Spielbericht

Alarmierendes 1:2 gegen Karlsruhe - ohne Überzeugung wird das nichts

Gegen Braunschweig dachten alle – auch ich – noch an einen Ausrutscher. Der mutlose Auftritt gegen zehn Schalker wurde dann völlig zurecht scharf kritisiert. Aber was soll man…

Alarmierendes 1:2 gegen Karlsruhe - ohne Überzeugung wird das nichts

Gegen Braunschweig dachten alle – auch ich – noch an einen Ausrutscher. Der mutlose Auftritt gegen zehn Schalker wurde dann völlig zurecht scharf kritisiert. Aber was soll man bitte nach so einem Spiel wie dem 1:2 gegen den Karlsruher SC noch sagen? Drei sieglose Spiele in Folge, genau jetzt, wo es um alles geht – das ist ein Offenbarungseid. 90 Minuten, in denen man permanent das Gefühl hatte: Diese Mannschaft sch... sich bei jedem Ballkontakt in die Hose. Katastrophale Abstimmungsfehler, ein halbes Eigentor direkt nach dem Ausgleich – das war der mentale Totalschaden für diese instabile Truppe. Der KSC musste nicht mal glänzen – eine solide Leistung reichte locker zum verdienten Sieg.

Aus HSV-Sicht ist diese Niederlage ein fettes, blinkendes Alarmsignal, das niemand – auch nicht die sonst so ruhigen Trainer – schönreden darf. Ja, oben haben alle von Platz eins bis sechs gepatzt. Und? Das nützt gar nichts, wenn diese Mannschaft derart verunsichert auftritt. In dieser Verfassung holt der HSV auch in Darmstadt keinen einzigen Punkt. Jetzt braucht es endlich Erwachsenen-Fußball – mutig, gallig, klar im Kopf. Kein planloses, lahmes, ängstliches Ballgeschiebe mehr. Die Aufgabe, das Ruder rumzureißen, liegt jetzt beim Trainerteam und den Führungsspielern. Und zwar sofort, bevor die Konkurrenz Auf Augenhöhe ist.

Die Trainer müssen jetzt Lösungen finden – personell, taktisch, vor allem aber mental. Diese Mannschaft braucht jetzt Leader, die auf dem Platz vorangehen, anstatt sich zu verstecken. Jetzt ist die Stunde der Mefferts, Reises, Elfadlis und Selkes. Wer Führung einfordert, muss sie auch liefern. Und zwar mit Überzeugung, Kampfgeist und klarer Ansage.

Oder kurz gesagt: Der HSV braucht das komplette Gegenteil von dem, was heute abgeliefert wurde.

DIE EINZELKRITIKEN: 

Daniel Heuer-Fernandes: An ihm lag es nicht. Note: 4

William Mikelbrencis (bis 81.): Wer solche Außenverteidiger aufstellen muss, der muss auch mit solchen Fehlern rechnen. Der Franzose ist einer von mehreren Fehlern im System – und die Gegner nutzen diese inzwischen. Hier keinen Spezialisten verpflichtet zu haben war im Sommer wie im Winter fahrlässig. Für ihn gilt dasselbe wie für Hefti: Das ist auf der Position nicht zweitligatauglich. Da er heute nicht einmal die Standards absichern sollte, war er sogar komplett überflüssig. Note: 5,5

Fabio Baldé (ab 82.): Überfordert und die absolut falsche Wahl. Dass diese Einwechslung nicht auch mit Gegentoren bestraft wurde, lag nur an den fahrlässigen Karlsruhern. Als Offensiver in so einem Spiel mit diesem Verlauf rechts hinten eingewechselt zu werden, war Strafe genug. Ihm erspare ich daher die Note. 

