120 Millionen Euro - Kühnes Griff nach der Macht beim HSV
Ich wollte an dieser Stelle heute über die beiden Pressekonferenzen von HSV und Arminia Bielefeld berichten und dazu den neuen Communitytalk hier einstellen. Aber angesichts…

Ich wollte an dieser Stelle heute über die beiden Pressekonferenzen von HSV und Arminia Bielefeld berichten und dazu den neuen Communitytalk hier einstellen. Aber angesichts des morgen stattfindenden Treffens des Aufsichtsrates und der Ankündigung des Vorstandes Dr. Thomas Wüstefeld, bis Ende dieser Woche die Stadionsanierungskosten auftreiben zu können, ahnte ich schon, dass das nichts würde. Und so kommt es jetzt. Denn statt über den schönen Fußball berichten zu können muss ich heute auf ein Thema eingehen, das mich nur noch nervt. Warum ich es trotzdem mache, dürfte logisch sein, denn das von Klaus Michael Kühne über das Hamburger Abendblatt heute an den HSV e.V. geschickte Angebot wird in den nächsten Tagen und Wochen die Basis aller vereinspolitischen Diskussionen darstellen.
Wobei ich auch sagen muss: Eine gute Sache hat das Angebot aus Schindellegi auf jeden Fall: Es zeigt deutlich, was Klaus Michael Kühne beim HSV wirklich antreibt. Wie von vielen kritischen HSV-Anhängern befürchtet, geht es Kühne in allererster Linie darum, mehr Mitbestimmung (Kritiker nenne es „Macht“) innerhalb des HSV zu erlangen und dementsprechend auch führende Positionen nach seinem Wunsch besetzen zu können, wie es in Punkt neun der Bedingungen formuliert steht. Dort heißt es: „Aufsichtsrat und Vorstand der HSV Fußball AG werden so besetzt, dass die HSV Fußball AG ordnungsgemäß, kompetent und erfolgsorientiert geführt wird…Der Hamburger Sportverein e.V. und die Kühne Holding AG haben das Recht, je zwei von ihnen benannte Personen in den Aufsichtsrat zu entsenden. Darüber hinaus soll eine neutrale Persönlichkeit mit sportlicher Fachkompetenz das Gremium ergänzen. Diese Persönlichkeit wird vom Hamburger Sportverein e.V. und der Kühne Holding AG gemeinsam ausgewählt.“
Allein hier wäre ich schon raus! Warum sollte der HSV die Hälfte aller wesentlichen Entscheidungen für weniger als die Hälfte der AG-Anteile abtreten? Als (auch dann noch!) Minderheits-Anteilseigner 50 Prozent der Stimmrechte bei der Besetzung des alles entscheidenden Gremiums, dem Aufsichtsrat, haben zu wollen, ist schon unmoralisch. Aber im Grunde trifft dieses Adjektiv auf das gesamte Angebot zu, was definitiv auch nicht zufällig genau einen Tag vor einer denkwürdigen Aufsichtsratssitzung an den HSV e.V. adressiert wurde. Aber lest erst einmal selbst, was Klaus Michael Kühnes Holding dem HSV offeriert – meine Einordnungen dazu kommen dann im Anschluss:



Zusammengefasst bedeutet das:
- Der HSV bekommt zwischen 80 und 90 Millionen Euro (für 24,9 Prozent der Gesamtanteile), um die Satzung zu verändern und insgesamt Anteile bis zu 49,9 Prozent abzugeben. Wahlweise alles an Klaus Michael Kühnes Holding selbst.
- Von dieser Summe sollen 20 Millionen Euro in den Schuldenabbau (auch Kühnes Holding hat noch Forderungen an die HSV AG), ca. 25 Millionen in die Stadionsanierung und 20 Millionen in den sportlichen Erfolg investiert werden.
- 30-40 Millionen der genannten 120 Millionen Gesamtsumme fließen in das Recht für Kühne, das Volksparkstadion in Uwe-Seeler-Stadion umzubenenne. Eine Einnahme, die der HSV normalerweise auch ohne Kühne generieren können muss.
Ich bin mir sicher, dass viele HSVer sich freuen werden und erst einmal sagen, das sei ein grandioses Angebot. Allein mit der Umbenennung des Stadions in Uwe-Seeler-Stadion schafft es Kühne, viele positiv zu emotionalisieren. Und zugegeben: Dieses Angebot losgelöst würde auch ich abfeiern – aber leider steht es in ganz direktem Kontext zu aus meiner Sicht unmoralischen Forderungen Kühnes, beim HSV trotz gerade einmal rund 40 Prozent der Anteile für 50 Prozent des Gesamtgeschehens abstimmen zu dürfen. Allein das macht für mich schon deutlich, wie sehr es darauf ausgelegt ist, beim HSV die Zügel in die Hand nehmen zu wollen.
