Spielbericht

2:1-Sieg in Braunschweig - HSV wackelt in Runde zwei

Knapp, aber nicht unverdient: Der HSV steht in der zweiten Runde des DFB-Pokals. Dank eines 2:1-Zittersieges beim Drittligisten Eintracht Braunschweig widerlegten die Hamburger…

2:1-Sieg in Braunschweig - HSV wackelt in Runde zwei

Knapp, aber nicht unverdient: Der HSV steht in der zweiten Runde des DFB-Pokals. Dank eines 2:1-Zittersieges beim Drittligisten Eintracht Braunschweig widerlegten die Hamburger den Schmähruf, einer der Top-Kandidaten auf ein Erstrunden-Aus zu sein. In sechs Jahrgängen zuvor war man dreimal in der ersten Runde rausgeflogen. In der vergangenen Saison sogar mit einer 1:4-Niederlage beim damaligen Drittligisten SG Dynamo Dresden. Diesmal kämpften sich die Schützlinge von Trainer Tim Walter aber durch, dessen Team mit zwei Veränderungen gegenüber der Dresden-Startelf begann. Zum einen mit Maximilian Rohr für den verletzten Jonas Meffert. Und zum anderen mit Sonny Kittel als Ersatz für Bakery Jatta, dem sich hier in Braunschweig angesichts der defensiven Spielweise der Gastgeber eh nur wenig Räume für seine langen Sprints geboten hätten.

Für ihn sollte Kittel als „Freigeist“, wie Trainer Tim Walter ihn vor Anpfiff im Sky-Interview nannte, mit schlauen Dribblings und noch schlaueren Pässen die dichte Eintracht-Abwehr aushebeln. Ein nachvollziehbarer taktischer Zug, der aber wirkungslos blieb. Das nehme ich schon mal vorweg. Die erste Chance bereitete er dann auch nicht er vor. Robert Glatzel war es, der auf Jan Gyamerah ablegte. Und der Rechtsverteidiger zog nach innen und aus 15 Metern ab – allerdings mit seinem schwächeren linken Fuß. Auch deshalb konnte Braunschweigs Keeper Jasmin Feijzic den Ball aus dem rechten Eck zur Ecke abwehren, die dann harmlos vergeben wurde.

Kittel als Feingeist blieb ohne Wirkung

Und es wurde von der ersten Sekunde an genau das Spiel, das alle erwartet hatten. Der HSV hatte den Ball, Braunschweig wartete tief auf schnelle Konter über die quirligen Offensivspieler. „Wir werden sehr geduldig agieren müssen“, hatte. Braunschweigs Trainer Michael Schiele vor dem Spiel gesagt und vor der Spielstärke des HSV gewarnt. Und im Gegensatz zum letzten Drittligaspiel, das für die Eintracht mit 0:4 gegen Viktoria Berlin verloren gegangen war, machten sie es heute auch anfänglich sehr ordentlich. Leider. Und wäre Henning in der 18. Minute etwas gedankenschneller gewesen, hätte es für den HSV richtig gefährlich werden können. So aber zögerte der Braunschweiger freistehend Höhe Elfmeterpunkt zu lange und wurde dann von HSV-Torschütze Gyamerah geblockt.

Apropos Gyamerah: Der Rechtsverteidiger des HSV, der lange Zeit als Verkaufskandidat galt, war es dann, der das taktisch erwartete Spiel (der HSV hatte bis hierhin 82 Prozent Ballbesitz) mit seinem Treffer maßgeblich veränderte. Er machte nach einem eroberten Ball Tempo, „tunnelte“ seinen Gegenspieler, umkurvte Fejzic und schon zum 1:0 für den HSV ein. Ein Treffer, dem ein Protest der Braunschweiger folgte, da sie ein Foul von Kinsombi vor dem Treffer gesehen haben wollten. Aber: Zu wenig für Schiedsrichter Tobias Welz - das Tor zählte. Zurecht, wie ich finde.

Einen Videoschiri gibt es in der ersten DFB-Pokal-Runde nicht. Aber: Diese Führung veränderte das Spiel nicht zum Vorteil des HSV. Im Gegenteil: Braunschweig kam immer besser ins Spiel und traf nach einigen Halbchancen, aus denen schnell auch richtig gute Chancen hätten werden können, in der 44. Minute zum plötzlich nicht mal unverdienten Ausgleich. Nach einem Einwurf schläft der HSV kollektiv, in diesem Fall insbesondere Tim Leibold, der von Gegenspieler Müller einfach mal überlaufen wird und nicht mehr rechtzeitig hinterherkommt. Müller selbst läuft über die linke HSV-Seite in den Sechzehner, sieht in der Mitte den mitgelaufenen Ihorst, der sich im Rücken von Jonas David freigelaufen hatte, Querpass - der Ausgleich.

