Auf der Suche nach dem Sortierer
Es ist ein massiver Unterschied, ob man sich beim HSV als so genannter Experte im direkten Umfeld bewegt und seine Meinungen äußert, oder ob man selbst in der Verantwortung…

Es ist ein massiver Unterschied, ob man sich beim HSV als so genannter Experte im direkten Umfeld bewegt und seine Meinungen äußert, oder ob man selbst in der Verantwortung steht. Soll heißen: Während wir hier rausbretzeln können, was uns gerade durch den Kopf geht, müssen die Verantwortlichen immer den Weitblick haben, sich alle Spieler warmzuhalten. Man weiß ja nie…! Daher kann ich auch die Verwunderung einiger nicht verstehen, die von Trainer Daniel Thioune klare Kante gegenüber Spielern wie Gideon Jung fordern. Vor allem: Was genau versteht Ihr unter dieser klaren Kante?
Ich bin mir sicher, dass niemand erwarten darf, dass der Trainer sagt, was er denkt. Der Trainer muss die Diplomatie bewahren, um für alle personellen Situationen gewappnet zu sein. Es ist vielmehr genau das, was wir bei vielen Vorgängern kritisiert hatten. Ich vorneweg. Ich hatte immer wieder bemängelt, dass Spieler faktisch oder zumindest inhaltlich von den Trainern aufs Abstellgleis geschoben wurden und somit nicht mal für den allergrößten Notfall zu gebrauchen wären. Immer wieder waren Spieler deaktiviert worden. Und genau das vermeidet HSV-Trainer Daniel Thioune in diesem Fall.
Thioune schützt seine Spieler - und schürt Konkurrenz
Er schützt seine Spieler, ohne sie aus Prinzip spielen zu lassen. Er macht ihnen klar, dass sie sich das Spielen verdienen müssen – alle gleichermaßen. Aber eben alle auch unter gleichen Bedingungen. Das macht den Trainer ausrechenbar für die Spieler. Die Spieler wissen genau, was sie leisten müssen, um seinen Anforderungen zu genügen. Und das wiederum ist die bestmögliche Grundlage für das so lange in Hamburg vermisste Leistungsprinzip.
Was das für Montag bedeutet? Sehr viel! Denn diese Woche hat wirklich kein Spieler, der in Würzburg in der Startelf stand, das Recht, seinen Platz als gesichert zu sehen. Zumindest theoretisch nicht. Dass ein Leibold ebenso wie ein Gyamerah, ein Terodde und auch ein Sven Ulreich nahezu sicher sein dürfen, am Montag wieder zu beginnen – klar. Aber der gesamte Rest der Mannschaft eben nicht. Jung, Kittel, Kinsombi, Narey und Hunt müssen zittern, Onana fällt gelbrotgesperrt eh aus. Mit den Worten „Diese Woche wird intensiver als sonst, anders. Jeder kann sich anbieten“, hatte Daniel Thioune gestern den internen Konkurrenzkampf noch einmal angeheizt. Und das ist gut so. Das macht sich im Training positiv bemerkbar.
Apropos Training, da hat es beim kommenden Gegner heute ein wenig Knatsch gegeben. Nach einem verbalen Ausrutscher von Ersatzkeeper Svend Brodersen gegenüber einem Mitspieler („Halt‘ die Fresse!“) musste dieser vorzeitig den Trainingsplatz verlassen. Trainer Timo Schultz hatte seinen Keeper mit den Worten „Sowas will ich hier nicht hören“ vom Platz geschickt. Kann man so machen – muss man aber nicht…
Ich weiß aus eigener Erfahrung noch, dass schwierige Phasen (jeder hat die mal) durchaus mal zu einer unüberlegten Handlung auf dem Platz führen können. Da haut man dann schon mal einen um, weil man frustriert ist oder pöbelt einen an, weil man Dampf ablassen muss. Aber solange man niemanden körperlich verletzt und sich im Anschluss verträgt, indem man die Dinge ausräumt ist das alles okay, finde ich. Es sind Dinge, die zwar nicht sein müssen – die aber durchaus mal sein dürfen. Ich hätte mir am Sonntag in Würzburg beispielsweise einen lautstarken Spieler auf dem Platz gewünscht, der mal dazwischenhaut und allen klar macht, so geht das nicht weiter.