Dass dabei immer von der einen neutralen Person gesprochen wird, die die 50:50-Partnerschaft des HSV e.V. und der Kühne Holding in der HSV Fußball AG mit Weitblick in Patt-Situationen leiten soll ist zudem nett geschrieben. Aber ist sowas auch realistisch, dass man letztlich einer Person zur mächtigsten innerhalb des Klubs macht? Man erinnere hier nur an den aktuellen Aufsichtsrat, der schon bei seiner Zusammensetzung immer wieder für Diskussionen gesorgt hatte.
Insbesondere Hans Walter Peters zeigt aktuell auf, wie schnell sich der HSV mit dem Kühne-Angebot ausliefern könnte. Denn auch der Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken
galt vor seiner Berufung in den HSV-Aufsichtsrat als Kühne-Vertrauter, präsentierte sich aber in den Gesprächen mit dem HSV e.V. und dem Beirat so überzeigend neutral, dass er durchgewinkt wurde. Inzwischen aber ist offen bekannt, und daraus macht Peters auch keinen Hehl mehr, dass er vor allem die Interessen von Klaus Michael Kühne vertritt. Dieser anfängliche Verdacht hat sich inzwischen sogar so verfestigt, dass es zu dem einmaligen Vorgang kam, der bislang noch nicht bekannt ist:
Hans Walter Peters wurde von seinen Aufsichtsratskollegen das Vertrauen entzogen!
Weil man ihm Illoyalität, vereinsschädigendes Verhalten und fehlende Objektivität vorwirft. Solche Personen gab es in den letzten Jahren im Aufsichtsrat immer wieder – dennoch bleibt der Vertrauensentzug in dieser Form ein Vorgang, den es so beim HSV so noch nicht gab. Und dessen Ergebnis naturgemäß den Rücktritt des betroffenen Kontrolleurs aus dem Aufsichtsrat nach sich zieht. Zwar nicht satzungsgemäß – aber es gilt nicht nur hier als goldene Regel.
Allein Peters konterte das Misstrauensvotum gegen ihn ohne erkennbare Reaktion und bleibt unverändert Mitglied des Aufsichtsrates. Mehr noch: Neben dem Kühne-Vertreter Markus Frömming fordert er weiterhin klar die Abberufung von Thomas Wüstefeld als HSV-Vorstand. Im Kontrollrat wird dieser Antrag, über den alle zusammen dann abstimmen MÜSSEN - sogar für die morgige Aufsichtsratssitzung erwartet.
Ich weiß, dass es trotzdem noch HSVer geben wird, die Kühne beste Absichten unterstellen. Aber dem HSV ein derart forderndes, einschneidendes Angebot zu machen zu einem Zeitpunkt, wenn dieser mit dem Rücken zur Wand steht, ist aus meiner Sicht allein schon unmoralisch. Inhaltlich ist dieses Angebot nach den Erfahrungen der letzten Mitgliederversammlungen zudem komplett vorbei an der deutlichen Mehrheit aller HSVer.
Interessant wird sein, ob die aktuelle HSV-Führung dem etwas entgegensetzen kann. Wüstefeld hatte in den letzten Tagen versprochen, bis zum Ende dieser Woche die fehlenden 20 Millionen Euro für die Stadionsanierung per Finanzierung auftreiben zu können. Bislang gibt es hier noch keinen Vollzug, der vermeldet wurde. Stattdessen spricht Wüstefeld von „weiter andauernden, entscheidenden Gesprächen in diesen Tagen“. Meinen Informationen nach soll Hauptsponsor Hanse Merkur ein wesentlicher Teil dieser strategischen Partner werden. Aber: Noch ist nichts fix.
Klar soll dagegen sein, dass die sportliche Führung des HSV einen Teil der Einnahmen aus den Transferbeteiligungen bei Amadou Onana und Filip Kostic für weitere Neuverpflichtungen nutzen darf. Die offizielle Zustimmung dafür soll in der morgigen Sitzung des Aufsichtsrates erfolgen. Ob das alles am Ende dafür reicht, dass sich die beiden Vorstände Jonas Boldt und Wüstefeld doch noch beide eine gemeinsame Zukunft beim HSV vorstellen können – offen. Ich bin mir angesichts der außergewöhnlich unterschiedlichen Auffassungen und differierenden Darstellungen beider Vertreter ziemlich sicher, dass es der fromme Wunsch eines Teils des aktuellen Aufsichtsrates bleiben wird.
Fakt ist aber, dass der HSV heute genau dort steht, wo ihn die Gegner der Ausgliederung vor dieser 2014 schon wähnten: An dem Punkt, unwiderruflich seine Autonomität zu verkaufen – oder wie ich es formulieren würde: seine Selbstbestimmung zu verlieren.
In diesem Sinne, es ist heute kein Platz mehr für Sportliches, daher hier und heute auch nur die Pressekonferenz mit allen News von Trainer Tim Walter.
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