Auf der Suche nach der perfekten Kaderstruktur
Das Transferfenster ist seit einigen Tagen geöffnet und der HSV war gezwungen zu handeln. Der erwartbare Ausfall von Mario Vuskovic und der sich abzeichnende Abgang von Tim…

Von Robert Hoyer
Das Transferfenster ist seit einigen Tagen geöffnet und der HSV war gezwungen zu handeln. Der erwartbare Ausfall von Mario Vuskovic und der sich abzeichnende Abgang von Tim Leibold reißen vor allem in der Verteidigung Lücken, die es zu füllen gilt. Mit zwei Leihen (Katterbach und Montero) konnte dies zunächst kurzfristig aufgefangen werden. Dabei stellt sich einmal mehr die Frage nach der perfekten Kaderstruktur, die Ausfälle gekonnt auffängt und den akuten Handlungsdruck minimieren. Positionstechnisch gibt es die Idealvorstellung, dass der erweiterte Kader jede Position dreifach besetzt. Ein Stammspieler, der konstant Leistung bringt, ein Herausforderer, der den Stammspieler unter Druck setzt und zudem noch als Back-Up fungiert und ein Top-Talent aus dem Campus, welches an den Profibereich herangeführt werden soll. Im Idealfall ergibt sich so ein unendlicher Kreislauf, bei dem die Herausforderer zu Stammspielern werden und die Talente zu den nächsten Herausforderern. Auf der Torwartposition hat man bspw. mit Heuer Fernandes einen erfahrenen Stammspieler, mit Matheo Raab einen jungen Herausforderer als Back-Up und mit Leo Oppermann ein Talent aus dem HSV Campus.
Führungskraft, Backup und Talent sind nötig
So weit, so schön - theoretisch. Leider entwickelt sich jedoch im Nachwuchs nicht immer und vor allem nicht für jede Position ein geeigneter potentieller zukünftiger Stammspieler. Auch können Stammspieler oder Herausforderer durch finanziell verlockende Angebote kurzfristig abgeworben werden oder längerfristig durch Verletzungen ausfallen, ohne dass der Nachwuchs sofort eine passende Lösung parat hat. In diesem Fall gilt es durch externe Transfers diese Lücken zu schließen.
Beim HSV gibt es leider noch einige Handlungsfelder, um diese perfekte Kaderstruktur zu erreichen. Im Sturm hat man mit Robert Glatzel den idealen Stammspieler und mit Tom Sanne das Top-Talent aus dem Campus. Letzte Saison hatte man mit Wintzheimer, Meißner und Kaufmann noch drei Herausforderer, jetzt keinen mehr. Am besten wäre ein Stürmer Anfang 20 mit ersten Profierfahrungen und dem Hunger mittelfristig Stammspieler zu werden. Wer ruft zuerst nach Fiete Arp?
Auf der Innenverteidigerposition hat Jonas David die Chance nach Vuskovics Ausfall vom Herausforderer zum Stammspieler zu werden. Valon Zumberi schafft in dieser Saison möglicherweise den Schritt vom Talent zur nächsten Phase. Dennoch: Mit nur einer Entwicklungskette (Schonlau (Stamm), David (Herausforderer), Zumberi (Talent)) wird man nicht weitkommen, immerhin muss die IV-Position im Spiel doppelt besetzt sein. Im derzeitigen Kader bliebe nur Mo Heyer als Stammspieler, der jedoch zwingend als Rechtsverteidiger gebunden ist. Wenn man ganz streng ist, benötigt es also für jede Entwicklungsebene einen neuen Innenverteidiger.

Mit Francisco Montero wurde nun die erste Lücke leihweise geschlossen. Er wird sich wohl mit David darum streiten, wer Stammspieler wird. Für den Sommer würde ich perspektivisch noch Almamy Toure in den Ring werfen. Er steht bei Frankfurt auf dem Abstellgleis und kann sowohl IV als auch RV spielen. Mit 26 ist er im besten Stammspieleralter und wäre zudem etwas schneller als IV-Partner Schonlau. Ob sich im HSV-Campus noch ein talentierter IV befindet, kann ich leider nicht beurteilen. Von einer Rückholaktion Boatengs halte ich - wie zum Glück auch der HSV - nichts.
Boateng ist kein Thema - dafür junge Talente
Auf der Linksverteidigerposition verlässt der ehemalige Stammspieler Leibold den HSV und geht in die Pay-Phase seiner Karriere über – auch wenn sein Salär beim HSV sicher auch nicht das schlechteste gewesen sein wird. Muheim hat längst den Schritt vom Herausforderer zum Stammspieler geschafft. Bent Andresen ist das Talent aus dem Campus. Die Frage ist nach Leibolds Abgang, wer Miro Muheim aktiv herausfordert. Etwas mehr Qualität würde der Position zudem sicher nicht schaden. Der HSV hat sich dabei für eine Leihe Katterbachs entschieden, der ja im Blog schon ausführlich beschrieben wurde. Er wird Muheim herausfordern, den HSV allerdings nach einem halben Jahr auch schon wieder verlassen. Im Sommer gilt es also hier wieder nachzurüsten.
Auf der Rechtsverteidigerposition sind die Karten scheinbar klar verteilt. Heyer ist der Stammspieler, Mikelbrencis soll der Herausforderer sein, tut sich aber schon mit dieser Rolle schwer. Er scheint auch im jüngsten Test gegen Köln nicht überzeugt zu haben. Das Talent könnte der jetzt mit ins Trainingslager reisende Kisilowski werden. Grundsätzlich also alles in Ordnung, wobei ich persönlich Heyer (wie von mir bereits beschrieben) lieber als Option für das Mittelfeld oder als Ersatz für die IV hätte.
Womit wir auch schon beim zentralen Mittelfeld wären. Den offensiveren Part belegt Benes als Stammspieler. Er hat auf dieser Position momentan Sonny Kittel verdrängt, welcher womöglich spätestens zum Ende der Saison einen ähnlichen Weg wie Leibold einschlagen wird. Suhonen ist der (leider verletzungsanfällige) Herausforderer. Megeed das Talent. Für den 8er und 6er Part stehen Reis und Meffert als unumstrittene Stammspieler. Elijah Krahn ist für beide Positionen ein Talent. Fragt sich, wer die beiden Stammspieler herausfordert. Maxi Rohr ging vor der Saison auf eigenen Wunsch, Heyer steckt auf der RV fest. Ein defensiver Mittelfeldspieler würde der Kaderbreite also guttun. Tim Breithaupt (KSC) ist wohl schon für Höheres berufen (mehrere Interessenten aus der Bundesliga). Ron Schallenberg (SCP, Vertrag läuft aus) hätte wohl den Anspruch direkt Stammspieler zu sein. Andreas Müller (20, Vertrag läuft aus) spielt bei Magdeburg eine gute Rolle, ist mit 1,73 aber deutlich kleiner als Stammspieler Meffert (1,86).

