Spielbericht

1:1 in Regensburg - das langt hinten und vorne nicht!

Ich hatte überlegt, schon etwas vorzuschreiben. Denn dieses Spiel war so klar gelegt, wie es nur vorweg gelegt werden konnte. Der HSV musste gewinnen. Zum einen, um den…

1:1 in Regensburg - das langt hinten und vorne nicht!

Ich hatte überlegt, schon etwas vorzuschreiben. Denn dieses Spiel war so klar gelegt, wie es nur vorweg gelegt werden konnte. Der HSV musste gewinnen. Zum einen, um den Anschluss an die Tabellenspitze bzw- die Aufstiegsränge zu halten. Zum  anderen, damit der HSV nicht den nächste Trainerwechsel produziert. Es war eine 180-Grade-Wendung seitens der Mannschaft vonnöten, wenn diese nicht ihre Charakterlosigkeit untermauern wollten. Von daher: Was bitteschön groß rumlabern, wenn doch alles so eindeutig ist. Okay, dass Sportvorstand Jonas Boldt nicht so schwarz-weiß formulieren kann – logisch. Er musste sich vor dem Spiel im Interview noch einmal stark hinter alle und alles stellen. Er sprach von zu hohen Erwartungen an die Mannschaft und sprach dem Trainer sein Vertrauen aus. Was das wert ist werden wir in den nächsten Tagen sehen. Das darauf folgende Spiel jedenfalls gab keinen Anlass dafür, auf einen HSV-Aufstieg zu hoffen.

Schlimmer noch: Dieses enttäuschende 1:1 in Regensburg wirkte fast so, als will diese Mannschaft überhaupt nicht. Bezeichnend, was Boldt nach dem Spiel sagte: „Wir wussten, was uns hier erwartet. Der Plan war, über den Kampf ins Spiel reinzufinden.“ Denn das klappte definitiv mal gar nicht! Ich wundere mich dabei immer wieder, wie frech Fußballprofis ihren Job verweigern können. Haben die denn wirklich so gar keine Scham davor, sich dermaßen teilnahmslos zu präsentieren? Wie bitte kann man eine solche erste Halbzeit abliefern? Wie kann man alles so einfach über sich ergehen lassen? Da wurde mehr gestanden als gelaufen, mehr zurückgepasst als nach vorn gespielt. Und dem schwachen aber aggressiveren Gegner wurde einfach mal das Feld überlassen. Unfassbar, dass sich eine Mannschaft, die so unter Beobachtung steht, so gehenlässt. Zumal Regensburg noch nicht einmal gut war.

45 Minuten reines Versteckspiel im Mittelfeld!

Die Viererkette des HSV verteidigte mit Rückkehrer Toni Leistner zwar nach bestem Gewissen und Können, hatte aber nie Anspielpunkte im Mittelfeld. Jeremy Dudziak sollte Kreativität reinbringen, verpisste sich ja aber 45 Minuten lang konsequent hinter seine Gegenspieler. Motto: Bitte nicht mich anspielen! Moritz Heyer wusste seine neue Rolle noch nicht anzunehmen, verlor zudem unnötig viele Bälle. Aaron Hunt absolvierte 45 Minuten maximal Nordic Walking mit einer Körperspannung die gen Null tendierte. Manuel Wintzheimer war auf der rechten Bahn komplett auf sich allein gestellt und Simon Terodde gewann weder ein Kopfballduell offensiv noch sonst irgendeinen Zweikampf – den einen Defensivkopfball mal ausgenommen. Pässe bekam er eh nicht, weil der HSV  Kurzum: Schlimmer kannst Du dich nicht verweigern. Diese erste Halbzeit war ein Schlag ins Gesicht für alle HSV-Fans – und ein Schlag ins Kontor für den Trainer, der seinen Job nach diesen 45  Minuten schon verloren hatte.

Wie eng das manchmal beieinander liegen kann, zeigt der Spielverlauf. Denn Regensburg vermochte sich trotz aller HSV-Passivität nur einen wirklich große und eine weitere Torchance herauszuspielen, die Ulreich mit guten Faustabwehren parieren konnte. Und dann ging der HSV in Führung. Ecke Hunt, Kopfballverlängerung auf Moritz Heyer, der den Ball einschiebt. Das 1:0 in der 42. Minute! Aber: Denkste! Der Schiedsrichterassistent (und das war entscheidend) zeigte Abseits an und der Videoschiri kontrollierte. Da der VAR keine klare Fehlentscheidung beweisen konnte, bestätigte der VAR diese Entscheidung. Bitter! Zumal ich das Urteil nicht glaube. Vielmehr scheint die Technik hier nicht ausreichend zu sein. Immerhin gab es selbst nach Schlusspfiff noch keine klar kalibrierte Linie, die Aufschluss geben konnte.

Noch bitterer aber war, dass man sich in der 45. Minute dann sogar das Gegentor einfing. Wintzheimer kann einen Eckball nur zu kurz klären, direkt vor die Füße des Regensburgers Albers, und der schiebt die Kugel gekonnt flach ins lange Eck ein – unhaltbar für Ulreich (45.). Apropos Ulreich: Der hatte heute in der ersten Halbzeit gefühlt die meisten Ballkontakte beim HSV. Ohne es gezählt zu haben, behaupte ich, dass der HSV-Keeper mit dem Wackelfuß mehr Ballkontakte hatte als alle Mittelfeldspieler.

Muss man noch mehr sagen zu diesem Auftritt? NEIN!

