Altlasten und unstimmige Kaderzusammenstellung - dieser HSV muss sich neu aufstellen
Klaus-Michael Kühne hat sich mal wieder zu Wort gemeldet, nachdem es wirklich lange sehr ruhig um ihn geworden war – in Bezug auf den HSV zumindest. Und Kühne hat seinen HSV…

Klaus-Michael Kühne hat sich mal wieder zu Wort gemeldet, nachdem es wirklich lange sehr ruhig um ihn geworden war – in Bezug auf den HSV zumindest. Und Kühne hat seinen HSV nach der bislang schwächsten Hinrunde kritisiert. Der zweitgrößte HSV-Gesellschafter des HSV rechnet zumindest jetzt schon damit, dass der HSV nicht aufsteigt. Trotz der nur drei Punkte Rückstand auf Tabellenführer SV Elversberg. „Ich fürchte in der Zweiten Liga kritisiert. Am Ende steigen Nobodys auf, aber nicht der HSV. Mir fehlen die ehrgeizigen Spieler“, sagte der 87 Jahre alte Multimilliardär und stößt eine Debatte beim HSV an, die sich nunmehr seit Monaten schon trägt.
Denn angesichts der vielen gleichen Gesichter im HSV-Kader, die die immer gleichen Nicht-Aufstiege mitverursachen, muss man über die Mentalität im Team – und letztlich auch über die gesamte Haltung des HSV diskutieren. Auf Vorstandsebene hat man sich mit Stefan Kuntz personell neu aufgestellt, ansonsten hat sich nichts verändert. Auch der Kaderplaner der letzten Jahre wurde beibehalten. Claus Costa, seines Zeichens ein enger Vertrauter von Ex-Vorstand Jonas Boldt ist weiterhin federführender Kaderplaner – und er scheint auch dieses Jahr wieder gute Spieler gefunden zu haben. Problem hierbei: Sie funktionieren beim HSV nicht gut. Bis auf Elfadli. Dennoch sehe ich Adam Karabec, einen Silvan Hefti, einen Davie Selke sowie einen Sahiti als Spieler, die den HSV stärker machen könnten. Jeder für sich genommen. Aber allesamt funktionieren nur partiell – nicht aber zusammen mit der Mannschaft im Ganzen. Aber genau darauf kommt es an!
Der HSV findet keine passende Kaderzusammenstellung
Wobei bitte eines klar sein muss: Ich will hier die Schuld nicht auf die Neuen allein schieben, im Gegenteil: Stimmt das kadertechnische Korsett nicht, helfen auch einzelnen gute, neue Spieler nur bedingt. Ein Robert Glatzel macht den HSV gleich eine Stufe stärker – ein Davie Selke trotz durchaus überdurchschnittlicher Zweitligaqualität eben nicht. Ein Adam Karabec scheint nicht der Typ Spielmacher zu sein, sondern einer, der in einem funktionierenden Mittelfeld wachsen muss. Und junge Spieler wie Sahiti, Baldé und auch der Bundesliga-unerfahrene Hefti brauchen einfach Eingewöhnungszeit. Von ihnen ist keine Führung zu erwarten – sie brauchen sie vielmehr.
Nicht umsonst, sondern völlig zurecht hatte Kuntz nach dem 2:4 in Elversberg im Oktober die erfahrenen Leistungsträger in die Pflicht genommen. Und damit sind vor allem die schon länger ansässigen Glatzel, Sebastian Schonlau, Jonas Meffert, Miro Muheim und Heuer Fernandes gemeint sein. Von ihnen erwartet Kuntz, dass sie die Mannschaft leiten und alle anderen die Möglichkeiten finden, sich bestmöglich zu adaptieren. Das aber funktioniert angesichts der HSV-Ansprüche nur mit einhergehendem sportlichem Erfolg, den ein achter Tabellenplatz nicht darstellt. Völlig losgelöst von der Theorie, man habe den besten Kader der Zweiten Liga – man hat zweifellos einen Kader, der individuell die Qualitäten für den Aufstieg mitbringt. Dass man dann aber nach all den Minusleistungen zuvor schon unter Baumgart jetzt auch nach dem Trainerwechsel zu Polzin noch mal eine solche Verweigerungs-Leistung wie die erste Hälfte und Teile der zweiten Hälfte in Ulm abliefert, lässt ein Urteil zu: Dieser Kader hat weder echte Führung noch in der Zusammensetzung die Qualität, die man ihm gern nachsagt!
Ich sehe die Theorie, dass der HSV zu viele Spieler im Kader hat, die schon zu oft nicht aufgestiegen sind, durchaus unterschiedlich. Den Gedanken, dass diese oben genannten Führungsspieler gar nicht aufsteigen wollen, weil sie in der Ersten Liga nicht gebraucht würden und dementsprechend ihre eigene Wohlfühlzone HSV gefährdeten, kann ich mir angesichts der Charaktere einfach nicht vorstellen. Alle eben genannten Spieler – Glatzel und Heuer Fernandes könnten sogar Erste Liga mitgehen - sind ehrliche Typen und von ihrer Einstellung her einwandfreie Sportsmänner. Darauf lege ich mich fest. Jeden einzelnen davon würde ich heute noch zum HSV holen, wenn sie noch nicht beim HSV gewesen wären. ABER: Das waren sie eben schon. Und die ständigen Nicht-Aufstiege hinterlassen Spuren bei und an ihnen, die man nicht leugnen kann und die man nicht leugnen darf!
