Spielbericht

4:3-Sieg in Essen - der HSV kämpft weiter mit alten Problem

Der HSV ist eine Runde weiter im DFB-Pokal – so viel zum Positiven von heute. Denn der Weg in die zweite Runde war gepflastert von vielen Nachlässig- und eventuell auch…

4:3-Sieg in Essen - der HSV kämpft weiter mit alten Problem

Der HSV ist eine Runde weiter im DFB-Pokal – so viel zum Positiven von heute. Denn der Weg in die zweite Runde war gepflastert von vielen Nachlässig- und eventuell auch Unfähigkeiten, die der HSV zwingend abstellen muss, wenn er diese Saison tatsächlich aufsteigen will. Allein Sportvorstand Jonas Boldt, der mit seinem Scoutingteam bislang die Hauptbaustelle der letzten Jahre nicht schließen konnte, fand deutliche Worte: „Viel zu viele Nachlässigkeiten, viel zu viele einfache Fehler“, habe Boldt in der ersten Runde des DFB-Pokals erkannt, sagte er bei Sky: „Wir spielen hier gegen einen Drittligisten und nicht irgendwie an der Freibadstraße. Dass da ein bisschen Tempo drin ist und man den Ball auch mal schneller abspielen muss, das hat der eine oder andere vielleicht heute auch mal in einer Deutlichkeit bemerkt.“

Das Schlimme an dem Ganzen ist, dass ich der Mannschaft ebenso wenig wie Boldt („Ich würde nicht sagen, dass wir das Spiel nicht angenommen haben, deswegen gewinnen wir das am Ende auch. Der Mannschaft jetzt einen Vorwurf zu machen, sie wollte nicht, unterschreibe ich nicht.“) den Vorwurf machen würde, es nicht gewollt zu haben. Insbesondere defensiv ist der HSCV mit Dennis Hadzikadunic beben Guilherme Ramos heute zweifellos sehr bemüht gewesen – es hat aber eben nicht gereicht. Hier fehlt ein Abwehrchef, der die  zweikämpferischen, mentalen Qualitäten der Neuen  (Ramos, Hadzikadunic, Ambrosius) neben seiner Antizipation und Organisation zu nutzen weiß. Sebastian Schonlau ist so einer – aber wann der HSV wieder auf die Dienste seines Kapitäns zurückgreifen kann, ist vor dem bevorstehenden Spitzenspiel gegen Hertha BSC unverändert offen. 

Die HSV-Defensive reicht so nicht

Daher bleibe ich bei dem, was ich seit Wochen und Monaten schreibe: Dieser HSV braucht defensiv noch einen Spieler, den man als Soforthilfe einstufen kann. Dafür muss man noch mal Geld in die Hand nehmen, denn diese Spieler sind seltenst ablösefrei. Aber völlig unabhängig davon, dass man defensiv mit Hadzikadunic, Ramos und Ambrosius schon drei Neue hat – alle drei erfüllen nicht das, was der HSV für eine richtig stabile Abwehr benötigt. Die Frage ist nur, ob die sportliche Leitung bereit ist, diese Fehleinschätzung einzugestehen… Ebenso wichtig übrigens: Dem HSV fehlt weiterhin ein seit Wochen gesuchter Backup für den heute verletzt ausgefallenen Jonas Meffert.

Von daher dürfen sich alle über das Weiterkommen und die Zusatzeinnahmen der zweiten Runde im DFB-Pokal freuen. Aber auch nur darüber. Denn wirklich allen muss heute deutlich geworden sein, dass man trotz des furiosen Auftaktes gegen Schalke in der Form und in dieser defensiven Konstellation mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ganz oben mitspielen wird. „Ich mache es kurz: Wir haben das erreicht, was wir uns vorgenommen haben, denn wir sind eine Runde weiter. Das war unser Ziel, das haben wir erledigt, auch wenn wir dafür einige Körner investieren mussten. Es war insgesamt ein munteres Spiel vor einer tollen Kulisse. RWE hat es gut gemacht, dementsprechend sind wir unterm Strich etwas glücklich, aber sicher nicht unverdient weitergekommen“, sagte Walter nach dem Spiel und legte damit den Verdacht nahe, dass er die Missstände nicht sehen will.