Dass der Trainer in der zweiten Halbzeit Klaus Gjasula und Khaled Narey brachte, brachte zumindest etwas mehr Schwung ins Spiel. Sagen wir mal von 25% Leistungsfähigkeit wurden jetzt 55% abgerufen. Also immer noch zu wenig. Aber es ging zumindest etwas mehr nach vorn. Narey hatte allein in seinen ersten 5 Minuten mehr offensive Szenen als Dudziak zuvor in 45 Minuten, Gjasula machte, was er konnte (und leider auch, was er nicht kann). Hunt? Weiter abgetaucht. Kittel? Null! Terodde? Ohne jedes Anspiel. Tempo im HSV-Spiel? Kreisliganiveau. Und trotzdem glich der4 HSV aus. Hunts Schuss konnte Regensburgs Keeper Meyer noch parieren, im Nachschuss traf Kittel aus zunächst abseitsverdächtiger Position zum Ausgleich (83.).

Und der HSV muss am Ende das Spiel sogar noch gewinnen! Erst pariert Meyer gegen Leistners Schuss aus kurzer Distanz (90.), dann kommt Kittel in der letzten Minute völlig frei vor Meyer an den Ball und scheitert aus kürzester Distanz am Regensburger Keeper. Dass sich Tim Leibold nach dem Spiel vor die Kamera stellte und dort davon sprach, dass man in der zweiten Halbzeit so stark gespielt habe, dass man so in Zukunft Spiele gewinnen werde – deutlich mutiger als sein Spiel zuvor.

Zwei Siege aus den letzten 11 Spielen hat der HSV eingefahren, drei Punkte Rückstand auf den Zweiten, und Kieler hinter sich, die mit drei Nachholspielen zwei Punkte auf den HSV gutmachen müssen/können. „Die Enttäuschung ist riesengroß. Wir sind in der ersten Halbzeit nicht gut ins Spiel reingekommen, da hat uns das Tempo über die Außen gefehlt. Zweite Halbzeit war es besser. Deshalb ist es sehr ärgerlich, dass wir gerade zum Ende die Riesenchancen liegengelassen haben. Es ist ein bisschen Druck auf dem Kessel, deshalb klappt nicht alles. Aber wie wir in der zweiten Halbzeit agiert haben, darauf können wir aufbauen und uns die letzten vier Spiele den Arsch aufreißen.“, sagte Leistner nach dem Spiel. Puuuh…

Ich musste mich auf jeden Fall lange nach dem Spiel noch einfangen, um hier nicht beleidigend zu werden. Denn eine so charakterlose Leistung wie heute in einer so entscheidenden Saisonphase ist für mich doppelt unverständlich. Ich hätte erwartet, dass man den einen  oder anderen HSVer eher vor sich selbst und vor Übermotivation schützen müsse, als dass man mehr einfordern müsse. Aber dem war nicht so. Von daher halte ich es mal mit Ex-HSVer Erik Meijer, der im Live-TV sagte: „Dieser HSV geht mir einfach nur auf den Sack!“ Recht hat er.

Meijer: „Dieser HSV geht mir auf den Sack!“

Wenn man diesen Spielern Absicht für diese Leistung unterstellt, geht man wahrscheinlich zu weit. Ganze 45 Minuten lang spielte diese Mannschaft allerdings definitiv nicht so, als wolle man seinen wackelnden Trainer stützen. Und ich befürchte, dass diese Diskussion um Thioune noch nicht beendet ist. Was Jonas Boldt dazu sagt? „Es wurde in der Vergangenheit mehrfach praktiziert, dass dann ein neuer Trainer kam und es nicht zwingend besser wurde. Also sollte man vielleicht mal einen Weg gemeinsam gehen und an diesen Herausforderungen arbeiten. Ich habe keine Zweifel am Trainer.“

Auf der anderen Seite muss man befürchten, dass die HSV-Verfolger Düsseldorf, St. Pauli und allen voran Holstein Kiel dem HSV sogar den dritten Platz noch abnehmen, der wenigstens die Relegation nach sich ziehen würde. Tim Leibold nach dem Spiel: Wir sind so schläfrig in die Partie gekommen, wie wir gegen Sandhausen aufgehört haben. Im Moment geht es uns nicht so leicht von der Leber weg. In der zweiten Halbzeit haben wir aber ein anderes Gesicht gezeigt. Trotzdem ist der eine Punkt im Aufstiegsrennen natürlich zu wenig.“

Stimmt. Jedes weitere Wort erspare ich mir. Denn ich bin extrem genervt von dieser Leistung und kann so gar nichts mit den Durchhalteparolen anfangen.

In diesem Sinne, bis morgen. 

Scholle

DAS SPIEL IM STENOGRAMM:

SSV Jahn Regensburg: A. Meyer - Saller, Elvedi, Kennedy, Wekesser - Gimber, Besuschkow, Schneider (70.Opoku), Makridis (70.Otto) - Caliskaner (77.Heister), Albers (90.Becker)

HSV: Ulreich - Vagnoman (68.Gyamerah), Leistner, Ambrosius (87.van Drongelen), Leibold - Heyer (46.Gjasula), Dudziak (46.Narey), Hunt - Wintzheimer (73.Meißner), Terodde, Kittel

Tore: 1:0 Albers (45.), 1:1 Kittel (83.)

Zuschauer: leider keine

Schiedsrichter: Florian Heft (Neuenkirchen)

Gelb-Rote Karten: Gimber (36.), Wekesser (63.) / Heyer (16.), Leibold (23.)

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