Zweieinhalb Jahre ohne Vuskovic-Ersatz sind ein Armutszeugnis fürs Scouting
Im Gegenteil: Ich hatte ich im Sommer ebenfalls geschrieben, dass der HSV sich sportlich ein neues Gesicht zulegen muss. Einen Trainerwechsel wie den zu Baumgart hatte man seinerzeit recht effektlos bereits vorgenommen. Und dementsprechend taumelte die Mannschaft mit altbekannten Schwächen durch eine gnadenlos schwache Vorbereitung. In der Innenverteidigung hatte man es erneut verpasst, einen schnellen zweiten Mann neben Schonlau zu setzen – obwohl auch der Kapitän das letzte Mal richtig funktionierte, als Mario Vuskovic noch neben ihm auflief. Dass ausgerechnet Schonlau als Kapitän jetzt auch noch öffentlich andere Spieler anprangert, anstatt sich verantwortungsbewusst höchstselbst in die erste Reihe zu stellen und von sich mehr zu verlangen – das ist schwach. Und es wird ihm nicht helfen, eine höhere Akzeptanz zu erfahren. Im Gegenteil.
Und im Mittelfeld fehlte abgesehen von Meffert jegliche Konstanz. Da Meffert aber ein ruhiger Typ und kein „Aggressive Leader“ und zudem der Typ Spieler ist, der unauffällig für die Kollegen Bälle erobert und geschickt Räume zuläuft, fehlte es dem gesamten HSV-Spiel an Inspiration nach vorn – wie zuvor schon in der abgelaufenen Saison 2023/24. Dem Druck auf Karabec, hier sofort zu führen, wurde dieser nachvollziehbar nicht gerecht. Zumal nicht, nachdem auch Reis neben ihm erneut verletzt ausfiel. Dass der als Wunschspieler angepriesene, ideenlose Not-Kauf Marco Richter nicht diese Rolle einnimmt, war abzusehen.
Wichtiger als alles das ist aber, dass die Führungsspieler alle den Makel haben, dass ihnen mehrfach Verantwortung übertragen wurde und sie diese angenommen haben – und trotzdem nicht aufgestiegen sind. Sie sind individuelle allesamt Spieler, die allen anderen Klubs helfen würden. Einzeln. Aber zusammen? Beim HSV hat das nicht funktioniert. Es reicht eben nicht, die vermeintlich besten Spieler zu holen. Es ist immer entscheidend, die beste Mannschaft auf den Platz zu bekommen. Und dafür bedarf es eines klaren Plans der sportlichen Führung samt Vorstand, Trainer und Kaderplaner. Der Walter-Fußball war es nicht – Baumgarts Planlos-Gekicke noch weniger. Jetzt rückt mit Polzin jemand an die oberste Position, der bei allen diesen Trainern und davor schon in Assistenz verantwortlich war und dementsprechend sogar noch länger als alle anderen erfolglos versucht, aufzusteigen. Und: Wer von den Neuen und jungen Spielern soll dem Coach und den „Führungsspielern“ denn abnehmen, dass sie wüssten, wie es geht?
Kuntz muss umgestalten, wenn er nicht früh scheitern will
Nein, der HSV hat Entscheidungen für den Kader getroffen, die jeweils allein für sich genommen vertretbar sind – aber das allein reicht eben nicht. Denn die Zusammensetzung ist entscheidend. Und das passt wiederholt nicht. Hier hat der HSV es in diesem Sommer verpasst, entscheidende Reizpunkte auf dem Feld zu setzen. Da kann er noch so oft Trainer austauschen. An denen allein liegt und lag es nicht. Wichtiger wäre, dass die sportliche Leitung unter Federführung von Kuntz und Costa eine klare Idee entwickelt und dafür gezielt die richtigen Charaktere holt. Übrigens: Angefangen auf der Position des Trainers! Und das alles unabhängig von Preis und Vorgeschichte. Wie das geht, haben in den letzten Jahren immer wieder die sogenannten „Überraschungs“-Teams wie seinerzeit Paderborn, Bielefeld, ganz früher Union, zuletzt Heidenheim, St. Pauli, Kiel und eben aktuell Elversberg vorgemacht. Und Spoiler: Ich würde anfangen mit einem schnellen, zweikampfstarken Innenverteidiger…
In diesem Sinne, dieser HSV bedarf einer generellen Überholung. Personell in und um die Mannschaft herum ebenso wie konzeptionell in der langfristigen Ausrichtung. Und damit wird auch Stefan Kuntz schon in diesem Winter beginnen müssen, wenn er sich nicht schnell in die lange Reihe der in Hamburg gescheiterten einreihen will.
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