Meinung

Auftrag an den HSV: Nicht zu viel nachdenken - einfach nur machen

Morgen also Sandhausen. Auswärts gegen eine Mannschaft, die nach zwei Wochen Quarantäne seit Montag wieder trainieren kann. Und ehrlich gesagt glaube ich nicht daran, dass das…

Auftrag an den HSV: Nicht zu viel nachdenken - einfach nur machen

Morgen also Sandhausen. Auswärts gegen eine Mannschaft, die nach zwei Wochen Quarantäne seit Montag wieder trainieren kann.  Und ehrlich gesagt glaube ich nicht daran, dass das wirklich großartig Auswirkungen auf die Gesamtleistung haben wird. Und wenn, dann eher zum Nachteil des Gastgebers. Aber ich halte es da genauso wie es Nikola Vidovic heute in der Mopo gesagt hat: Es darf die Spieler nicht interessieren.  Sie müssen das Speil angehen wie sie jedes Spiel angehen müssen: Mit höchstem Respekt vor dem Gegner. Und mit noch größerem Elan. Denn Fakt ist: Das jetzt ist Crunchtime. Das jetzt ist die Phase, in der die Mannschaft den Beweis antritt, welche Klasse sie wirklich hat. Mit anderen Worten: Ist diese Mannschaft wirklich aufstiegswürdig, gewinnt sie in Sandhausen, weil sie besser ist. Alles andere ist inakzeptabel. Denn während man am 14. Spieltag beispielsweise noch genug Zeit danach hatte, Fehler auszubügeln, ist jeder Fehler in der jetzigen Phase doppelt schwerwiegend. 

Das Gute daran: DAS WISSEN ALLE.

Auch HSV-Trainer Daniel Thioune hatte gestern noch einmal die außergewöhnliche Drucksituation erwähnt. Naturgemäß abschwächend formuliert, um seinen Spielern nicht noch Probleme herbeizureden. Aber er weiß besser als jeder andere, dass sich der HSV punktetechnisch keine Bescheidenheit erlauben darf,  wenn er einen direkten Aufstiegsplatz ergattern will. Zur Erinnerung: Derzeit ist man - bei einem Spiel weniger - Dritter mit 50 Punkten hinter dem VfL Bochum (57) und der SpVgg Greuther Fürth (54). Der Relegationsplatz gibt zwar Hoffnung, doch bevorzugt wird die Sicherheit auf den ersten beiden Plätzen, die den direkten Aufstieg bedeuten würden. Thiounes Reaktion, darauf angesprochen: „Wichtig ist, dass wir nicht in Aktionismus verfallen.“

Soll heißen: Neben den rein fußballerischen Fähigkeiten hat der HSV-Coach Thioune derzeit auch die Psyche seiner Spieler im Fokus. Er muss ein Gespür entwickeln, wem er wann was zutrauen kann. Denn jetzt sind starke Spieler entscheidend. Spieler, die vorangehen und den guten Fußballern mit schwächerem Nervenkostüm Halt verleihen. Dafür habe er in den letzten, spielfreien 14 Tagen die Gelegenheit genutzt, „mal mit dem einen oder anderen Spieler zu sprechen, wie er die Situation einordnet“, sagt der Coach und erinnert an den Aufschrei in der Öffentlichkeit, wenn der HSV mal wieder taumelt. Auch deshalb will der Pädagoge seine Spieler auch mit einem Mentaltrainer stärken, versucht ihnen Unsicherheiten, das Wenn und Aber auszureden. Und ohne diesen Mentaltrainer überzubewerten, aber: Diesen Mentaltrainer hatte der HSV in den letzten beiden Saisons nicht…

