Spielbericht

90+7! Königsdörffer rettet den HSV in letzter Sekunde gegen BVB

Was für ein Fußballnachmittag im Volksparkstadion! Borussia Dortmund dominierte lange Zeit das Geschehen, doch am Ende bebte der Volkspark wie selten zuvor. Ransford-Yeboah…

90+7! Königsdörffer rettet den HSV in letzter Sekunde gegen BVB

Was für ein Fußballnachmittag im Volksparkstadion! Borussia Dortmund dominierte lange Zeit das Geschehen, doch am Ende bebte der Volkspark wie selten zuvor. Ransford-Yeboah Königsdörffer sorgte in der siebten Minute der Nachspielzeit für den Gänsehaut-Moment, den niemand mehr erwartet hatte - und rettete dem HSV mit seinem späten Treffer das verdiente 1:1 gegen den Champions-League-Teilnehmer.

Schon vor dem Anpfiff lag eine besondere Stimmung in der Luft. 57.000 Zuschauer, ausverkauftes Haus, Flutlicht, Gesänge - Hamburg hatte diesen Gegner sieben Jahre lang vermisst. Und auch wenn der BVB über weite Strecken das Spiel diktierte, war da von Beginn an dieser Wille, diese Leidenschaft, die den HSV ausmacht. Trainer Merlin Polzin musste kurzfristig auf mehrere Stammkräfte verzichten, hatte aber einen klaren Plan: Kompakt stehen, mutig umschalten - und bis zur letzten Minute an sich glauben. „Wir wussten, dass es heute Mentalität braucht - und die haben wir gezeigt“, sagte Polzin später, sichtlich stolz. „Dieses Tor ist der Lohn für eine Mannschaft, die sich nie aufgegeben hat.“

HSV zeigt Ordnung, Leidenschaft und Moral

Von der ersten Minute an war klar, dass der HSV hier alles reinwerfen würde. Schon nach fünf Minuten verhinderte Jordan Torunarigha mit einer spektakulären Rettungsaktion den frühen Rückstand. Der BVB kombinierte, der HSV kämpfte. Und je länger das Spiel dauerte, desto mehr fanden die Rothosen ins Spiel. Poulsen prüfte Gregor Kobel mit einem Distanzschuss, kurz darauf köpfte Nicolas Capaldo nach Gocholeishvili-Flanke an die Latte - die beste Chance der ersten Hälfte. Die Fans sprangen auf, der Volkspark vibrierte. Es war der Moment, in dem alle spürten: Hier geht heute was.

„Man hat die Energie gespürt – auf dem Platz, auf den Rängen, überall“, sagte Yussuf Poulsen nach dem Spiel. „Wir wollten zeigen, dass wir uns von drei Niederlagen nicht unterkriegen lassen. Und das haben wir getan.“ Mit großem Einsatz und disziplinierter Defensivarbeit hielt der HSV das 0:0 bis zur Pause. Jeder gewonnene Zweikampf, jeder geklärte Ball wurde von den Fans gefeiert, als wäre es ein Tor. So wurde das Spiel zum Sinnbild einer Mannschaft, die sich Stück für Stück wieder in die Bundesliga zurückkämpft.

Königsdörffer köpft den HSV ins Glück

Das Tor zum 1:1 Tor, v.l. Luka Vuskovic, Emre Can, Torschuetze Ransford Koenigsdoerffer (HSV), Nico Schlotterbeck, Guilherme Ramos, Daniel Svensson Foto: Witters

Nach dem Seitenwechsel erhöhte Dortmund den Druck. Nach einer Ecke prallte der Ball gleich mehrfach durch den Strafraum, ehe Chukwuemeka ihn wuchtig ins Eck hämmerte - 0:1 (64.). Ein Wirkungstreffer, aber keiner, der den HSV brach. Im Gegenteil. Polzin reagierte sofort, brachte frische Offensivkräfte. Glatzel hatte wenig später die Riesenchance zum Ausgleich, doch Kobel rettete. „Wir haben alles versucht, alles reingehauen“, sagte Glatzel später. „Aber manchmal braucht es eben einen, der in der letzten Sekunde da ist - und das war heute Ransi.“

Und so kam die Szene, die allen im Gedächtnis bleiben wird. Siebte Minute der Nachspielzeit: Muheim flankt ein letztes Mal von links, Königsdörffer steigt hoch - und köpft den Ball unhaltbar ins rechte Eck. 1:1! Das Stadion explodiert, Spieler, Fans, Trainer – alle liegen sich in den Armen. Königsdörffer, der lange auf sein Erfolgserlebnis warten musste, wird unter einem Berg aus Mitspielern begraben. „Das war pure Erleichterung“, sagte der Torschütze später. „Ich wollte einfach nur helfen, alles geben. Dass es dann so kommt - das ist einfach Fußball, das ist der HSV.“

Volkspark bebt nach emotionalem HSV-Comeback

Nach Abpfiff glich der Volkspark einem Festplatz. Gesänge, Jubel, Fahnenmeer - Hamburg feierte diesen Punkt, als wäre es ein Sieg. Und vielleicht fühlte es sich auch genau so an.

