Spielbericht

Horst Hrubesch's heilende Hände

Horst Hrubesch schwitzte wie nach einem 5000-Meter-Lauf. Rotes Gesicht, müde Augen, mit den Kräften am Ende. Der Interimscoach des HSV hatte beim 5:2 (3:1) gegen den 1. FC…

Horst Hrubesch's heilende Hände

Horst Hrubesch schwitzte wie nach einem 5000-Meter-Lauf. Rotes Gesicht, müde Augen, mit den Kräften am Ende. Der Interimscoach des HSV hatte beim 5:2 (3:1) gegen den 1. FC Nürnberg ähnlich geackert wie seine Profis. „Ein bisschen arbeiten muss man schon dabei, bei der ganzen Geschichte“, sagt der 70-Jährige nach seinem torreichen Trainerdebüt. „Auf der Bank musst du auch ein bisschen was tun.“ Und viel besser hätte der Trainereinstand des HSV-Idols nicht laufen können. Fünfmal in Serie hatte die Mannschaft unter dem Kommando von Ex-Trainer Daniel Thioune nicht gewinnen können und damit den direkten Aufstieg in die Erste Liga quasi schon verspielt. Jetzt kommt Hrubesch, redet ein bisschen mit seinen Spielern, haut ihnen auf die Schultern, macht Späßchen und hält es betont einfach und zack - der Laden läuft wieder. So einfach ist das.

So einfach ist das?

Ja, tatsächlich. Manchmal ist es so einfach. Allerdings muss uns allen immer auch bewusst sein bei der Beurteilung, dass diese Phasen eben nur Phasen sind. Sowas funktioniert jetzt, weil jetzt quasi „eh alles egal ist“. Über einen langen Zeitraum von 34 Spieltagen geht das aber eher selten. Aktuell ist man in der Position, nur noch zweimal spielen zu müssen/können/dürfen. Zweimal 90 Minuten, das ist gefühlt nichts für einen durchtrainierten Fußballprofi. Sich da noch einmal voll reinzuhängen und, sogar zu gewinnen und eventuell sogar in der Tabelle noch etwas zu erreichen – das ist einfacher als es zuvor zwischen  Spieltag 12 und 14, die egal wie noch relativ wenig Aussagekraft haben. Klingt unprofessionell – ist aber so. 

Apropos unprofessionell: So kommt es bei mir immer wieder an, wenn Spieler über Wochen und Monate underperformen und urplötzlich bei einem Trainerwechsel wieder voll da sind. Von daher freue ich mich riesig für Horst Hrubesch, dass „der Lange“ seine Gewinner-Aura offenbar auch auf diese Mannschaft noch einmal übertragen konnte. Und ich hoffe, dass das noch zwei weitere Male gelingt. Denn mit dem ersten Punktedreier nach sieben Wochen ist zumindest wieder ein wenig Zuversicht in den Volkspark zurückgekehrt.

Das ganz große Rad wird der HSV definitiv nicht mehr drehen. Das schafft auch ein Hrubesch nicht mehr. Aber die Relegation sieht der Kurzzeittrainer als machbar an - und das, obwohl der Tabellendritte Greuther Fürth drei Punkte Vorsprung auf den HSV hat. Nur wenn die Franken in ihren letzten und schweren Spielen gegen Paderborn und Düsseldorf patzen, kann der HSV noch auf Rang drei springen. Aber nur, wenn man selbst gewinnt, selbstverständlich. Hrubesch: „Wenn der liebe Gott mit uns ist, dann gehen wir vielleicht in die Relegation.“

Und ja, etwas übernatürliche Hilfe täte diesem HSV gut. Zumal man seit gestern wieder wissen sollte, wie es geht. Denn dieses „wir sind nicht ins Spiel geko0mmen“-Geblubber muss vorbei sein. Denn man kommt nicht einfach rein, sondern man muss sich reinarbeiten. So, wie der HSV gestern in den ersten 20 Minuten, die ebenso intensiv wie ungeordnet wirkten. Aber man war ebnen endlich aktiv, nicht reaktiv. Und so erspielte man sich das Glück selbst. „Man hat am Anfang gesehen, dass wir nicht so genau wussten, wo wir stehen“, räumte Hrubesch ein. Doch mit den beiden Führungstoren drehte sich auch bei den Spielern Verunsicherung in Zuversicht. Und mit dem Sieg sogar in neues Selbstvertrauen?

