Analyse

Abkehr vom Leistungsprinzip: Boldt setzt weiter auf Walter

Das Gespräch würde entscheidend sein, heißt es. Eine intensive Analyse sollte allen Beteiligten die Entscheidung klarmachen, ob der HSV in seinem sechsten Jahr als Zweitligist…

Abkehr vom Leistungsprinzip: Boldt setzt weiter auf Walter

Das Gespräch würde entscheidend sein, heißt es. Eine intensive Analyse sollte allen Beteiligten die Entscheidung klarmachen, ob der HSV in seinem sechsten Jahr als Zweitligist gut genug aufgestellt ist, um endlich aufzusteigen. Soll heißen: Der aktuell Tabellendritte HSV lässt die für den sportlichen Bereich Verantwortlichen über sich selbst entscheiden – was an sich schon seltsam klingt. Deshalb hat der Sportvorstand Jonas Boldt auch angekündigt, die Gremien in die Entscheidung mit einzubinden. Laut Pressemitteilung wurde der Aufsichtsrat nur umfangreich informiert – nicht entscheidend mit eingebunden. Wobei hier eigentlich ein anderer Prozess aufgesetzt gehört. Denn die Koppelung von Boldt an Walter ist schon über eine gesunde Portion Loyalität hinaus. Nicht wenige sehen die Schicksale beider sogar direkt miteinander verbunden. Kein Wunder daher, dass Tim Walter offenbar bleiben darf. 

Zumindest sah es bislang – ungeachtet der Entlassung des potenziellen HSV-Kandidaten Steffen Baumgart in Köln – so aus. Mit anderen Worten: Tim Walter muss den Verantwortlichen Jonas Boldt und Claus Costa, beide hauptverantwortlich für den sportlichen Bereich, in dem Gespräch am Dienstag genau das gesagt haben, was seit zweieinhalb Jahren unverändert ist: Dass er eine Idee hat, wie der HSV defensiv stabiler stehen wird.  Die Fragen, die sich mir stellen: Ist es diesmal tatsächlich das erste Mal, dass die sportlich Verantwortlichen diese Frage dem Trainer stellen? Wenn ja, wäre das ein Eingeständnis eigener Unfähigkeit und ein Grund, dass auch sei eigentlich gehen müssten genauso gehen. Oder aber, es wurden hier schon mehrfach Pläne seitens des Trainers versprochen und die sportlich Verantwortlichen glauben, dass es diesmal so richtig in echt und in Wirklichkeit (*doppelschwör*) umgesetzt wird. Was nicht wirklich besser klingt.

Egal wie, die sportlich Verantwortlichen haben in den letzten Jahren vielleicht gute Spieler verpflichtet. Aber besser geworden ist der HSV nicht. Und das hat nicht nur einen Grund. Und nur, um das hier noch mal klarzustellen: Der HSV hat einen Kader mit der Qualität, aufsteigen zu müssen. Der HSV muss dieses Jahr auch mit Tim Walter aufsteigen. Die Frage ist nur, warum man nach zweieinhalb Jahren weiter an einem Plan festhält, der zweimal nicht funktioniert hat, und der den HSV nach der Hälfte der aktuellen Saison wieder nur auf Rang drei sieht. Punktemäßig noch schwächer als im Vorjahr.

TIEFGEHENDER AUSTAUSCH, ANALYSE ABGESCHLOSSEN

VORSTAND JONAS BOLDT, DIREKTOR PROFIFUSSBALL CLAUS COSTA UND DAS TRAINERTEAM HABEN DIE HINRUNDE DURCHLEUCHTET UND SICH AUF MASSNAHMEN FÜR DIE ZWEITE SAISONHÄLFTE GEEINIG

Die Analysen fielen klar und deutlich aus, die Diskussionen waren sachlich und dennoch intensiv. Am Ende wurde auch der Aufsichtsrat eingehend informiert. „Wir haben unsere interne Hinrundenbilanz abgeschlossen. Alle Beteiligten waren sehr detailversessen. Es war keine oberflächliche Betrachtung, sondern eine tiefgehende“, beschreibt HSV-Vorstand Jonas Boldt die Arbeit und Gespräche. Vorausgegangen waren zwei Tage, in denen die verschiedenen Protagonisten ihre persönliche Auswertung vornehmen sollten, dann wurden in unterschiedlichen Konstellationen Spielverläufe, Statistiken und Daten, Prozesse rund ums Team und persönliche Eindrücke besprochen und gespiegelt.

