Aufstiegsrennen: Patzer überall – und der HSV mittendrin
Das Spiel gegen den KSC war richtig schlecht! Und allein darum sollte es grundsätzlich gehen, wenn man das Spiel aufbereitet. Dass sich das Aufstiegsrennen in der 2. Bundesliga…

Das Spiel gegen den KSC war richtig schlecht! Und allein darum sollte es grundsätzlich gehen, wenn man das Spiel aufbereitet. Dass sich das Aufstiegsrennen in der 2. Bundesliga zu einem echten Nervenspiel entwickelt, wird immer deutlicher. Statt Klarheit herrscht Chaos: Während Konkurrenten wie Magdeburg, Elversberg und Paderborn reihenweise Punkte liegen lassen, verpasst auch der HSV wiederholt die große Chance, sich entscheidend abzusetzen. Trotz einer mehr als guten Ausgangslage reichte es in den letzten Spielen nicht mehr für überzeugende Leistungen. Die Konkurrenz patzt – aber der HSV patzt mit.
Die Niederlage gegen den Karlsruher SC (1:2) war ein weiteres Kapitel. Schon zuvor hatte man gegen Braunschweig (2:4) und auf Schalke (2:2) wichtige Punkte verspielt. Statt eines komfortablen Vorsprungs steht der HSV nunmehr wieder unter enormem Druck, im unangenehmen Auswärtsspiel beim zuletzt formstarken SV Darmstadt punkten zu müssen.
Das mentale Problem: Der HSV verliert nicht nur Spiele, sondern auch die Nerven
Die sportliche Misere ist dabei erkennbar eng verknüpft mit einem mentalen Zerfall der Mannschaft. Schon kurz nach Abpfiff eilte HSV-Psychologin Chiara Behrens de Luna in die Kabine, um die entsetzten Profis emotional aufzufangen. Deutlich wurde hierbei: Das Team leidet nicht nur unter sportlichen, sondern auch unter psychischen Belastungen.
Einer, der noch vergleichsweise stabil agierte, war Ludovit Reis. „Ich mache das gerne, dass ich meine Energie sehr hoch halte. Man muss immer positiv bleiben, immer klar bleiben. Ich darf nicht zu nervös sein“, betonte Reis nach der Pleite gegen den KSC.
Aber durch Reden allein hat noch nichts funktioniert. Deshalb fordert Reis: „Wir wollen das Ding durchziehen, und es sind nicht so viele Spieler im Kader mit so viel Qualität, die auch viel Erfahrung haben. Wir müssen den anderen jetzt die Woche über vor Darmstadt klarmachen, dass wir nicht negativ zu sein brauchen. Wir müssen klar ansagen, was besser sein muss, und das dann nächste Woche in Darmstadt auch besser machen.“
Davie Selke, der zusammen mit Reis und dem unbekümmerten Emir Sahiti zu den wenigen Aktivposten zählte, zeigte sich nach der Pleite niedergeschlagen: „Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden.“ Auch Robert Glatzel rang um Fassung.
Die Mannschaft, die über weite Strecken der Saison Selbstvertrauen ausstrahlte, wirkt im entscheidenden Moment verunsichert und blockiert.
Der Zahlenbeweis: Warum der HSV nicht gewinnt – trotz aller Mühe
Ein Blick in die Statistiken, die meine Kollegen der BILD heute nennen, zeigt ein paradoxes Bild: In den letzten drei Partien lief der HSV im Schnitt 119,5 Kilometer pro Spiel – mehr als in den elf Spielen zuvor. Auch die Zahl der Sprints (224 statt 211) und der bestrittenen Zweikämpfe (215 statt 184) stieg deutlich. Und doch reichte es nur zu einem einzigen Punkt aus drei Spielen.