Einer, der gestern wahrscheinlich am allermeisten Selbstvertrauen gesammelt hat, ist der 21-jährige Robin Meißner. Mit einem Zug zum Tor und guter Schusstechnik ergänzte er sich mit Torjäger Simon Terodde als Doppelspitze richtig gut. Bei Thioune war Meißner zuletzt zu einigen Kurzeinsätzen gekommen. Und jetzt hat er auch offiziell sein erstes Profitor für den HSV erzielt. Ich hatte es ihm gestern schon zugeschrieben – heute änderte die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat den Schützen des ersten Tores von Eigentor Sörensen auf Meißner. Hintergrund: Sörensen hatte den Schuss Meißners, der am Tor vorbeigegangen wäre, unglücklich abgefälscht. 

Meißner hatte gegen Nürnberg seinen ersten Startelf-Einsatz für den norddeutschen Zweitligisten. In sieben Begegnungen zuvor war er nur für wenige Minuten eingewechselt worden. In der Regionalliga Nord, die im November vergangenen Jahres nach elf Spieltagen wegen des Corona-Lockdowns abgebrochen wurde, erzielte er in zehn Partien sechs Tore. Offenbar hatte Hrubesch mehr in Meißner gesehen. „Du hast einfach Qualität, die musst du nutzen», betonte Hrubesch, der Meißner noch aus der Nachwuchsmannschaft der U21 kennt. „Der Junge hat einen Superjob gemacht.“

Dass das mentale Gebilde in der Mannschaft aber so fragil ist, stellt den Interimstrainer vor Rätsel. «Warum das jetzt so ist, kann ich mir auch nicht genau erklären», gestand Hrubesch und fasste die Vergangenheit so zusammen: „Sie hatten das Vertrauen in sich selber nicht gehabt.“ Und während sowohl Leistner als auch Kapitän Tim Leibold nach dem 5:2-Sieg davon sprachen, dass der neue (Interims-)Trainer sie mit seiner Art gepackt bekommen habe, rückt Kapitän Leibold das Bild im Anschluss noch ein wenig gerade. „Wir müssen nicht alles über den grünen Klee loben. Wir haben nur drei der letzten 13 Spiele gewonnen“, monierte der Linksverteidiger.

Achja, wo wir gerade über den aktuellen Trainer sprechen - aktuell ist der HSV noch ohne Cheftrainer für die neue Saison. Der auch beim HSV als Kandidat gehandelte Steffen Baumgart hat sich gegen den HSV entschieden und wird zur nächsten Saison neuer Coach beim 1. FC Köln. Der abstiegsgefährdete Bundesligist gab das ligaunabhängige Engagement des bisherigen Coaches des Zweitligisten SC Paderborn am heutigen Dienstag bekannt. Der 49-Jährige habe einen Vertrag bis 2023 unterschrieben, hieß es. Eine Absage für den HSV, die schmerzt. Zumal Baumgart am kommenden Wochenende mit seinen Paderbornern dem HSV helfen könnte und sicherlich noch ein Stück weit motivierter als eh immer gewesen wäre, wenn er damit zugleich auch seinem künftigen Arbeitgeber hätte helfen können…

Aber wie so oft muss es auch diesmal zuallererst vom HSV ausgehen. Gewinnen Hrubesch und seine Mannen nicht die letzten beiden Spiele, ist eh alles egal. 

In diesem Sinne, bis morgen. Da beginnt für die Mannschaft übrigens die zweiwöchige Trainingslager-Quarantäne. Zunächst übernachtet man bis zum Osnabrück-Spiel im Elysee, im Anschluss an das Auswärtsspiel pendeln Mannschaft und Trainer dann zwischen dem Trainingsplatz am Volksparkstadion und dem einstigen Mannschaftshotel Treudelberg. Viel Zeit miteinander, die Hrubesch neben Gesprächen auch zum Einschwören auf die letzten Meter der Saison nutzen will. „Wir werden uns da schon was einfallen lassen“, lachte Hrubesch bei der Frage danach. Und ich bin mir sicher, das wird er hinbekommen. Denn gerade dieses „zwei Wochen eng auf eng hocken“  kennt er als ehemaliger U-Nationaltrainer nur zu gut von den Endturnieren der Nachwuchs-Nationalmannschaften…

In diesem Sinne, bis morgen!

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