Abschließend noch die Flügelpositionen: Links ist aktuell Dompé gesetzt und auf rechts eigentlich Jatta mit Königsdörffer als ersten Herausforderer. Bleiben für die Position des Herausforderers von Dompé: Amaechi, Bilbija und Heil. Das sind zwei Spieler zu viel, die zudem potentiellen Talenten den Platz im Kader klauen. Davon hat der HSV nämlich zurzeit keine in der Mannschaft. Empfehlung wäre demnach zwei der drei zumindest zeitweise abzugeben. Die Frage welche Talente dafür reinrücken, dürfe gerne andere beantworten. Der Name Robin Velasco geistert ja schon gefühlt seit Jahren durch diesen Blog.
Der hier diskutierte Dreiklang-Ansatz ist natürlich in erster Linie eine Idealvorstellung, die nicht von jetzt auf gleich umgesetzt werden kann. Als Leitlinie können dadurch jedoch möglicherweise Überangebote (wie jetzt auf dem Flügel) und Bedarf langfristig besser geplant werden. Der Ausfall von Vuskovic ließ sich natürlich nicht planen und behindert auch das Füllen der Lücken auf anderen Positionen. Aber mit jeder Transferphase sollte man dem Ziel einer Idealbesetzung zumindest etwas näherkommen. Dabei hilft übrigens auch Konstanz auf der Trainerposition, um die Transferstrategie nicht immer wieder an neue Spielsysteme anpassen zu müssen. Oder man schafft es natürlich unabhängig vom Trainer eine eigene Vereinsphilosophie durchzusetzen. Der FC Bayern lässt grüßen. Tim Walter auch?
Auch mein Namedropping ist in ein Verhältnis zu setzen. Mein Wissen über Spieler ist begrenzt und geht kaum über Deutschland hinaus. Im Zweifel gibt es in Skandinavien oder der zweiten französischen Liga viel bessere Kandidaten. Und abschließend noch die Bemerkung, dass eine Mannschaft natürlich nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ gut zueinander passen muss. Dass zum Beispiel eine Innenverteidigung zwingend einen Führungsspieler wie Schonlau benötigt und nicht nur aus zwei „Kommandoempfängern“ bestehen sollte, haben David und Vuskovic schon gezeigt. Soft skills sind also auch entscheidend.
Ich denke dennoch, dass der HSV bei seiner Kaderstruktur auf einem guten Weg ist. Man hat eine gute Achse mit Führungsspielern in jedem Mannschaftsteil (DHF, Schonlau, Meffert, Glatzel). Einige vielversprechende Herausforderer (Raab, Suhonen, Königsdörffer) und einige Talente gehören nun schon seit einiger Zeit dauerhaft zum Kader (Zumberi, Andresen, Krahn). Nun kommt es darauf an, an den geschilderten neuralgischen Stellen sinnvolle Verstärkungen zu finden. Kurzfristig hat man das mit zwei Leihen geschafft. Langfristig braucht es andere Lösungen, vor allem wenn möglicherweise am Ende der Saison doch der Aufstieg winken sollte. Dann muss im Blick auf eine erstligataugliche Mannschaft die Qualität der einzelnen Mannschaftsteile sicherlich noch kritischer beleuchtet werden. In diesem Sinne: Nur der HSV!
AKTUELL:
- Torwart Daniel Heuer Fernandes musste das Training heute verletzt abbrechen. Sein Einsatz morgen im abschließenden Testspiel gegen Vancouver scheint ausgeschlossen.
- Mario Vuskovic hat seine Stellungnahme zu seinem Doping-Fall beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) eingereicht. Das bestätigte der DFB am Dienstag auf Anfrage. In seinem Schreiben hat der kroatische Innenverteidiger nach Informationen des Hamburger Abendblatt seine Unschuld beteuert und Einspruch gegen seine vorläufige Sperre erhoben. Das DFB-Sportgericht sperrte Vuskovic vom 15. November an im Rahmen einer einstweiligen Verfügung bis auf Weiteres. Er muss sich alleine fit halten. Im schlimmsten Fall muss er mit einer Sperre von vier Jahren rechnen. In der vergangenen Woche hatte der DFB bekannt gegeben, die Frist zur Abgabe der Stellungnahme bis zum Dienstag verlängert zu haben. Nachdem nun die Stellungnahme vorliegt, wird der DFB-Kontrollausschuss entscheiden, ob Anklage beim Sportgericht erhoben wird. Dies gilt als sicher. Wann es zu einer mündlichen Verhandlung kommt, ist derzeit noch offen. (dpa)
Bis morgen!
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