Spielbericht

2:1 nach bitterem 0:1 - der HSV holt sich mit Willensleistung den Stadtderbysieg

Es war wie immer vor solch brisanten Spielen. Verbal war der HSV vorher bei 110 Prozent, Trainer Tim Walter hatte Mut gefordert und Optimismus verbreitet. Eine Art, die in den…

2:1 nach bitterem 0:1 - der HSV holt sich mit  Willensleistung den Stadtderbysieg

Es war wie immer vor solch brisanten Spielen. Verbal war der HSV vorher bei 110 Prozent, Trainer Tim Walter hatte Mut gefordert und Optimismus verbreitet. Eine Art, die in den letzten Jahren oft bestraft wurde – die aber bei dieser Mannschaft zielführend zu sein scheint. Denn das Team um Kapitän Sebastian Schonlau enttäuschte nicht, sondern spielte richtig stark. So (willens)stark, dass am Ende ein absolut verdienter 2:1-Heimsieg gegen den FC St. Pauli herausprang. Der erste Stadtderby-Heimsieg seit mehr als 20 Jahren. „Der Sieg ist absolut verdient!“, freute sich Torschütze Schonlau nach der Partie, „wir haben von Anfang an mehr vom Spiel gehabt, dann leider aus dem Nichts das Gegentor kassiert. Aber wir haben uns dann für die Leistung belohnt und freuen uns über den Derbysieg.“

Belohnt hat sich der HSV allerdings nicht sofort. Man begann zwar wie immer offensiv, wurde diesmal aber vom Gegner nicht gepresst, sondern durfte agieren. Und das machten Sonny Kittel und Co. mit Freuden. Es waren keine drei Minuten gespielt, da hätte der HSV führen MÜSSEN. Der heute von Beginn an sehr präsente Kittel hatte Reis im Sechzehner freigespielt, der wiederum quergelegt auf Faride Alidou, der völlig frei aus 11 Metern zum Schuss kam und überhastet deutlich verzog. Nicht einmal 120 Sekunden später köpfte Moritz Heyer freistehend am zweiten Pfosten an eben selbigen – und dann klingelte es endlich. Jatta bediente Heyer per Querpass und der traf zum 1:0 – dachten wir. Allerdings stand Jatta zuvor deutlich im Abseits. 

Der HSV beginnt bärenstark - aber nur Pauli trifft

Dennoch, diese Anfangsphase war ebenso stark wie bitter, da der HSV keinen zählbaren Nutzen daraus zu ziehen vermochte. Miro Muheim aus 18 Metern knapp drüber (10.), Jatta per Kopfball knapp vorbei (19.) und Alidou, dessen Schuss gerade noch geblockt wird (19.) reihten sich ein in die Chancenliste des HSV, die eine 2:0- oder gar 3:0-Führung gerechtfertigt hätte. Aber Pustekuchen – plötzlich stand es 0:1. Mit dem zweiten Torschuss (den ersten gab Burgstaller in der 16. Minute ab) ging der Gast in Führung. Burgstaller traf per Kopf, nachdem ein von Smith getretener Freistoß bei Amenyido landete und der den Ball parallel zum Tor über Heuer Fernandes hinweg köpfte. Der Top-Torjäger des FC St. Pauli hatte keine Probleme mehr, seinen 15. Saisontreffer aus kurzer Distanz zu erzielen. Ein Wirkungstreffer?

Nicht wirklich. Denn der HSV stand sofort wieder auf, attackierte früh und aggressiv – und kam zu weiteren Chancen. Allerdings weiter erfolglos. Jatta wirkte zwar immer bemüht, verschleppte aber in den entscheidenden Momenten das Tempo. Er erarbeitete sich gute Ausganssituationen – und nutzte sie nicht. Für mich ist Jatta sowas wie „der Unvollendete“, weil nie viel fehlt – aber eben immer zu viel, um Zählbares herauszuholen. Und darum geht es letztlich. Selbst wenn er heute mal durchkam, wie in der 45. Minute, war der FC-Keeper Nikola Vasilj schon da. Ebenso wie beim guten Kopfball von Mario Vuskovic in der 43. Minute sehr reaktionsstark. Auf der anderen Außenbahn wirkte Alidou, der in der 32. Minute Paulis Ohlsson elfmeterreif foulte, mehr als unglücklich. Man merkt ihm an, dass er um die Situation weiß, inzwischen besonders beobachtet zu werden. Egal wie oft er betont, dass er sich selbst keinen Druck macht, den hat er. Aber ich bin mir sicher, dass Walter es schaffen wird, Alidou die Lockerheit seiner ersten Auftritte mit viel Vertrauen wieder zu verschaffen. 

