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Aufsichtsrat verteidigt späte Entscheidung - Kuntz stellt sich vor

Zuerst einmal: Der Aufsichtsrat hat eine Entscheidung getroffen. Gegen eine Weiterbeschäftigung von Jonas Boldt als Sportvorstand – aber vor allem für eine Beschäftigung von…

Aufsichtsrat verteidigt späte Entscheidung - Kuntz stellt sich vor

Zuerst einmal: Der Aufsichtsrat hat eine Entscheidung getroffen. Gegen eine Weiterbeschäftigung von Jonas Boldt als Sportvorstand – aber vor allem für eine Beschäftigung von Ex-Europameister Stefan Kuntz. Vor allem aus Respekt, aber eben auch, weil ich sehr viele Dinge von Jonas Boldt in seinen fünf Jahren beim HSV als sehr positiv und für den HSV als sehr zuträglich empfunden habe, gilt es hier zu sagen:

Alles Gute, Jonas Boldt!

Und vielen Dank für die fünf intensiven Jahre, in denen sehr viel gelungen ist, sehr viel entwickelt wurde und sehr viel fortgeführt wurde. Der HSV ist finanziell in ruhigere Fahrwasser gekommen, was nicht zuletzt auch der finanziell bescheideneren Transferpolitik des HSV geschuldet war. Es wurden weniger Abfindungen gezahlt, es wurde Konstanz nicht nur gefordert, sondern auch vorgelebt. Und es wurde intern ein Arbeitsklima geschaffen, das dazu führte, dass der Großteil der Angestellten für einen Verbleib Boldts war.

Die klaren Positionierungen in der Causa Jatta, der überlegte, schlaue Umgang mit der Corona-Phase und nicht zuletzt auch die Unterstützung für Vuskovic haben einen Weg beim HSV vorgegeben, den Boldts Nachfolger Stefan Kuntz hoffentlich so weiterführen wird. Und: Boldt wusste sich vor allem auch in dem vereinspolitisch schwierigen Wirrwarr immer wieder zu behaupten – was vor ihm lange niemand mehr geschafft hat. Dass dazu auch einige fragwürdige Entscheidungen wie die Entlassung von Michael Mutzel gehörten, sollte man an dieser Stelle allerdings auch nicht vergessen.

Letzten Endes muss man sagen, dass Boldt auf einem Weg war, sich zu dem seit Jahrzehnten benötigt starken Mann an der Spitze zu entwickeln - hätte er sich nur nicht so böse mit Tim Walter verrannt. Bei dem Coach ist das Resümee sehr ähnlich gelagert. Denn auch Walter hat einen riesigen Impact auf die positive Entwicklung des HSV der letzten Jahre gehabt – bis er aus falschem Stolz an einer Kleinigkeit (er wollte partout die Defensive nicht mehr absichern) scheiterte. Eine „Kleinigkeit“, die den HSV aber letztlich wiederholt den Aufstieg verpassen ließ – und damit auch Boldts Ende besiegelte.

Ich weiß, dass hier viele immer nach dem Rausschmiss Boldts geschrien haben. Und sportlich ist das, das wird auch Jonas Boldt selbst nicht leugnen, auch absolut zu argumentieren. Aber auch hier möchte ich wieder den Vergleich zu Tim Walter heranziehen, dessen Entlassung zwar logisch war, dessen Entlassung den HSV aber ob des Zeitpunktes vor mehr Probleme als Lösungen stellte. Denn die Aufgabe für Stefan Kuntz, einen so komplexen Verein wie den HSV in allerkürzester Zeit kennenzulernen, für sich zu gewinnen und sich selbst dort zurechtzufinden, wird nicht leicht. Den Kader und die sportlichen Strukturen neu aufzustellen wird sogar noch schwerer. Hierzu passt, dass Boldt unmittelbar am Tag seiner Demission noch die Verpflichtung von Lukasz Poreba klarmachte. Ob Kuntz den Mittelfeldspieler auch wollte? Es ist zu hoffen - aber es ist eben nicht sicher.