„Wir haben uns diesen Ausgleich gemeinsam mit den Fans erzwungen“, sagte Jean-Luc Dompé, der über 90 Minuten unermüdlich arbeitete. „Man spürt einfach, was hier entsteht. Wir haben gegen einen der besten Gegner der Liga gespielt und uns diesen Punkt erkämpft. Das zeigt, was in uns steckt.“

Auch Miro Muheim, der die entscheidende Flanke gab, sprach von einem verdienten Lohn: „Wir mussten sehr viel verteidigen, waren in den Zweikämpfen giftig, haben dem BVB kaum Raum gelassen. Und am Ende noch ein Tor zu machen - das fühlt sich einfach richtig an.“

Polzin war sichtlich bewegt: „Ich habe der Mannschaft gesagt: Wenn wir zusammenstehen, sind wir schwer zu schlagen. Das haben sie heute eindrucksvoll bewiesen. Der Fußball schreibt manchmal Geschichten, die du dir nicht ausdenken kannst - und heute war so ein Tag.“

HSV erkämpft sich Respekt und Hoffnung

Während der BVB enttäuscht von dannen zog, feierte der HSV sich, seine Fans und seine Rückkehr zur alten Stärke. Es war mehr als nur ein Unentschieden - es war ein emotionales Statement. „Wir haben heute den Volkspark wieder zu einem Ort gemacht, an dem die Leute träumen dürfen“, sagte Nicolai Remberg. „Wir haben alle für diesen einen Moment gearbeitet, in dem der Ball reingeht. Und als er drin war, war alles egal - Schmerz, Müdigkeit, alles. Nur Freude.“

Die Fans sangen noch lange nach dem Schlusspfiff. „Der HSV lebt“, hallte es von den Rängen. Und genau das tat er: mit Herz, mit Leidenschaft, mit dem Glauben, dass im Volksparkstadion immer alles möglich ist. 

Fazit:

Der HSV trotzt Borussia Dortmund ein 1:1 ab - und beweist, dass defensive Ordnung, Geduld, Kampfgeist, Leidenschaft und die unbändige Energie des Volksparks immer wieder Berge versetzen können. Dieses Spiel war mehr als ein Punktgewinn - es war ein Stück HSV-Seele. Für alle. Und für Königsdörffer im Besonderen. Der Match“winner“ brachte es nach dem Spiel auf den Punkt: „Ich bin einfach nur stolz. Auf die Jungs, auf die Fans, auf den ganzen HSV. Solche Momente vergisst du nie.“

DIE EINZELBEWERTUNGEN:

Daniel Heuer Fernandes: Hatte wenig bis nichts zu halten, musste trotzdem einmal hinter sich greifen. Das ist bitter. Aber: Er hat nichts falsch gemacht, war immer eine Anspieloption und hielt, was zu halten war. Note: 3

Giorgi Gocholeishvili (bis 64.): Er macht nach immer mächtig Dampf, nach vorn und nach hinten. Letzteres ist manchmal noch etwas zu wild – aber nie zu verhalten. Ihn runterzunehmen habe ich nicht verstanden. Note: 2,5

William Mikelbrencis (ab 64.): Ich verstehe es nicht. Absolute Fehlentscheidung! Zum wiederholten Male. Er brachte genau eine (von vielen) Flanken in den Strafraum. Ich verzichte auf Grund der Freude über den Punkt darauf, ihn zu bewerten. 

Nicolas Capaldo (bis 89.): Gut, dass er wieder da ist – denn so konnte Remberg wieder ins zentrale Mittelfeld. Dass er so köpfen kann (39.), wusste noch niemand. Schade, dass das Ding nicht drin war! Super giftiger Zweikämpfer, der sich auf der Position festgespielt hat. Richtig stark! Nimmermüder Kämpfer - ich hätte ihn nicht ausgewechselt. Note: 1,5

Fabio Baldé (ab 89.): Nur noch dabei. Ohne Wirkung.

Luka Vuskovic: Seine Aggressivität ist wichtig, sein Dirigieren Gold wert. Dass der HSV hier und heute selbst einem Champions-League-Teilnehmer das Toreschießen maximal schwer macht liegt zu einem ganz wesentlichen Teil an ihm. In der Luft schier unbezwingbar – und hart im Nehmen. Dass Guirassy ihn x-mal ungestraft unterlaufen durfte, war fahrlässig von Schiri Reichel, der allerdings auf beiden Seiten extrem viel laufen ließ. Note: 2

Jordan Torunarigha (bis 89.): Die schlechte Nachricht von der Verletzung Elfadlis war schon hart. Dass er dann dafür kommt – noch härter. Für mich zumindest. Aber dann begann er gut, rettete in der 5. Minute stark - und er war auch sonst gut im Spiel. Er war immer am Mann, gewann seine Zweikämpfe, klärte rigoros und fühlte sich im tiefen Defensivverbund deutlich wohler als zuletzt, wo er immer wieder Teil des Spielaufbaus war. Denn das kann er echt nicht. Nicht mal unbedrängt. Note: 3

Guilherme Ramos (ab 89.): Wäre es nicht Königsdörffer gewesen – er hätte ihn auch reingeschädelt. Geiler Typ – und in solchen Situationen tatsächlich noch mal ein Faktor!

