Spielbericht

27:6 Torschüsse: HSV verpasst Sieg gegen Gladbach

Vorweg: Das war fußballerisch das beste HSV-Spiel dieser Saison - und genau deshalb fühlt sich dieses 0:0 vor ausverkauftem Haus gegen unterlegene Gladbacher fast wie eine…

27:6 Torschüsse: HSV verpasst Sieg gegen Gladbach

Vorweg: Das war fußballerisch das beste HSV-Spiel dieser Saison - und genau deshalb fühlt sich dieses 0:0 vor ausverkauftem Haus gegen unterlegene Gladbacher fast wie eine Niederlage an. Denn der HSV hat diese Partie über weite Strecken nicht nur kontrolliert, sondern dominiert: aggressiv im Anlaufen, mit hohem Tempo, klaren Abläufen, mutigen Tiefenläufen und einer Intensität, die Gladbach in Halbzeit eins komplett überfordert hat. Wer dieses Spiel gesehen hat, weiß: Hier hätte der HSV einen Sieg verdient.

Die Zahlen sprechen eine Sprache, die lauter ist als jedes Stadionmikrofon. 27:6 Torschüsse, phasenweise sogar ein Verhältnis wie aus dem Trainingsbetrieb - 15:1 laut Statistik. Das ist nicht „ein bisschen überlegen“, das ist drückend. Und trotzdem steht am Ende eine Nullnummer, weil sich ein altes Problem erneut gezeigt hat: Der HSV hat Chancen - viele Chancen - aber er macht zu wenig daraus. Weil weiterhin ein Knipser fehlt – oder zu lange auf der Bank sitzen muss.

Gerade in der ersten Halbzeit spielte fast alles nur in eine Richtung. Königsdörffer prüfte Nicolas früh, Dompé setzte den Abpraller ans Außennetz, Capaldo hatte die Führung auf dem Fuß, Remberg und Muheim vergaben aus bester Position - und spätestens da war klar: Der HSV muss hier früh in Führung gehen. Stattdessen blieb Gladbach im Spiel, obwohl sie fußballerisch kaum stattfanden und sich Passfehler wie Aussetzer aneinanderreihten.

Und dann kommt der Punkt, der im Nachgang wehtut: Damion Downs. Der Junge ackert, läuft, presst, bietet Tiefe - alles gut und schön. Aber er ist eben auch kein Knipser, kein Strafraumkiller, kein klassischer Vollstrecker. Der HSV hat vorne nicht den Torjäger dazubekommen, sondern einen weiteren Läufer, der viel arbeitet – aber diese eine Szene, dieses eine eiskalte Ding, das fehlte erneut. Genau deshalb hätte es heute früher einen Plan B gebraucht. Und der heißt: Robert Glatzel.

Dass er erst so spät kam, war aus meiner Sicht der einzige echte Fehler, den Merlin Polzin heute gemacht hat. Glatzel hätte mindestens 15 Minuten früher eingewechselt werden müssen – nicht aus Romantik, sondern aus Logik. Wenn du so drückend bist, wenn du so viele Flanken und zweite Bälle in und um den Strafraum hast, dann brauchst du jemanden, der genau dort zuhause ist. Glatzel wurde am Ende natürlich frenetisch gefeiert - und hätte in den letzten Sekunden beinahe noch getroffen. Aber da war es eben schon zu spät.

Trotzdem: Dieses Spiel war ein Schritt nach vorn. Und zwar ein nicht so unwichtiger. Der HSV hat heute nicht nur „erstmal sicher stehen“ gedacht, sondern sich über weite Strecken getraut, das Spiel wirklich zu diktieren. Dominant, mutig, aktiv - gegen einen direkten Konkurrenten, unter turbulenten Rahmenbedingungen, in einem vollen Volkspark. Defensiv war das außerdem stabil, Heuer Fernandes musste im ersten Durchgang praktisch gar nicht eingreifen.

Unterm Strich bleibt deshalb ein bitteres Gefühl, aber auch eine klare Erkenntnis: So muss der HSV auftreten. Wenn du einen Gegner über 90 Minuten so im Griff hast und am Ende mit 27:6 Torschüssen vom Platz gehst, dann darfst du dich nicht mit einem Punkt zufriedengeben. Das war heute das beste HSV-Spiel der Saison – und es hätte drei Punkte geben müssen.

DIE EINZELBEWERTUNGEN:

Daniel Heuer Fernandes: Solch erste Halbzeiten werden ihn nicht stören. War da, als dann doch mal was auf seinen Kasten geflogen kam. Note: 3

Miro Muheim: Warum nicht immer so, wie in den ersten 45 Minuten? Note: 3

Nicolas Capaldo (bis 67.): Er hätte treffen müssen, verliert aber immer wieder die Übersicht, weil er so voller Adrenalin steckt. Andererseits ist genau dieses Adrenalin das, was ihn für den HSV so wertvoll macht. Siehe 54. Minute, als er im Vollsprint zurück einen gefährlichen Konter verhinderte. Sein Fehlen täte sehr weh – hoffen wir mal, dass es nichts Schlimmeres ist. Note: 3

Giorgi Gocholeishvilli (ab 67.): Er ackert und rackert, immer am Limit. Auch er ist offensiv einfach zu ineffizient.  Note: 3,5

Luka Vuskovic: Stark, clever, ein absoluter Führungsspieler mit seinen gerade einmal 18 Jahren. Allein das ist schon beeindruckend. Wenn er jetzt noch die Freistoßstärke seines Bruders hätte – es wäre gar nicht auszudenken… Dass die Bayern noch nicht Vollgas geben in Sachen Verpflichtung soll an Zweifeln bezüglich seines Tempos liegen. Das ist auf Champions-League-Niveau sicher auch berechtigt. Für den HSV ist er aber ein Sechser im Lotto – mit Superzahl. Note: 2