Dem HSV fehlen auf dem Platz die Leader - mal wieder
Problem diesmal: Auf dem Platz hatten alle genug mit sich selbst zu tun. Und ein Toni Leistner, der sich verbal als einer der ganz wenigen auch dann nach vorne traut, auch wenn er selbst mal ein wenig wackelt, der fehlte. Und der wird auch am Montag gegen den FC St. Pauli fehlen. Von daher wird der Trauner und sein Team in dieser Woche wichtiger denn je. Auf Thioune, Merlin Polzin und Co. kommt es jetzt an, der Mannschaft Dampf zu machen. So, wie es beim FC St. Pauli im Training gerade zu sein scheint.
Es würde mich freuen, wenn sich in solchen Momenten andere Spieler mal nach vorn trauen, Verantwortung zu übernehmen. Aaron Hunt beispielsweise hatte die Chance schon mehrfach und hat sie häufiger liegen gelassen als genutzt. Er ist verbal auch kein Lautsprecher, sondern kommt allein über das Fußballerische. Folgen würden alle im Team beispielsweise einem gut funktionierenden Keeper Sven Ulreich oder auch dem verletzten Klaus Gjasula – womit das Dilemma bei beiden schon beschrieben ist. Auch Simon Teroddes Wort hat in der Mannschaft Gewicht – aber als Stürmer ist es schwierig, über den ganzen Platz vernommen zu werden.
Wer bleibt: Ambrosius? Ist noch zu jung und zu frisch Leistungsträger. Außerdem macht er seine Arbeit ebenso gut wie sie ihn auslastet. Ihm diese Bürde aufzulasten wäre kontraproduktiv. Ebenso bei Sonny Kittel, Bakery Jatta und Jeremy Dudziak. Selbst die etwas erfahreneren Jan Gyamerah und Moritz Heyer müssen sich mehr auf ihr eigenes Spiel konzentrieren, als dass sie Kapazitäten zum Führen der anderen hätten.
Kann Kinsombi Verantwortung schultern?
Und genauso wie ich weiß, dass sich Führungsspieler herauskristallisieren und nicht bestimmt werden können, so habe ich nur einen einzigen Spiele im aktuellen Kader, dem ich die Rolle des Anführers zutrauen würde: David Kinsombi. Und das sage ich nach dem Würzburg-Spiel, in dem sich Kinsombi auffällig mehr versteckte als voranzugehen. Aber wenn ich mir seine Zeit bei Holstein Kiel noch einmal vor Augen führen und von allem Erzählten 20 Prozent abziehe, reicht das immer noch, um von einem richtig guten Leader zu sprechen. Und mir würde es schon reichen, wenn Kinsombi am Montag auf dem Platz sortiert, wenn er dafür sorgt, dass die Ordnung nicht aus den Augen verloren wird wie in Würzburg.
Egal wie, bis einer der Spieler das Zepter in die Hand nimmt, wird der Trainer es richten müssen. Er wird der Mannschaft Feuer machen müssen, um sie wieder in die Spur zu bekommen. Sätze wie „es liegt immer an uns, wie das Spiel endet“ halte ich nach den letzten Jahren für eher kontraproduktiv. Und zum Glück kommen die auch nicht vom Trainer, der stattdessen von „mehr Arbeiten“ spricht, wenn er über die Tage bis zum Stadtderby parliert. Nur gut, dass er diese Arbeit auch in den (heute zwei) Trainingseinheiten unermüdlich und so lautstark einfordert, dass ihm die Mannschaft folgt.
Ich folge jetzt erst einmal dem Ruf meiner Freunde vom Hansetalk, die mich für den heutigen Donnerstagabend zum Talk bei „Clubhouse“ eingeladen haben. Mit dabei sein wird auch mein Freund Janik Jungk, dem ich Euren Wunsch noch einmal andienen werde, beim Communitytalk noch mal mit mir zusammen zu moderieren! Drückt also mal die Daumen, dass ich ihn dazu bewegen kann…
In diesem Sinne, bis morgen!
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