiterhin, dass der HSV alle notwendigen Mittel für die aktuellen Entscheider bereithält, um einen Aufstiegskader zu formen.

Auch deshalb hoffe ich, dass der HSV die letzten zehn Tage der Transferphase noch sinnvoll nutzt und im Kader die Veränderungen vornimmt, die noch immer notwendig sind: Hinten in der Innenverteidigung einen schnellen Mann, dazu gern noch einen offensiven Mittelfeldspieler, der ggf. Reis ersetzen kann. Und für die Außenbahnen eine Alternative zu Dompé und Jatta. Zudem hoffe ich, dass sich der HSV von den Spielern trennt, die eh keine Aussichten auf Einsätze haben wie Levin Öztunali und offenbar auch Andras Nemeth. Erst dann hat man m.M.n. ausreichend gut gearbeitet. 

In diesem Sinne, Euch noch einen schönen Mittwochabend!

Scholle

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