Dennis Hadzikadunic: Sein Zweikampfverhalten vor dem (danach immer noch vermeidbaren) 0:1 war schwach, sein Aufbauspiel ebenso.  Und es wurde nicht besser. Im Gegenteil: ER hatte seine Nerven wie viele andere heute überhaupt nicht im Griff. Wie Hadzikadunic: Auch von ihm war es sein mit weitem Abstand schlechtestes Saisonspiel. Note: 5

Daniel Elfadli: Seine Gelbe Karte nach 27 Minuten war fragwürdig., sein Spiel nicht minder. Was war da los? Die Nerven? Schade, dass er seinen großen Worten nicht Taten folgen lässt. So, wie zuletzt in der Saison. Mit ihm im Verbund spielte der HSV heute komplett ohne Viererkette. Das war sein mit weitem Abstand schwächstes Saisonspiel. Note: 5

Silvan Hefti: Er brauchte keine zwei Minuten, um den KSC das erste Mal mit einem Fehlpass einzuladen. Dass der beste Mittelfeldspieler des KSC, Marvin Wanitzek, über seine Seite kam, machte es nicht leichter. Er will sich immer voll reinhauen, das ist erkennbar. Und er macht das vermutlich auch. Aber selbst so reicht es nicht. Note: 5

Jonas Meffert (bis 71.): Jetzt ist die Phase, in der er vorangehen und seine übernervösen Kollegen führen muss. Leider tut er es nicht ausreichend.  Note: 5

Ransford Königsdörffer (ab 71.): Das war nicht sein Spiel – und entsprechend wirkungslos blieb er dann auch. Weil er nur 20 Minuten hatte gibt’s keine 5 sondern die Note: 4,5

Adam Karabec (bis 59.): Er ackerte wieder sehr viel gegen den Ball, lief sehr viel. Er ist auch fast immer anspielbar – was sehr gut ist. Aber er dreht sich immer erst nach hinten mit dem Ball. Das ist eine sichere Variante, okay! Aber so geht immer wieder Tempo verloren, das gegen so massiert stehende Gegner wie den KSC wichtig ist. Als er angefangen hat, die Bälle vorwärtszuspielen und zu tragen, wurde es gefährlicher – siehe den herausgeholten Elfer. Aber sein Manko ist und bleibt der fehlende Wille, die Entschlossenheit. Note: 4,5

Immanuel Pherai (ab 59.): Ein Schatten dessen, was man sich von ihm eigentlich erhoffen dürfen müsste. Brachte keine Impulse trotz durchaus vorhandener Räume. Er scheint seine Chance gar nicht nutzen zu wollen, dabei wären seine Qualitäten jetzt so wichtig. Aber: Das sieht alles stark nach einer Trennung im Sommer aus – und macht wenig Hoffnung, dass er im Schlussspurt noch mal entscheidende Aktionen beisteuert. Note: 5

Jean-Luc Dompé: Seine Vertragsverlängerung wurde vor dem Abpfiff durchgesagt und groß gefeiert – er selbst begann sehr ruhig, fast schon zu verhalten. Die erste Hälfte war gar nichts! Sein erster Torschuss in der 65. Minute – das sagt schon einiges. Leider war das kein echter Startschuss für ihn. Er sit der Einzige, der mal allein etwas entscheiden kann – deshalb lässt man ihn auf dem Platz. Seine gezeigte Leistung indes hätte eine Auswechslung verdient gehabt.  Note: 4,5

Emir Sahiti (bis 80.): Seine Tempodribblings schaffen immer wieder mal wichtige Freiräume, sein Eins-gegen-Eins kann sehr wertvoll sein. Er war einer von Dreien, die sich nicht versteckt haben. Effektiv war er leider dennoch nicht. Note: 4

Otto Stange (ab 81.): Warum ihn nicht früher bringen? Er spielt unbekümmert, er ackert vorn und ist in seinen Strafraumaktionen unkonventionell und schwer zu verteidigen….

