Baumgart steht vor schwierigen Entscheidungen - und das ist gut so!
Mein Großvater war ein sehr ruhiger, besonnener Typ. Zumindest zu mir als Enkelkind. Wir sind oft zusammen Angeln gefahren und er hat mich vor verschiedenen Punkten gewarnt –…

Mein Großvater war ein sehr ruhiger, besonnener Typ. Zumindest zu mir als Enkelkind. Wir sind oft zusammen Angeln gefahren und er hat mich vor verschiedenen Punkten gewarnt – und ich habe sie selbstverständlich im jugendlichen Leichtsinn allesamt ignoriert. Herausgekommen ist ein tiefer Schnitt im Finger von einem Klappmesser zum Ausnehmen der Fische und eine verlorene Angel, die ich nicht richtig festgemacht hatte. Wichtiger als diese Lehren waren aber einige Sätze, die er zu mir sagte, die ich anfangs nicht verstanden habe – die ich aber heute sehr zu schätzen weiß.
Einer davon fiel mir heute spontan ein, als ich Steffen Baumgarts Interview im „Westfalenblatt“ gelesen habe. „Der Veranstalter lobt immer die eigene Veranstaltung“ sagte mir mein Großvater mal. Keine bahnbrechende Einsicht – aber für mich so prägnant, dass ich mir diesen Satz bis heute gemerkt habe – und heute auch wieder anzuwenden wusste. Denn auf die Frage nach der Qualität der aktuellen Zweiten Liga und vor dem Duell mit seinem Exklub SC Paderborn, antwortete Baumgart: „Die 2. Bundesliga ist so eng wie nie. Ich sehe aktuell zehn Mannschaften, die um den Aufstieg spielen können. Das zeigt, wie gut in dieser Liga gearbeitet wird.“
Logisch. Er als Trainer des aktuell Tabellenfünften lobt die Qualität der anderen Teams. So nimmt man auch von sich selbst einen Teil, des Drucks, den man sich selbst aufgelastet hat, indem man den Aufstieg als das einzige Ziel ausgegeben hatte. „Das Anspruchsdenken und die Zielsetzung bleiben erstklassig. Das muss bei einem Verein dieser Größe auch so sein“, so Baumgart, um dann gleich wieder einzuschränken: „In diesem Verein entsteht selten Zufriedenheit. Ich will es mal etwas zugespitzt so formulieren: Wenn wir gewinnen, muss der Sieg höher ausfallen. Bei einem Unentschieden haben wir zwei Punkte verschenkt und eine Niederlage ist eine absolute Frechheit.“
Ich kann diese Aussagen ehrlich gesagt nachvollziehen. Aus Fußballersicht würde ich sie in seiner Position vielleicht genau so formulieren. Aber eines wäre dann auch klar: Ich würde sie mit taktischem Kalkül so formulieren, um Druck von meinem Team und mir zu nehmen. Und ich behaupte, genau das macht auch Baumgart hier. Zumal es bislang absolut keinen Ansatz gibt, dass diese Zweite Liga stärker ist, als die der vergangenen Jahre. Am Sonnabend werden wir im Volksparkstadion den HSV gegen ein Team erleben, das aktuell zu den besseren Teams gehört. Zweifellos. Und obwohl ich den SCP als ein Team erachte, das auch bis zum Saisonende oben dranbleiben kann, vermag ich noch nicht abzuschätzen, ob sie besser sind als beispielsweise Holstein Kiel, Heidenheim oder andere Spitzenteams der letzten Zweitligajahre.
Ergo: Baumgart sagt, was ein Trainer in seiner Position sagt, oder? Ich hatte bislang immer den Eindruck, dass Baumgart sich in den letzten Monaten beim HSV immer als sehr ehrlichen Arbeiter, schnörkellos und vor allem in seinem Handeln als gerade positioniert hatte. Für mich bediente er eher das Malocher-Image des Vollblutfußballers, der anstelle von Politik und Psycho-Spielchen einfach nur Bock auf Grätschen und Tore von „seinen Jungs“ hat. Ehrlich gesagt hatte es mich schon gestört, dass der Trainer des HSV in Hamburg mit seiner Schiebermütze „SB72“ zur Marke stilisiert wurde. Meiner Meinung nach gehört sowas einfach nicht dazu. Oder sehe ich das zu streng…?