Der HSV holt sich mit Willen zurück ins Spiel

„Es steht – keine Ahnung wie – 0:1“, resümierte Stadionsprecher Christian „Stübi“ Stübinger zurecht im Rahmen der Halbzeitshow. Denn bis zur Halbzeit schaffte der HSV keinen Treffer. Ich habe mich in der Halbzeit    mit zwei Mitarbeitern des FC und einem Journalisten, der den FC St. Pauli begleitet, unterhalten. Alle drei waren der gleichen Meinung und sprachen von einem mehr als glücklichen 1:0 zur Halbzeit, das in den letzten Jahren so sicher nicht zustande gekommen wäre. Aber diese Saison läuft es beim FC einfach. Und Burgstaller trifft halt auch mit wenigen Ballkontakten.

Effizienz ist das Stichwort, das in den Personalplanungen des HSV auch in den letzten Tagen der Transferphase sicher noch eine Rolle spielt. Was der HSV in dieser Saison nicht zu wenig hat ist Willen. Und so begann der HSV auch die zweite Halbzeit unbeeindruckt stark vom HSV. „Wir sind in der Halbzeit in die Kabine gekommen und man hat den Jungs angemerkt, dass sie bei sich bleiben. Sie wussten, dass es nur darum geht, dass wir unseren Plan umsetzen.“

Leider war St. Paulis Keeper Nikola Vasilj ebenso schnell wieder auf 100 Prozent und konnte in der 49. Minute den harten und recht überraschenden Schuss von Reis mit einem starken Reflex parieren. Und als Glatzels Drehschuss in der 57. Minute von der Fußspitze Ohlssons in letzter Sekunde zur Ecke gelenkt wurde, dachten nicht wenige, dass es so weitergehen würde, wie die erste Halbzeit geendet hatte. Aber: Es kam anders. Zum Glück! Denn Sebastian Schonlau traf. Kittel per Ecke auf den Kapitän, der sich gekonnt durchsetzt und zum 1:1 einköpft. Der Startschuss für den HSV?

Ja! Denn der HSV legte nach. Unmittelbar nach Wiederanpfiff bedient Jatta den mitlaufenden Alidou und der grätscht in den Ball – leider zu schwach, als dass er damit Vasilj hätte überwinden können. Aber: Der HSV machte deutlich, dass er hier und heute mehr wollte als nur dieses eine Tor.  Und das holte sich der HSV auch. Und wie!!

Oder besser gesagt: durch wen! Ausgerechnet „der Unvollendete“ vollendete einen Traumpass vom heute wieder starken Sonny Kittel per Direktabnahme. Kittel per langen Chipball auf den schnellsten HSVer, der seinen Gegenspieler Paqarada übersprintet und endlich einmal kompromisslos und ohne zu zögern abzieht und ins lange Eck zum 2:1 trifft (70.). Ein sehr schöner Treffer für genau den Mann, dem ich es mit am meisten gönne, weil er es mit einem kleinen Tick mehr Effizienz so viel erfolgreicher machen könnte und so sehr viel wertvoller für den HSV werden könnte…

Wobei: Heute war er es am Ende. Er war der Matchwinner mit seinem Treffer. Allerdings in einem Kollektiv, in dem mir eines heute besonders gut gefallen hat: die Mentalität. Wer nach 30 Minuten 0:1 zurückliegt, obgleich er so stark begonnen hat wie lange nicht und Chancen für zwei, drei Treffer hatte, der muss sich erst einmal wieder fangen. Und der HSV tat das eindrucksvoll. Angeführt von zentralen Spielern wie Sebastian Schonlau als Kapitän und verbaler Leader über die Mittelfeldarbeiter Jonas Meffert und dem bärenstarken Ludovit Reis bis hin zum immer wieder genialen und effektiven Sonny Kittel hat diese Mannschaft den HSV-Teams der letzten Zweitligajahre einiges voraus. 

In Sachen Willensschulung hat dieser HSV unter Trainer Tim Walter einen großen Schritt nach vorn gemacht, der auf Strecke durchaus entscheidend werden kann. So, wie er es am Dienstag in Köln schon war und so, wie er es auch heute wieder war. „Der Wille ist der entscheidende Aspekt. Wir bringen eine brutale Bereitschaft auf den Platz. Außerdem sind wir mutig im Ballbesitz und extrem aggressiv gegen den Ball. Das ist der Charakter, den wir uns erarbeitet haben.“ Und den sollen sie unbedingt beibehalten. Dann klappt das auch mit den eigenen Zielen…

Das Schlusswort gebührt heute einem meiner „Hidden Heroes“ der letzten Wochen und Monate: Ludovit Reis. Denn der Niederländer wird von Woche zu Woche stärker und ist als Arbeiter aus dem Mittelfeld gar nicht mehr wegzudenken. Wir haben uns als Team zum Sieg gepusht! Wir haben alle daran geglaubt und uns das Ding über die 90 Minuten verdient. Wir sind einfach unglaublich happy!“

In diesem Sinne, ich hole mir jetzt ein bis zehn Kaltschalengetränke bei meinem Nachbarn ab. Die feiern lautstark. Hab ich gerade irgendwie auch Bock drauf. 

Bis morgen!

Scholle

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