Jordan Torunarigha: Er hat immer mal einen Aussetzer drin – aber der Rest war in der ersten Halbzeit das Beste, was er bisher zeigen konnte.  Note: 2,5

Bakery Jatta (bis 84.): Er war taktisch die richtige Wahl. Sein Tempo war als Absicherung wertvoll, seine Robustheit wichtig. Problem bei ihm ist und bleibt das Spiel mit dem Ball. Zu oft verschleppt er gefährliche Angriffe, wie er nicht flankt, sondern noch. Mal kurz passen will (um eben nicht wie so oft hinter das Tor zu flanken). Note: 3,5

Guilherme Ramos (ab 85.): Sollte helfen, die Null zu verteidigen - das gelang.

Nicolai Remberg: Solange er im Zentrum dabei ist, hat der HSV Stabilität. Saustarkes Spiel im Zentrum – auch ohne Lokonga.  Dass er so nen Hammer-Schuss hat, ist hinlänglich bekannt – heute durften wir es endlich auch mal im Spiel sehen. Unfassbar wichtiger Bestandteil der HSV-Defensive Note: 2

Fabio Vieira: Wenn er am Ball ist, macht er gute Sachen. Auf der Zehn noch besser als über Außen. Dass Lokonga heute verletzt passen musste, war letztlich für den HSV kein Nachteil. Ich würde den HSV sehr gern sehr viel häufiger in dieser Konstellation sehen! Zumal ich mir sicher bin, dass Vieira – und sein Spiel war völlig in Ordnung! – gerade mal bei 70 % seines Leistungsvermögens ist. Note: 3,5

Jean-Luc Dompé (bis 79.): Immer wieder gefährlich – bis zum Abschluss. Dann hakte es bei ihm. Sowohl bei Flanken wie auch bei eigenen Abschlüssen. Note: 3,5

Alexander Rössing-Lelesiit (ab 79.): Spielzeit, um das Talent zu fördern – absolut richtig! Ihn heute in der Phase zu bringen: falsch! Dafür fehlt ihm einfach die Cleverness und das Auge für die wichtigen, richtigen Wege.

Ransford Königsdörffer (bis 67.): Er ackert für zwei, aber er trifft einfach nicht. Dass Downs heute mit Turnschuhen aufgelaufen ist, vermieste ihm einen Assist-Punkt in der ersten Halbzeit. Note: 4

Rayan Philippe (ab 67.): Lustloser Auftritt. Für mich eine absolute Frechheit, als Einwechselspieler nicht Vollgas zu gehen. Zumal die Gegner meistens schon müder sind als man selbst und er sein Tempo nutzen muss! Macht er aber nicht. Wieder nicht. Er ist angesichts seines Potenzials für mich bislang eine Riesen-Enttäuschung. Note: 5
Damion Downs (bis 79.): 
In Sachen Schuhwahl muss er noch mal in die Nachhilfe. So viel wie er rutschte heute kein anderer. Leider auch in entscheidenden Situationen wie beim Abpraller in der ersten Halbzeit. Torgefahr? Fehlanzeige. Er soll seine Eingewöhnungszeit fair bekommen – okay! Trotzdem hätte ich ihn heute zur Halbzeit gegen Glatzel getauscht. Schon allein, weil Downs bis auf ein paar ungestüme Foulspiele rein gar nichts hinbekam. Schwächster Hamburger zusammen mit Philippe. Note: 5

Robert Glatzel (ab 80.): Kam viel zu spät. Mit ihm über 30 Minuten oder sogar in der ersten Halbzeit hätte der HSV heute gewonnen. Da lege ich mich fest.

Merlin Polzin: Er macht sehr vieles sehr richtig. Taktisch wie personell. Auch heute wieder. Er hat bewiesen, dass sein Team auch dominant auftreten kann, was für den Rest der Rückrunde als taktisches Stilmittel sehr, sehr wichtig werden wird. Aber: Warum nicht viel früher Glatzel bringen, wenn man sieht, dass das Spiel so zugeschnitten in der Gladbacher Hälfte stattfindet? Das fehlende Anlaufen, was man Glatzel immer nachsagt, kann es nicht gewesen sein. Das hat Downs, der für mich der schwächste Hamburger war, auch nicht gezeigt. Von der Note 1 geht’s damit zur Note: 3,5

Schiedsrichter Robert Schröder (Hannover): So mag ich die Auslegung am liebsten: Lieber etwas mehr laufen lassen, als zu früh alles abzupfeifen. Endlich mal ein Schiri, der das Spiel nicht störte, sondern dabei half, dass es zu einem werden konnte. Starker Auftritt!  Note: 1

DIE STATISTIK ZUM SPIEL:

HSV: Heuer Fernandes – Capaldo (67. Gocholeishvili), L. Vuskovic, Torunarigha – Jatta (84. Ramos), Vieira, Remberg, Muheim – Königsdörffer (67. Philippe), Downs (79. Glatzel), Dompé (79. Rössing-Lelesiit)

Borussia Mönchengladbach: Nicolas – Sander, Elvedi, Diks (88. Takai) – Scally, Reitz, Engelhardt, Netz – Honorat (69. Reyna), Neuhaus (69. Castrop) – Tabakovic (90.+2 Machino)

Zuschauer: 57.000 (ausverkauft)       

Schiedsrichter: Robert Schröder (Hannover)

Gelbe Karten: Torunarigha / Engelhardt, Diks

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