Nein. Der Trainer sollte die Nummer eins im Konstrukt sein und klare Kante fahren. Verbal wie in seinen Handlungen. Heutzutage haben alle Trainer noch etliche Cotrainer, die die tägliche Arbeit – wenn auch auf Anweisungen des Cheftrainers – erledigen. Der Trainer von heute ist eher der Typ Teammanager, der alles beobachtet und von oben moderiert. Mit Kontakt zur Basis – logisch! Aber eben nicht überall in erster Reihe.
Zumindest haben das viele erfolgreiche Trainer so gehandhabt. Ottmar Hitzfeld, Carlo Ancelotti, selbst Felix Magath – um nur ein paar zu nennen. Dazu kommen noch die Klopps, Guardiolas und Mourinhos, die durch ihre persönliche Art und Erfolge zu Stars und Publikumslieblinge stilisiert wurden und teilweise noch werden. Aber alle hier aufgezählten Trainer eint eines: sie haben den eigenen Anspruch immer maximal gehalten, ohne sich präventiv Entschuldigungsgründe aufzubauen. Vor allem haben sie abgeliefert! Aber: Wenn letzteres auch Baumgart in Hamburg gelingen wird und er aufsteigt, werde ich Abbitte leisten und mich freuen. Auch für Baumgart, der in Hamburg immer besser anzukommen scheint.
Aber noch mal zum Sportlichen: Morgen gegen Paderborn muss er sich wieder einigen schwierigen Entscheidungen stellen. Für den zurückkehrenden Immanuel Pherai wird einer aus dem Kader gestrichen, der letzte Woche noch dabei war. Wobei eine Entscheidung für mich recht einfach wäre: Nämlich die Antwort auf die Frage, ob Fabio Baldé oder Jean-Luc Dompé beginnen sollte. Ich sage: warum nicht beide? Denn klar ist für mich, dass Dompé aktuell der stärkste Außenstürmer des HSV ist. Ihn würde ich auf seiner Lieblingsposition links vorn beginnen lassen. Und wenn Baumgart Baldé als zweitbesten Außenstürmer aktuell sieht – dann soll er ihn rechts beginnen lassen.
Mit Reis, Karabec (würde bei mir anstelle von Richter beginnen) und Sahiti hat Baumgart noch ausreichend starke Spieler, die Baldé ersetzen können, sobald dieser müde wird. Baumgart hat tatsächlich das von ihm immer wieder als „gern genommen“ bezeichnete Luxusproblem. Vor allem aber hat er eine Bank, mit der er das Spiel auch im Verlauf noch mal besser machen kann. Und das kann neben einer funktionierenden Defensive einer der Hauptschlüssel sein, um den Erfolg zu haben, den man seit dann sieben Jahren gesucht hat.
In diesem Sinne, morgen zählt nur das, was auf dem Platz passiert. Und das ist im Vorfeld allemal vielversprechend. Dementsprechend viel Spaß wünsche ich Euch für das Spiel, egal, ob im Stadion, am Radio, vor dem TV oder erst per Highlight-Zusammenschnitt…! Ich melde mich im Anschluss selbstverständlich wieder mit dem Blitzfazit sowie dem Blitz-Blitzfazit (90 Minuten in 90 Sekundenzusammen mit unserem treuen Partner Holsten via Instagram.
Bis dahin!
Scholle
So würde ich aufstellen: Raab – Hadzikadunic, Schonlau, Muheim – Hefti, Meffert, Elfadli, Dompé – Karabec – Glatzel, Königsdörffer
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