Eines kann aber auch der den HSV-Profis nicht nehmen. „Es wird sich Druck aufbauen“, weiß Thioune und versichert: „In den nächsten Wochen spielt der Kopf eine große Rolle.“ Fünf der sechs ausstehenden Gegner in der laufenden Saison kommen aus dem untersten Tabellendrittel und haben Blickkontakt zum Abstieg. Für die einen ist es das leichteste Restprogramm aller Aufstiegskandidaten. Andere hingegen warnen: Es könnte ungemütlich werden für den HSV. Ich behaupte, es ist ein großer Vorteil für den HSV, dass die Gegner noch etwas zu verlieren haben. Ein großer Vorteil sogar. Was passiert, wenn der HSV nicht aufsteigt – darüber will HSV-Trainer Thioune noch nicht wirklich sprechen. „Ich bin 2020 zum HJSV gekommen, weil ich mit dem HSV unbedingt in die 1. Liga will. Dafür werde ich alles tun. Think positive! Es stehen noch sechs Spiele an, nach denen wir diese Liga am 23. Mai verlassen können“, sagte der 47-Jährige heute der Sport Bild. „Wenn der Ist-Zustand nach dem 34. Spieltag nicht Platz drei, zwei oder eins ist, dann würde ich es nicht als gescheitert bewerten, sondern als Mission unerfüllt betrachten.“ 

Okay. Das mag sein. Mag ich aber ehrlich gesagt noch gar nicht thematisieren. Nicht heute vor dem Spiel in Sandhausen. Heute interessiert mich auch nicht, wer beim HSV der beste Spieler ist, sondern nur, wer sich mit allem, was er hat, reinschmeißt. Und dafür würde ich folgende Elf aufstellen: Ulreich – Vagnoman, Ambrosius, Heyer, Leibold – Onana – Jatta, Hunt, Dudziak, Kittel – Terodde. Wahlweise würde ich Wintzheimer für Jatta bringen, sofern der Gambier nach innen den Eindruck vermittelt, dem Druck nicht gewachsen zu sein. Denn Letztgenannter ist vielleicht in Sachen Einsatz der zuverlässigste aller HSVer.

Ich hatte gestern geschrieben dass es jetzt auf Thioune ankommt. Und das sehe ich tatsächlich so. Der Trainer gibt jetzt die Richtung vor. Er muss selbst für die arrivierten Spieler der Fels in der Brandung sein und Souveränität ausstrahlen. Aber der Trainer darf nicht zum Alibi der Spieler werden – und hier ist der Grat sehr schmal. In dieser Phase müssen ALLE ihren Worten Taten folgen lassen. Dazu zählen auch diejenigen, die schon sehr viel geleistet haben. Also auch ein Simon Terodde muss jetzt liefern, wenn er dem an ihn gestellten Anspruch gerecht werden will. Zumal das auch sein eigener ist, wie der Torjäger immer wieder betonte.

Mein Opa hat mal zu mir gesagt: „Wer weiß, was er nicht weiß, ist schlauer, als derjenige, der alles zu wissen glaubt.“ Auf den HSV bezogen hoffe ich, das jetzt alle Spieler das machen, was sie können und keiner versucht, etwas darzustellen, was er (noch) nicht ist. Soll heißen – von hinten nach vorn:

Ulreich: Bälle und die Null hinten festhalten - und dabei null Risiko gehen.

Vagnoman: Die überbordende  Physis maximal einbringen, das eigene Tempo für schnell Vorstöße nutzen und immer schnellstmöglich den besser postierten Spieler anspielen.

Ambrosius: Einfach wie immer: Alles wegarbeiten, was sich in seine Nähe wagt – und dann den Ball einem technisch versierteren Spieler zuspielen.

Heyer: Abwehr sortieren, antizipieren und absichern. Zudem: Bitte eigene Dribblings minimieren und 100 Prozent der Aufmerksamkeit auf die eigene Null legen. Den Rest können andere erledigen.

Leibold: Dem Gegner schnell klarmachen, dass es wehtun wird und mit eigenen Tempovorstößen den Gegner in dessen Defensive binden.

Onana: Bälle gewinnen, für die offensiver denkenden Mittelfeldspieler defensiv absichern. 