Ludovit Reis: Seine Präsenz ist wichtig, keine Frage. Aber auch von ihm müssen in einem solchen Spiel mehr Impulse, mehr Wachrütteler kommen! Note: 4

Davie Selke (bis 71.): Er trifft halt einfach – und wenn es - wie heute in der 42. Minute -per Elfer ist. Der Treffer war extrem wichtig, weil der HSV offensiv fast überhaupt nicht stattfand. Der Treffer gab Aufschwung – bis zum viel zu schnellen dämlichen 1:2 in der Nachspielzet der ersten Halbzeit, das dem HSV jeden Schwung nahm, bevor er ihn wirklich zu entfachen wusste.  Note: 3,5

Robert Glatzel (ab 71.): Traf den Pfosten, ist aber so (noch immer) keine Verstärkung. Note: 4

Trainer Merlin Polzin: Crunchtime! Jetzt, wo der Kopf ins Spiel kommt, zeigt sich, wer seine Mannschaft wirklich im Griff hat, wer die richtigen Entscheidungen trifft. Wenn eine Mannschaft dann aber so mutlos, so statisch, ideenlos und teilweise ängstlich agiert, dann hat das auch was mit dem Trainerteam und deren Vorbereitung der Mannschaft auf dieses Spiel zu tun. Wenn dann von außen während des Spiels keine entscheidenden Impulse kommen und eine Mannschaft ebenso mutlos aus der Kabine zurück auf den Platz kommt, dann ist das schwach. Dann fehlten auch in der Halbzeitansprache die richtigen Worte.  Ich kann nur hoffen, dass diese demonstrierte Ruhe vom Trainer(team) nicht dazu führt, dass die Mannschaft glaubt, mit so wenig Eigenverantwortung könnte es trotzdem klappen. Denn das kann es nicht.  Note: 5 

DAS SPIEL IM STENOGRAMM:

HSV: Heuer Fernandes - Hefti, Hadzikadunic, Elfadli, Mikelbrencis (81.Stange) - Meffert (71.Königsdörffer)- Reis, Karabec (59.Pherai) - Sahiti (82.Balde), Selke (71.Glatzel), Dompe

Karlsruher SC: Weiß - Jung (89.Pinto Pedrosa), Kobald, Beifus, Herold - Rapp, Jensen (89.Bormuth), Burnic (64.Heußer), Wanitzek - Ben Farhat (64.Schleusener), Conté (85.Hunziker)

Tore: 0:1 Ben Farhat (30.), 1:1 Selke (FE, 42.), 1:2 Wanitzek (45.+2)

Zuschauer: 57.000 (ausverkauft)      

Schiedsrichter: Florian Lechner (Hornstorf)

Gelbe Karten: Elfadli (27.) / Beifuß (4.), Burnic (50.) Jensen (67.), Heußer (90.)

STIMMEN ZUM SPIEL: 

Ludovit Reis: Wir sind sehr enttäuscht. Jeder in der Mannschaft und im Stadion hat sich etwas anderes vorgestellt. Natürlich wollten wir gewinnen und haben alles reingehauen. Es tut weh, am Ende mit 1:2 zuhause zu verlieren. Es zeigt, wie verrückt diese Liga ist. Es ist alles so eng beieinander. Es sind noch drei Spiele, wir haben noch drei Punkte Vorsprung. Wir dürfen nicht negativ werden oder zweifeln. Wir müssen jetzt weitermachen und nächste Woche in Darmstadt drei Punkte holen. 

Davie Selke: Es ist schwer, heute die richtigen Worte zu finden. Wir sind enttäuscht. Wir haben es nicht geschafft, diese Chance, die sich uns geboten hat, für uns zu nutzen. Es war alles angerichtet. Die Leute haben uns super nach vorn gepeitscht. Vor dem Spiel gab es Grund zur Freude und wir haben das Stadion auch mit dem Ausgleichstreffer angezündet. Es ist wichtig, dass wir jetzt trotzdem klar bleiben. Wir stehen nicht ohne Grund da oben. Wir haben uns das erarbeitet. Wir haben schon gezeigt, was wir zu leisten im Stande sind. Da müssen wir wieder hinkommen. Wir sind gefestigt. Deswegen bin ich nach wie vor davon überzeugt, dass wir eine Reaktion zeigen und es am Ende schaffen werden. Die Enttäuschung wollen wir heute zulassen und es auch mal sacken lassen. In der Kabine wurden bereits die richtigen Worte gefunden. Wir haben die Chance heute nicht nutzen können, aber es geht darum, in den letzten drei Spielen die Saison zu vergolden.