Das Resultat der Besprechungen und Analysen ist ein mit verschiedenen Einzelmaßnahmen und konkreten Veränderungen vereinbarter Plan, der ab Trainingsbeginn 2024 in die Tat umgesetzt werden soll. „Wir sind überzeugt, dass wir so die nächsten Schritte machen werden, um als Team noch stabiler, resilienter und erfolgreicher aufzutreten“, sagt Direktor Profifußball Claus Costa. Es handele sich bei den Einzelpunkten neben sportlichen Zielen um äußere Begleitumstände und auch um Alltagsabläufe, die leistungsfördernder gestaltet werden sollen. Spieler, Trainer und Staff sind gleichermaßen gefordert und in der Pflicht, ihren Anteil für diesen Erfolgsplan beizutragen. „Daran wird jeder gemessen“, so Costa.

„Dieser Analyseprozess war für uns alle wertvoll. Und es ist sehr gut, dass wir ihn im direkten Anschluss an die frischen Eindrücke der Hinrunde eingeleitet haben, ohne uns von Emotionen leiten zu lassen“, ergänzt Boldt. Dabei herrscht Einigkeit, dass das Halbjahresergebnis nicht gänzlich zufriedenstellend ausfällt, unterstreicht auch Trainer Tim Walter: „Wir haben noch Luft nach oben. Fokussiert, mit klarem Plan und neuer Energie werden wir in die Wintervorbereitung und vor allem in die zweite Halbserie gehen.“

Pressemitteilung des HSV vom 22.12.2023

Dass das eindimensionale Spielsystem Walters inzwischen mehr als ausrechenbar geworden ist, wird auch der hoffnungsloseste HSV-Optimist erkannt haben. Und auch ich weise auf die Gefahren dieses ebenso spektakulären wie anfälligen Spielsystems seit Walters erstem Speil hin. Dass ich im Netz immer wieder beleidigt werde, kenne ich schon. Das tangiert mich tatsächlich nicht. Aber ich muss mich bei dem einen oder anderen dann doch wundern, wie er alle sachlichen Auseinandersetzungen hier im Blog mit der Causa Tim Walter ignoriert und mir vorhält, dass ich Walter nicht mögen würde und ihn immer schon loswerden wollte. Denn ich habe weder etwas für noch gegen Walter. Er ist eine Position in dem Klub, über den ich berichte. Und hier bewerte ich seinen Aufgabenbereich ebenso wie bei jedem anderen – rational.

Fakt ist, dass in Hamburg keine Entwicklung stattgefunden hat, obgleich Walter seit jeher auf die fehlenden Nuancen hingewiesen wurde. Soll heißen: Die letzten vier, fünf oder mehr angekündigten, großen Analysen brachten keine Verbesserung. Warum also diesmal? Nein, Boldts Entscheidung, an Walter trotz allem festzuhalten, hat tatsächlich nicht mehr viel Lobenswertes. Sie stellt eher alles in Frage, was Boldt in Sachen Leistungskultur und Entwicklungsprozesse selbst proklamiert. Selbst seine zweifellose Loyalität wirkt hier eher wie ein Selbstschutz. Und so schön es wäre, es ist einfach kein guter Tag für den HSV, weil er in alte Muster zurückfällt: Jeder sichert sich selbst…

Und für alle Aufgeregten: Der HSV kann zweifellos auch so aufsteigen. Dafür ist der Kader so stark, dass er auch Schwierigkeiten wegstecken kann. Dann aber „trotzdem“ und nicht „weil“ er diese Entscheidung getroffen hat. 

In diesem Sinne, Euch allen ein schönes Weihnachtsfest. Genießt die Ruhe, lasst Euch reich beschenken und erholt Euch! Vor allem aber: Bleibt gesund!

Scholle

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