Jatta: Das eigene Tempo einsetzen. Immer wieder! Maximal! Und zwar bis zur kompletten Erschöpfung. Denn eines ist klar: Der HSV kann ihn leichter durch einen anderen Spieler ersetzen, als der gegnerische Spieler seinen Sprints folgen kann. Jatta muss sein Gott gegebenes Kapital nutzen und sein unhaltbares Tempo wieder zur Ausnahmequalität machen. Wie bei Heyer gilt: Für das Aufbauspiel und den filigranen Pass gibt es genügend andere im Team. 

Hunt: Er muss führen und antreiben. Er muss der Ruhepol und der erste Antrieb sein. Ein Dirigent, der all seinen Kollegen in jeder Sekunde deutlich macht, dass alle von der ersten bis zur allerletzten Sekunde des Spiels Vollgas gehen.

Dudziak: Mutig spielen. Das Tempo im Aufbauspiel hoch halten, mit Eins-gegen-Eins-Dribblings Räume öffnen und immer den Weg zum gegnerischen Tor suchen. Wobei, nicht ganz: Auch seine Läufe nach hinten mit anschließendem Ballgewinn sind wehr wertvoll. Wäre ich Trainer, würde ich ihm taktisch für das Spiel möglichst viele Freiheiten einräumen.

Kittel: Der Trainer hat ihn als Führungsspieler geadelt und damit dem technisch vielleicht besten, torgefährlichen und außergewöhnlich schussstarken HSV-Spieler den nächsten Schritt zu ermöglichen. Denn bislang war Kittel zwar in wahrscheinlich all seinen Mannschaften für besondere Momente zuständig – hatte aber mit größerer Verantwortung eher seine Probleme. Aber: In der Schlussphase dieser Saison darf Kittel nicht zum Versuchskaninchen werden. Der Trainer muss zusehen, Kittels Qualitäten zu betonen und seine Schwächen einzukalkulieren. Schafft der Coach das, kann Kittel ein ganz entscheidender Faktor werden.

Terodde: Er muss treffen. Ich weiß, dass jetzt viele sagen: „Ja, will er ja auch. Aber man kann ja nichts erzwingen…“. Trotzdem behaupte ich: Am besten so, wie in der Hinrunde. Denn allein die Sicherheit, dass er immer wieder trifft, hat seine Kollegen bzw. die gesamte Mannschaft in der Hinrunde stark (weil selbstsicherer) gemacht. Aber wenn ich an einen Spieler glaube, dass er diese Druck-Phase der Saison problemlos annimmt, dann Terodde…

Achja, und bevor ich hier diesen Blog für heute beschließe, auch noch eine Bitte an den Trainer, von dem ich mir wünschen würde, dass er schneller auf erkennbare Entwicklungen im Spiel reagiert. Seine Wechsel kamen mir gerade in der letzten Zeit immer ein Stück zu spät. Vor allem aber wünsche ich mir vom Trainer wie von allen anderen, dass sie sich jetzt klarmachen: Sabbeln zählt nicht mehr. Jetzt zählen nur noch Ergebnisse. Bis der 34. Spieltag abgepfiffen ist…

In diesem Sinne, bis morgen. Da melde ich mich nach dem Spiel mit Blog und Blitzfazit zum Spiel.

Scholle

P.S.: Der HSV will sich wieder stärker im Frauenfußball engagieren. Wie der Club mitteilte, soll die derzeit in der Regionalliga spielende Mannschaft in naher Zukunft wieder in der Bundesliga dabei sein. "Wir wollen den Frauen- und Juniorinnenfußball im HSV gemeinsam professionalisieren", sagte HSV-Vorstand Jonas Boldt über die Pläne, die von der Fußball AG und dem HSV e.V. gemeinsam verfolgt werden. Die HSV-Frauen spielten bis zur Saison 2011/12 in der Bundesliga, wurden dann aber vom Spielbetrieb abgemeldet.

P.P.S.: Wer auch immer lustig findet, was sich auf Schalke nach deren Abstieg abgespielt hat, hat es nicht verstanden. Daher auch kein Wort zu viel von mir hier und heute.

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