Ein alarmierendes Statement, wenn der Trainer das wirklich so sieht!

Denn Fakt ist, dass bislang Kader und System keine stimmige Einheit ergeben – sondern selbst gegen einen Drittligisten die jahrelang bekannten Angriffsflächen bieten. Der HSV von heute ist nicht besser als der der letzten Jahre.

EINZELKRITIK:

MATHEO RAAB: Was für ein Kack-Spiel für einen Torwart. Da bekommst Du erst nichts und dann trotzdem zwei unhaltbare Dinger auf den Kasten. Bei so einer unwürdigen Abwehr wäre selbst Manuel Neuer in Bestform auf verlorenem Posten und würde unsicher. So auch Raab. Note: 4

IGNACE VAN DER BREMPT: Kann seinen sehr starken Beginn gegen Schalke leider noch nicht weiter bestätigen, obgleich er heute besser war als in Karlsruhe. Wirkt am Ball oft zu langsam, technisch unsauber und stumpf im Aufbauspiel. Dazu schwaches Stellungsspiel.  Note: 5

DENNIS HADZIKADUNIC (bis 90.): Ich bin immer noch sehr, sehr skeptisch, was seine Führungsqualität betrifft. Auch heute wirkte er nicht wie ein Abwehrchef, der seine Leute stellt – aber den braucht der HSV dringend! Der bosnische Nationalspieler ist im Zweikampf eigentlich gut, er scheint aber spielerisch-taktisch noch mehr als nur ein paar Anpassungsprobleme an den Walter-Fußball zu haben und spielte zu viele Fehlpässe. Seine Auswechslung war verletzungsbedingt, lieferte aber auch sportlich alle Argumente. Note: 5

STEPHAN AMBROSIUS (ab 91): Mit einfachsten Mitteln besser als alle anderen Innenverteidiger, passte er sich leider mit zunehmender Spielzeit dem schwachen Niveau. Dumme Gelbe Karte.  Note: 3

GUILHERME RAMOS: Ein Verteidiger mit Herz und (eigentlich) Lufthoheit. Aber leider immer auch mit Fehlern im Stellungsspiel, die er zu oft nicht wieder ausgleichen kann. Bei ihm muss man genau überlegen, was man im jeweiligen Spiel braucht, da man bei ihm eben auch ganz genau weiß, was man bekommt – und was eben nicht. Lange Pässe hinten raus kommen oft an, Dribblings sollte man ihn allerdings nicht machen lassen (müssen). Dass er die Mauer seitlich öffnete vor dem 1:1, seinen Gegenspieler vor dem 2:2 ebenso wie vor dem 3:3 aus den Augen verlor – unfassbar! Note: 6

MIRO MUHEIN: Solider Auftritt. Wobei er mehr nach vorn machte als sein Kompagnon van der Brempt auf der rechten Abwehrseite. Aber sein Fehler hätte fast das gesamte Spiel gekostet. Note: 5

ELIJAH KRAHN (bis 59.): Als Ersatz für den angeschlagenen Jonas Meffert heute in der Startelf. Er bringt am Ball technisch und in Sachen Übersicht sehr vieles mit, was man braucht auf der Sechserposition. Allein seine Handlungsschnelligkeit (kommt über Einsätze!) muss er verbessern, wie beim Foul vor dem unnötigen 1:1 und dem Ballverlust vor dem 2:2. Dass ihm hier und da noch etwas Cleverness fehlt – geschenkt! Das kommt bei ihm, weil er sehr schlau spielt. Heute war er aber bei zwei Gegentreffern entscheidend. Note: 5

ANDRAS NEMETH (ab 60.): Fand überhaupt nicht ins Spiel. Note: 5

LASZLO BENES: Ter war heute in der ersten Halbzeit komplett unsichtbar. Dabei muss man gerade in solchen Partien gegen so tief stehende Gegner von ihm Kreativität verlangen dürfen. Sein Siegtreffer rettet ihn vor einer wirklich schwachen Note. Note: 4

