„Basics!" Der HSV muss wieder von vorn beginnen
Es läuft gerade nicht rund. Vorsichtig formuliert. Krise? Was mit einem Startrekord von 24 Punkten aus zehn Partien begann, ist nach den letzten vier Pflichtspielen inklusive…

Es läuft gerade nicht rund. Vorsichtig formuliert. Krise? Was mit einem Startrekord von 24 Punkten aus zehn Partien begann, ist nach den letzten vier Pflichtspielen inklusive Derby-Pleite und Pokal-Aus zu großen Teilen verpufft. Auch beim Trainer. „Alles Scheiße momentan“, fluchte der genervte Trainer Tim Walter nach dem schwachen 2:3 zuhause gegen den effizienter agierenden Aufsteiger 1. FC Magdeburg. Denn die Tabellenführung hat man binnen zwei Wochen verspielt. Auch deshalb ging Walter erstmals zu seinen „Jungs“, wie er sie sonst schützend nennt, auf Distanz. Mit deutlichen Worten: „In der Defensive haben wir viel zu leichte Fehler gemacht und in der Offensive teilweise kläglich versagt“, monierte er und ging seine Mannschaft öffentlich an.
Und ja, die Situation erinnert an die letzten Serien, die allesamt nicht mit dem erwünschten Ziel Wiederaufstieg endeten. Auch zuletzt startete man stark, um dann ebenso stark nachzulassen. 2018/19 unter Hannes Wolf und 2019/20 unter Dieter Hecking erst in der Rückrunde. Unter Daniel Thioune gab es vor zwei Jahren den jüngst eingestellten Startrekord, auf den im Herbst drei Niederlagen und das Abrutschen von Platz eins auf vier folgten. Ganz soweit ist es beim HSV nicht. Aber angesichts der schweren Aufgabe SC Paderborn am kommenden Wochenende ist die Lage schwieriger als erwartet. Denn der 1. FC Heidenheim (23) ist als Tabellenvierter bereits bis auf zwei Zähler am HSV dran.
HSV kann Ausfälle nicht kompensieren
Wichtiger als das aber ist, was das Spiel gegen Magdeburg erneut verdeutlicht hat: Dass der HSV zu wenige Alternativen hat, um die Ausfälle wichtiger Stammkräfte zu kompensieren. Sebastian Schonlau fehlt ob der Roten Karte aus dem Derby seither und noch einmal am Sonntag in Paderborn. In den 242 Minuten ohne den Abwehrchef gab es zehn, davor mit ihm in 1018 Minuten nur sieben Gegentore. Ebenfalls unersetzlich scheint Toptorjäger Robert Glatzel zu sein, dessen Ausfall gestern deutlich wurde. Denn bis zu seiner Auswechslung hatte der HSV keine Torchance, mit ihm (und Amaechi sowie Benes) dann „so viele wie in den letzten 20 Spielen zusammen“, wie Walter stark übertrieben formulierte.
Dennoch: Glatzels Einwechslung veränderte das Bild des HSV komplett. Die Offensive war sofort präsent. Am Ende standen 31:8 Torschüsse zu Buche, die Tore von Ransford Königsdörffer (58.) und Youngster Tom Sanne (90.+3) reichten dennoch nicht, weil zu dem Unvermögen der ersten knappen Stunde bei den gut zwei Dutzend Torschüssen der Schlussphase auch viel Pech hinzukam (Kopfball Vuskovic wurde auf der Linie geklärt, der Sekunden später folgende Kopfball von Ludovit Reis sprang von der Unterkante der Latte) . „Wir hatten in den letzten 30 Minuten genügend Chancen, um fünf oder sechs Buden zu machen“, stellte Sportvorstand Jonas Boldt fest. Und damit hatte er nicht Unrecht. Die Frage, warum es ohne die genannten Stammkräfte aber eben nicht funktioniert, beantwortet das nicht.
HSV-Coach Walter indes ist bemüht, die Antworten zu finden. Wer seine Chancen nicht nutze, der könne einfach ein Spiel nicht gewinnen, klagte er und wollte die Schwächen im HSV-Spiel erkannt haben. „Wir müssen zurück zu den Basics“, forderte der 46-Jährige, „wir dürfen einfach nicht mehr so viele Fehler machen.“ Und genau das stimmt. Nach dem Pokalspiel bei RB Leipzig gab es auch gestern gegen Magdeburg Abstimmungsprobleme in der Viererkette, die so noch nie zusammengespielt hatte – aber so wohl auch am Sonntag in Paderborn wieder aussehen wird. Die Kernfrage hier bleibt: Reicht die Qualität?
Kann Leibold gegen Paderborn helfen?
Ich weiß, dass hier viele die Qualität von Jonas David anzweifeln. Dem kann und will ich mich nicht anschließen, nachdem David gerade unter Walter in der Vorsaison schon gute Spiele absolviert hat. Dass er angesichts der geringen Spielpraxis Zeit brauchen würde, ist logisch. Dass es angesichts des Ausfalls von Schonlau in der Viererkette keinen klaren Wortführer mehr gibt ist dagegen das deutlich größere Problem. Den hatte David in der Vorsaison als Orientierungspunkt neben sich. Und genau in dessen Fehlen begründet sich meiner Meinung nach auch die fehlende Abstimmung, die gestern ebenso wie zuvor in Leipzig erkennbar war. Weder Vuskovic noch David scheinen die Führung übernehmen zu können – aber einer muss. Auch deshalb hofft Trainer Tim Walter darauf, dass Tim Leibold vielleicht schon in Paderborn wieder dabei sein kann. Weniger, weil er Probleme mit Miro Muheim hat – sondern vielmehr, weil der ehemalige HSV-Kapitän der Viererkette mit seiner großen Erfahrung helfen könnte, wieder etwas mehr Stabilität zu bekommen.
Apropos Viererkette: Das Jammern nach Stephan Ambrosius kann ich verstehen, denn er wäre jetzt sicher eine Verstärkung. Ich halte es aber trotzdem für falsch. Denn die Schritte, die Ambrosius gerade (für mich durchaus beeindruckend) hinlegt beim Karlsruher SC, die hätte er hier in Hamburg so nicht gemacht/machen können. Oder glaubt jemand daran, dass Vuskosvic oder Schonlau für den jungen Innenverteidiger auf die Bank gesetzt worden wären? Nein! Sicher nicht. Und ich behaupte sogar: Zurecht wäre das nicht so. Denn wie wichtig ein Schonlau ist, wurde mir nicht erst in den letzten zweieinhalb Spielen bewusst. Vielleicht ja auch einigen von denen, die bislang an ihm gezweifelt haben.
Ich jedenfalls freue mich auf seine Rückkehr nach dem Paderborn-Spiel. Und ich hoffe, dass sich Jonas David, der trotz aller Kritik nicht unterkriegen lässt, seine Qualität in Paderborn wieder auf den Platz bekommt. Er hat die einzelnen Fähigkeiten dafür. Vor allem aber hat er die richtige Einstellung zum Sport – und zum HSV. Und dass ich solchen Spielern den Erfolg immer noch ein Stückweit mehr als vielen anderen, gleichgültigen Spielern gönne, darf nicht davon ablenken, dass auch Spieler wie er sich bei aller Sympathie dem Leistungsprinzip stellen müssen. Und da hat David sicher Nachholbedarf.
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