Der Aufsichtsrat indes hat, um in den Vergleichen zu bleiben, beim Vorstandswechsel ein wenig die Rolle von Jonas Boldt beim Trainerwechsel eingenommen: Auch die Räte haben etwas Nachvollziehbares deutlich zu spät vollzogen. Und während man Boldt die fatale Sorge um seinen Job bei einer Walter-Entlassung seinerzeit noch als wenig schmeichelhaften „mildernden Umstand“ nachsagen kann, macht es schon allein der Umstand, dass die Kontrolleure nicht um ihren Job/ihr Amt fürchten mussten, für mich so unverständlich, weshalb man diese Entscheidung (pro oder contra Boldt) nicht schon vor Wochen treffen und die Nachfolge vorbereiten konnte.

Wie bekannt, lag es daran, dass man einfach keinen neuen bzw. keinen geeigneten Kandidaten gefunden hatte. Ein Armutszeugnis für den Aufsichtsrat, dessen Vorsitzender Michael Papenfuß morgen zusammen mit Kuntz zu einer Pressekonferenz geladen hat. Dort wird der ehemalige Banker das Handeln der Kontrolleure rechtfertigen. Ähnlich, wie er es via Vereinshomepage bereits tat. Auf der Vereinshomepage sagt Papenfuß: „Nach dem Feststehen der Ligazugehörigkeit haben wir selbstverständlich auch Jonas die Gelegenheit gegeben, seine Analyse mit den aus seiner Sicht notwendigen Anpassungen vorzustellen.“ Wobei sich mir wie immer die Frage stellt: Was hat die Liga mit der Überzeugung zu tun, ob Boldt der richtige ist – oder eben nicht?

Egal wie, Papenfuß versucht sich und seine Ratskollegen naturgemäß aus der Schusslinie zu bekommen. Der ehemalige Banker sagte, das Gremium habe im Anschluss die finalen Analysen und Bewertungen vorgenommen. Schließlich sei der Kontakt zu Kuntz hergestellt und Boldt persönlich informiert worden. „Jahrelang war der Vorwurf an den Aufsichtsrat, dass er zu viel spricht und zu viel, teils direkt aus Sitzungen durchsickert. All das ist diesmal nicht passiert“, so der 69-Jährige. Eher hätten sich Außenstehende über die Medien ins Gespräch gebracht. „Und hinsichtlich der vermeintlichen Absagen möchte ich nur so viel sagen: Nach meinem Verständnis kann man Absagen nur dann erteilen, wenn es weiterführende Gespräche und entsprechend ein Angebot gab“, betonte er. Und diese habe es ausschließlich mit Kuntz gegeben. Also letzte Woche. Papenfuß: „Wir haben aber nur einem einzigen Kandidaten ein Angebot unterbreitet – und dieses ging an Stefan Kuntz.“

Wie auch immer, dieser Ablöseprozess von Boldt zu Kuntz war alles andere als ruhmreich vom Aufsichtsrat. Inwieweit die Entscheidung die richtige ist, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Ebenso die Entscheidung, dass man sich wider die Forderungen anderer gegen einen dritten Vorstand entschieden hat. Eine Erweiterung des Vorstands auf drei Positionen ist laut Papenfuß aktuell kein Thema. «Damit beschäftigen wir uns derzeit nicht. Die Organisation und Führung der HSV Fußball AG ist stark und voll handlungsfähig“, sagte er. Neben Kuntz ist weiterhin Eric Huwer für die Finanzen verantwortlich.

In diesem Sinne, an dieser Stelle noch einmal einen herzlichen Dank für fünf intensive Jahre als Vorstandsvorsitzender, Jonas Boldt! Und im selben Atemzug: Herzlich Willkommen, Stefan Kuntz! Über den neuen Mann an der Spitze sprechen wir dann morgen nach der Pressekonferenz.

Bis dahin!

Scholle

P.S.: Michael Papenfuß äußerte sich auch zu der Personalie Felix Magath. Die HSV-Legende hatte sich über Eugen Block und Klaus Michael Kühne ins Gespräch gebracht und bei Papenfuß angerufen. Magath hatte sich zuletzt öffentlich beschwert, dass ihn Papenfuß nicht zurückgerufen habe. Er habe sich bei Magath entschuldigt, sagte der Kontrollchef.  „Dazu möchte ich allerdings anmerken, dass ich Felix Magaths Anruf natürlich nicht ignoriert habe, sondern ihn sofort im Personalausschuss des Aufsichtsrates erwähnt habe.“ Daraufhin habe ihn einer von Papenfuß' Kollegen angerufen, „so wie wir es gemäß der Aufgabenteilung im Rat besprochen hatten, womit für mich der Rückruf erledigt war“. Thema erledigt.

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