Miro Muheim: Er ist endlich in der Ersten Liga angekommen!! War zuletzt schon gut mit einer positiven Tendenz, und er machte es heute auch defensiv (zumeist im Verbund mit Torunarigha) richtig gut. Am Ende war er über die linke Seite mehr Antreiber als Dompé. Folgerichtig bereitete er auch den Ausgleichstreffer mit seiner schönen "Inbound"-Flanke (O-Ton Kovac) vor. Kurzum: Einfach gut! Note: 2

Albert-Sambi Lokonga: Ihm fehlt Tempo, das wurde heute noch mal deutlich gegen die schnellen Dortmunder. Aber seine Ruhe am Ball tut gut, wenn man so unter Druck steht wie heute gegen den BVB. In der zweiten Halbzeit wurde er noch besser, steuerte auch offensiv einiges bei. Note: 3

Nicolai Remberg: Zum Glück wieder im defensiven Mittelfeld, wo er für den HSV am wertvollsten ist. Inzwischen ist er aus meiner Sicht sogar unverzichtbar im Zentrum! Note: 2,5

Jean-Luc Dompé: Er hasst Defensivarbeit. Aber die MUSS er leisten, wenn er irgendwann mal den nächsten Karriereschritt gehen will. Selbst die Außenstürmer des FC Bayern arbeiten regelmäßig intensiv mit nach hinten. Und der HSV hätte das heute von ihm gebraucht - ebenso wie seine offensiven Dribblings und Abschlüsse. Note: 3

Yussuf Poulsen (bis 62: Erster Startelfeinsatz – erster Torschuss in der 20. Minute. Das wiederum war dem Spielverlauf geschuldet, der den HSV bis hierhin selten bis nie in Tornähe sah. Fremdelte ein wenig, schmiss sich aber körperlich voll rein. Seine Cleverness, Königsdörffers Physis und Glatzels Torinstinkt – diesen Spieler suchen wir. Wobei: Den suchen sicher nicht nur wir… Note: 3,5

Ransford Königsdörffer (ab 63.): Machte Dampf, das war gut. Und er traf – endlich! Was für eine Erlösung. Und vor allem der Beweis, dass es sehr wohl auch mit Glatzel zusammen auf dem Platz funktionieren kann. Machte alles, was man von ihm verlangen durfte, daher: Note: 1 

Rayan Philippe (bis 64.): Sein Tempo ist in solchen Spielen eine der wenigen Waffen, die der HSV hat. Warum nutzt er es nicht viel häufiger? Er war heute wieder zu langsam im Handeln, hatte keine Ideen im Eins gegen Eins. Dadurch fehlte dem HSV dringend nötige Entlastung. Note: 4

Robert Glatzel (ab 64.): Er hatte schnell die erste Chance, traf dabei aber den Ball nicht voll (76.). So richtig angekommen ist er noch nicht. Aber wie soll er auch bei so wenig Spielzeit. Vielleicht ändert sich das aber ab heute… Note: 3

Trainer Merlin Polzin: Am Tag nach seinem Geburtstag bekam er diesen Punkt dramatisch auf den Gabentisch gelegt und durfte sich freuen, vieles richtig gemacht zu haben. Seine Beharrlichkeit in Sachen Dreier(Fünfer-)kette zahlt sich aus. Defensiv ist man ein Erstligist. Wenn man das jetzt auch noch offensiv hinbekommt, kann es eine richtig schöne Saison werden. Das Spiel jedenfalls hat ihm gezeigt, dass man sehr wohl mit Glatzel UND Königsdörffer spielen kann, wenn man am Drücker ist. Note: 2

Schiedsrichter Tobias Reichel: Er ließ extrem viel laufen, was ehrlicherweise dem HSV entgegenkam in der ersten Halbzeit. Allein Vuskovic musste unter dieser Großzügigkeit leiden, weil er bei hohen Bällen immer wieder gefährlich unterlaufen wurde (zumeist von Guirassy) und dadurch häufiger unkontrolliert stürzte. Insgesamt aber mag ich es so lieber als zu kleinlich. Note: 3  

DIE STATISTIK ZUM SPIEL:

HSV: Heuer Fernandes - Capaldo (89. Balde), Vuskovic, Torunarigha (89. Ramos) - Gocholeishvili (74. Mikelbrencis), Lokonga, Remberg, Muheim - Philippe (74. Glatzel), Poulsen (62. Königsdörffer), Dompe

Borussia Dortmund: Kobel - Anton, Can, Schlotterbeck - Ryerson, Groß (90.+3 Sabitzer), Bellingham, Svensson, Beier (65. Adeyemi), Chukwuemeka (82. Nmecha) - Guirassy (90.+3 Anselmino)

Tore: 0:1 Chukwuemeka (64.), 1:1 Königsdörffer (90.+7)

Zuschauer: 57.000 (ausverkauft)      

Schiedsrichter: Tobias Reichel (Sindelfingen)

Gelbe Karten: Poulsen / Adeyemi

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