Das Hauptproblem: die Abwehr. Während in den ersten elf Rückrundenpartien lediglich neun Gegentore kassiert wurden, sind es in den letzten drei Spielen bereits acht. Gegen den KSC war auch die bislang größte Konstante, Daniel Elfadli, von der Rolle. Und das, weil er zu viel wollte. Er wollte nicht nur hinten seinen Job machen, sondern auch die Arbeit einiger seiner paralysiert wirkenden Mitspieler übernehmen. Im Ergebnis kamen viele Teilarbeiten, aber nichts Ganzes dabei heraus. Elfadli zerschoss sich, weil er sich zu viel zumutete.
Aber auch offensiv bleibt der Ertrag mager. Gegen Karlsruhe gelangen nur zwei echte Torchancen – der Elfmeter und der Außenpfostentreffer von Glatzel. Aus dem Spiel heraus konnte der HSV allerdings kaum gefährliche Akzente setzen, weil man im Spiel nach vorn immer wieder zu statisch agierte.
Die Hauptschwächen: Fehlende Präsenz und mangelnde Flankenqualität
Im Ergebnis führt das dazu, dass der HSV auch im Sturmzentrum an Durchschlagskraft verliert, weil einfach zu wenig ankommt. Torjäger Davie Selke kritisierte nach dem KSC-Spiel deutlich die fehlende Flankenqualität: „Wir haben nicht die Flankenqualität auf den Platz gebracht, die uns eigentlich auszeichnet.“
Robert Glatzel monierte zudem, dass der HSV im gegnerischen Strafraum oft in Unterzahl agierte. Die Bälle in die Spitze kamen zu unpräzise oder wurden von Karlsruhes kompakter Defensive abgefangen. Ohne den Top-Flankengeber, Linksverteidiger Miro Muheim, der sowohl Flanken als auch defensive Stabilität lieferte, geht aktuell nicht viel. Mikelbrencis und Hefti können den Schweizer nicht ansatzweise ersetzen.
Trainer unter Beobachtung: Merlin Polzin vor der größten Herausforderung seiner Karriere
Im Ergebnis stellt sich die Frage, wie der HSV aus dieser Negativspirale wieder herausfinden will. Insbesondere das Trainerteam, das von Sportvorstand Stefan Kuntz noch einmal explizit den Rücken gestärkt bekam, rückt stärker in den Fokus.
Merlin Polzin steht vor der schweren Aufgabe, das angeknackste Selbstvertrauen wieder aufzubauen. Und er bleibt kämpferisch: „Wir wussten, dass solche Momente kommen können. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen.“
Er setzt auf Zusammenhalt und will die Mannschaft vor dem Endspurt emotional einen. Sportvorstand Stefan Kuntz unterstützt Polzin öffentlich: „Das Trainerteam macht eine hervorragende Analysearbeit. Da habe ich kaum etwas Besseres gesehen.“
Aber allein damit ist es definitiv nicht getan. Denn neben dem Mentalen muss auch das Sportliche angeglichen werden. Wenn man Stefan Schnoor hört, wäre der Weg, über den einfachen Fußball zu kommen. Soll heißen: hinten dichtmachen und nach vorn zur Not auch mal über den einfachen, langen Ball kommen. Wichtig ist, dass man überhaupt in die gefährliche Zone des Gegners kommt – in deren Sechzehner. Und zwar auch dann, wenn man wie zuletzt gegen den KSC spielerisch überhaupt keine Mittel findet. Anstatt sich darin zu verlieren, über Kurzpassspiel zum Erfolg zu kommen, muss auch mal „Karo einfach“ gespielt werden – sagt nicht nur unser Blog-Experte Schnoor …
Der Endspurt: Drei Spiele entscheiden über Triumph oder Scheitern
Trotz aller Krisengerüchte ist die Chance auf den Aufstieg noch intakt. Das Restprogramm der Aufstiegskandidaten im direkten Vergleich:
- 1. FC Köln: Jahn Regensburg (H), 1. FC Nürnberg (A), 1. FC Kaiserslautern (H)
- HSV: SV Darmstadt 98 (A), SSV Ulm (H), SpVgg Greuther Fürth (A)
- 1. FC Magdeburg: Preußen Münster (H), SC Paderborn (A), Fortuna Düsseldorf (H)
- SV Elversberg: 1. FC Nürnberg (A), Eintracht Braunschweig (H), FC Schalke 04 (A)
- SC Paderborn: FC Schalke 04 (A), 1. FC Magdeburg (H), Karlsruher SC (A)
- Fortuna Düsseldorf: Eintracht Braunschweig (A), FC Schalke 04 (H), 1. FC Magdeburg (A)
- 1. FC Kaiserslautern: Karlsruher SC (A), SV Darmstadt 98 (H), 1. FC Köln (A)
Der direkte Vergleich zeigt: Der HSV hat nominell eines der einfacheren Programme – spielt allerdings zweimal auswärts.