Robert Glatzel: Wir sind auf einen guten Gegner getroffen. Gleichzeitig haben uns auch das Spielverständnis und die Leichtigkeit im Ballbesitz gefehlt. Das waren die Hauptprobleme. Wir haben uns nicht so viele Chancen herausgespielt. Man muss versuchen, im Saisonendspurt bei sich zu bleiben. Natürlich spürt und sieht man, dass wir jetzt die Chance auf eine Vorentscheidung hatten und diese vergeben haben. Wir wollen einen kühlen Kopf bewahren und in Darmstadt das zeigen, was wir können. Fußball geht so schnell. Es ist jetzt im Endspurt eine Liga für sich. Nächste Woche kann die Welt wieder ganz anders aussehen. Darum geht´s jetzt: Voller Fokus auf das nächste Spiel und das Ding dort wieder umbiegen. 

Daniel Heuer Fernandes: In der ersten Hälfte haben wir das Balltempo, das wir uns vorgenommen haben, nicht ganz gefunden. Das mag von außen zermürbend wirken, aber wir sind einfach nicht so in unsere Abläufe gekommen. In der zweiten Hälfte hatten wir unsere Angriffe, konnten diese aber nicht richtig ausnutzen. Wir haben uns schwergetan, diese offensive Wucht zu entwickeln. Wir sind enttäuscht. Das muss man uns auch heute zugestehen. Denn natürlich war die Chance da, einen großen Schritt zu gehen. Es sind jetzt noch drei Spieltage, wir müssen die Kräfte bündeln und weiterhin stark bleiben. Unser Ziel ist klar. Und dieses Ziel ist in unserer Hand. 

Merlin Polzin: Die Enttäuschung bei uns allen, die es mit dem HSV halten, ist extrem groß. Wir haben es verpasst, nach dem 1:1 das Ergebnis in die Halbzeit zu bringen, um uns dort wieder sammeln zu können. Denn damit hatten wir eine nicht so gute erste Hälfte eigentlich wieder gutgemacht. Wir hatten eingefordert, dass wir klar und konsequent beim Verteidigen sein wollen. Denn uns ist bewusst, dass zum Ende einer Saison nicht nur schöner und attraktver Fußball zählt, sondern auch Klarheit im Verteidigungsverhalten. Das haben wir nicht geschafft. Deshalb sind wir sehr enttäuscht über diese Situation direkt vor der Pause. Wir haben die Dinge in Pause nochmal klar angesprochen. Wir hatten dann weitestgehend die Spielkontrolle, aber haben es zu langsam gestaltet, zu viele Kontakte gebraucht. Das hat uns Probleme bereitet. Wir haben versucht, mit vielen Wechseln noch Energie und Power reinzubringen. Leider ist daraus zu wenig entstanden.

Wir haben unterm Strich kein gutes Spiel gezeigt und hatten den Sieg damit auch nicht verdient. Unsere Überzeugung wird aber nicht schwinden, weil wir gegen einen echt guten Gegner ein Spiel verloren haben. Wir wissen genau, was uns in die jetzige Situation gebracht hat. Wir lassen uns nicht einreden, dass wir etwas nicht schaffen können. Wenn du einen Traum und ein Ziel hast, dann musst du es mit allem, was du hast, beschützen und dich gegen Widerstände durchsetzen. Damit fangen wir ab morgen mit der Analyse an.     

Christian Eichner: Kompliment an meine Mannschaft für einen verdienten Sieg. Wir hatten einen guten Start ins Spiel, haben die Duell gesucht und sind griffig in die Zweikämpfe gekommen. Zudem haben wir versucht, viel besser Fußball zu spielen, was uns über viel Phasen des Spiels gelungen ist. Es war im Vergleich zu den Vorwochen fußballerisch ein großer Schritt nach vorn. Um bei so einem Top-Team das Spiel zu ziehen, braucht man auch einen Spielverlauf, der auf deiner Seite ist. Das etwas schnellere 2:1 für uns war diesbezüglich der Changer in dem Spiel. Den größten Vorwurf, den wir uns machen müssen, ist, dass wir das Spiel gleich zu Beginn der 2. Hälfte nicht entschieden haben. Wir sind sehr happy über den heutigen Sieg.  

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