BAKERY JATTA: Irgendwas ist anders bei ihm in dieser Saison. Ist es die Konkurrenz, die Druck macht? Auf jeden Fall wirkt er erstaunlich oft handlungslahm und nutzt sein Sprinttempo nicht. Er wirkt frustriert, schlecht gelaunt. Auch nach seinem selbst erarbeiteten ersten Tor (starke Aktion!) jubelte er kaum. Dennoch wurde er zum Game-Changer, als er auch in der zweiten Halbzeit seinen Treffer selbst erarbeitete (nahm dem Essener Verteidiger Bastians den Ball ab und schob ins leere Tor ein). Seine Tore – Note 1. Sein sonstiges Spiel – Note 5. Zusammen Note: 3,5

LEVIN ÖZTUNALI (bis 90.): Hatte die erste gute Gelegenheit per Kopf. Auf neuer Position im Zentrum für mich heute nicht sichtbar genug. Das war (wieder) zu wenig. Note: 5

RANSFORD KÖNIGSDÖRFFER (ab 91.): Brachte zu wenig Schwung. Note: 4 
JEAN-LUC DOMPÉ (bis 80.): 
Wenn er 20 Übersteiger macht, um im Anschluss daran den Ball 15 Meter zurückzupassen macht mich das ebenso verrückt wie sein (verweigertes!) nicht-vorhandenes Defensivspiel. Aber diese 20 Übersteiger machen eben auch den Gegner kirre, und darum geht’s auch. Seine Eins-gegen-Eins-Qualität wurde heute bitter benötigt, da die Essener oft mit zehn Mann am eigenen Sechzehner postiert waren und die Räume eng machten. Und er war offensiv der aktivste. Trotzdem muss Walter mit ihm schlaues Konterspiel üben! Vergab schon wieder die vorzeitige Entscheidung per fahrlässigen Konter. Note: 3

MORITZ HEYER (ab 81.): Musste noch mitspielen. Sollte den Sieg absichern – das gelang leider nicht. Note: 4

ROBERT GLATZEL: Kaum gesucht, noch weniger gefunden in den ersten 45 Minuten – und dann wieder rechtzeitig zur Stelle zum 3:2. Note: 4

TRAINER TIM WALTER: Sichtbar angeschlagen ging er ins Spiel – und seine Mannschaft lieferte nichts, was ihm guttat. Auch, weil seine Mannschaft defensiv schlichtweg nicht ausreichend vorbereitet ist auf schnelle Gegenstöße der Gegner. Und das, obwohl seit mehr als zwei Jahren fast ALLE Gegner so gegen den HSV spielen. 8 Gegentore in drei Spielen (inklusive Drittligist als Gegner) – und das nach den letzten beiden Saisons, die genau diese Defensivproblematik so schonungslos offengelegt haben. Da ist kein Lerneffekt zu berbei Walter? Irgendwelche noch so einfachen Entwicklungsschritte? NULL! Dieser HSV wird in dieser Form und mit dieser Taktik auch dieses Jahr nicht aufsteigen. Note: 5

SCHIEDSRCHTER FELIX ZWAYER: Problemlos und ohne große Fehler. Note: 3

Die Statistik zum Spiel:

Rot-Weiss Essen: Golz - Wiegel, Götze, Bastians, Rios Alonso (80. Berlinski), Brumme - Young, Müsel (80. Eisfeld), Sapina, Obuz (67. Vonic) - Doumbouya  

HSV:Raab - Van der Brempt, Ramos, Hadzikadunic (91. Ambrosius), Muheim - Krahn (59. Nemeth) - Jatta, Öztunali (91. Königsdörffer), Benes, Dompe (80. Heyer) - Glatzel

Tore: 0:1 Jatta (37.), 1:1 Müsel (42.), 1:2 Jatta (54.), 2:2 Doumbouya (57.), 2:3 Glatzel (66.), 3:3 Brumme (83.), 3:4 Benes (117.)

Zuschauer: 18.800

Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin)

Gelbe Karten: - / Krahn, Van der Brempt, Ramos, Ambrosius

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