Besonders Magdeburg könnte mit zwei direkten Duellen gegen Mitkonkurrenten (Paderborn, Düsseldorf) noch viele Punkte einbüßen oder sich entscheidend absetzen.
Fazit: Der HSV steht vor einer Bewährungsprobe
Fakt ist: Der HSV hat nach wie vor beste Karten im Aufstiegsrennen. Aber: Nur mit einer klaren mentalen Wende und einer deutlichen Leistungssteigerung auf dem Platz kann der Sprung in die Bundesliga gelingen. Dabei kommt es darauf an, wie sich die Mannschaft mental erholt – und das spielerisch auf den Platz transportiert. Viele Gespräche, einfache fußballerische Lösungen – Stefan Schnoor nennt hierfür interessante Ansätze.
Aber es entscheidet sich auch jetzt, ob diese Mannschaft ausreichend Führung vom Trainerteam und auf dem Platz von den so oft zitierten Führungsspielern erhält. Bislang wurden Meffert, Heuer Fernandes, Selke, Reis und Co. diesem Anspruch gegen Braunschweig, Schalke und jetzt KSC nicht gerecht. Die nächsten drei Wochen entscheiden darüber, ob der HSV seine siebenjährige Leidenszeit endlich beenden kann – oder ob er erneut am eigenen Nervenkostüm scheitert.
Dabei muss man auch die Kaderplanung kritisch hinterfragen: Dass der HSV hinten aktuell mit zwei unzureichenden Außenverteidigern (Mikelbrencis und Hefti) neben einem – bislang sehr stabilen – Aushilfsverteidiger Elfadli agieren muss, spricht Bände. Ohne die spielerische Überlegenheit in einem Großteil der Saison wäre es defensiv schon deutlich enger geworden. Denn die Abwehr – sprich: die Viererkette – ist im Zweitligavergleich absolut durchschnittlich, also nicht aufstiegsreif.
Das war den Verantwortlichen auch vor dieser Saison bewusst. Doch weder im Sommer noch im Winter wurde darauf ausreichend reagiert. Ein fatales Versäumnis, das ich seit zweieinhalb Jahren immer wieder kritisiere. Bleibt nur zu hoffen, dass der HSV trotzdem aufsteigt.
In diesem Sinne, Euch allen einen erfolgreichen Wochenstart!
Scholle
P.S.: Große Fan-Unzufriedenheit – Ticketpreise sorgen für Zündstoff
Während die Mannschaft auf dem Platz kämpft, rumort es auf den Rängen.
Beim Heimspiel gegen den KSC protestierten die HSV-Fans lautstark gegen die gestiegenen Eintrittspreise für das Heimfinale gegen Ulm. Unter Transparenten wie „Fußball muss bezahlbar bleiben“ und „HSV – Kein Rabatt für Treue, nur fürs Konto“ machten sie ihrem Ärger Luft.
Besonders kritisiert werden Ticketpreise von bis zu 96 Euro für Topspiele – für viele Fans ein Affront in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit.
Der Verein kündigte an, den Dialog mit der aktiven Fanszene zu suchen und die Preispolitik zu überprüfen. Und wir bleiben dran!
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