Hätte es in diesem Fall einen Videoschiri gegeben, er hätte einen zweiten Ball im Feld festgestellt und das Tor durchaus aberkennen dürfen. Aber: Den Videoassist gibt es nicht. Von daher blieb es beim 1:1- Pausenstand, mit dem Trainer Walter alles andere als zufrieden war. Wir haben beim Gegentreffer nicht die Bereitschaft gezeigt, ihn mit aller Macht zu verteidigen. Das darf so nicht passieren."

Walter schimpft über Zustandekommen vom Ausgleich

Zur Halbzeit wechselte der HSV-Coach dann gleich zweimal: Moritz Heyer kam für Ludovit Reis, und Jatta ersetzte Manuel Wintzheimer, der wie immer fleißig war, heute aber wenig Akzente setzen konnte. Das größte Problem zu diesem Zeitpunkt: Die Braunschweiger hatten erkannt, dass dieser HSV gar nicht so viel besser ist, wie ihn der Trainer vor dem Spiel („Wir spielen zuhause und gegen ein Top-Team mit einer Top-Mannschaft. Die Hamburger haben gezeigt, wie sie unter Tim Walter Fußball spielen und dass da ein ganz schönes Brett auf uns zukommt“) noch gemacht hatte. Und sie kamen mutiger in die zweite Halbzeit als noch in die erste. Braunschweig spielte jetzt mit.

Und nachdem Jatta mit einem harmlosen Linksschuss an Fejzic gescheitert war (50.) hätten die Gastgeber sogar in Führung gehen müssen. Torschütze Ihorst erobert rechts im Strafraum den Ball von Kinsombi, der unerklärlicherweise einfach fällt und dem Braunschweiger den Ball auflegt, und gibt nach innen auf Multhaup, dessen Abschluss in exzellenter Position gerade noch von David geblockt werden konnte (52.). Viel Glück für den HSV, dessen Spiel mir insgesamt einfach zu unkontrolliert offen ist. Das mag (wie gegen Dresden in der ersten Halbzeit) mal richtig begeisternd sein und geil aussehen – es ist aber dann wieder substanzlos, wenn es am Ende so inkonstant bleibt wie heute in dieser Phase wieder. Und das schreibe ich in der 58. Minute – und stehe auch nach diesem Spiel – unabhängig vom Ausgang, dazu!

Kaum schreibe ich es, hat der HSV zuerst eine gute Chance (Glatzel-Schuss knapp vorbei, 54.) und trifft dann. Zwar eher glücklich als herausgespielt nach einem Eckball von Tim Leibold. An diesem Ball segeln nämlich gleich zwei Braunschweiger vorbei und Glatzel muss am zweiten Pfosten „nur“ schnell reagieren und den Ball mit links über die Linie drücken (68.). Aber der HSV führte. Und hätte Jatta seine Beine richtig unter Kontrolle gehabt, er hätte das Spiel fünf Minuten später entscheiden können. Glatzel hatte den Gambier rechts freigespielt, aber Jatta scheiterte frei vor Braunschweigs Keeper Fejzic kläglich (73.).

Glatzel trifft - Jatta vergibt Entscheidung

Nach der Pause haben wir versucht, die Partie wieder zu dominieren. Das ist unser Spiel und wir haben es intensiv geführt. Vor allem haben wir die Standards stark verteidigt. Ich denke, der Sieg ist verdient", freute sich HSV-Trainer Tim Walter – und er hat damit Recht. Aber: Am Ende steht ein Sieg, der sicher nicht unverdient ist, der aber auch noch einmal zeigt, dass der HSV die oft zitierte und gefordert Balance aus sehr mutigem Offensivspiel und einer stabileren Defensivbewegung noch herstellen muss. Hier fehlt es noch erkennbar. Schlusswort Jan Gyamerah, der übrigens zum „Man oft he Match“ gewählt wurde: „Ich denke, dass alle gesehen haben, dass es ein schwieriges Spiel für uns war. Braunschweig hat es uns heute nicht leicht gemacht. Jetzt sind wir einfach glücklich, weitergekommen zu sein.“

Also sind wir es einfach erst einmal auch. Freuen wir uns darüber, in der nächsten Runde zu stehen. Morgen geht es dann noch einmal in die Analyse, ehe die Vorbereitung auf das Stadtderby am kommenden Freitag beim FC St. Pauli beginnt. Bis dahin!

Scholle

DAS SPIEL IM STENOGRAMM:

Eintracht Braunschweig: Fejzic - Wiebe, Behrendt, Schultz, Kijewski (81. Schlüter) - Krauße, Nikolaou (78. May) - Multhaup, Henning (81. Kobylanski), Müller (46. Zauner) - Ihorst

HSV: Heuer Fernandes - Gyamerah, David, Schonlau, Leibold - Kinsombi (90.+1 Vagnoman), Rohr (61. Suhonen), Reis (46. Heyer) – Kittel (78. Kaufmann), Glatzel, Wintzheimer (46. Jatta)

Tore: 0:1 Gyamerah (29.), 1:1 Ihorst (44.), 1:2 Glatzel (68.)

Zuschauer: 6.167

Schiedsrichter: Tobias Welz (Wiesbaden)

Gelbe Karten: Behrendt (43.), Krauße (86.) / -

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