Dortmund wartet: Louis Lemke vor der größten Bewährungsprobe seiner jungen Karriere
Topspiel in Dortmund: HSV-Talent Louis Lemke steht vor seinem ersten Bundesliga-Startelfeinsatz. Ein echter Härtetest für den erst 16-Jährigen!

Viel größer könnte die Bühne für den Start in die neue Bundesliga-Saison kaum sein. Der HSV tritt am Sonnabend um 18.30 Uhr zum Topspiel bei Borussia Dortmund an. Mehr als 80.000 Zuschauer, Flutlicht, bundesweite Aufmerksamkeit – und mittendrin vermutlich ein 16 Jahre alter Hamburger, der gerade erst begonnen hat, seine außergewöhnliche Geschichte zu schreiben.
Natürlich gibt es rund um den HSV derzeit viele weitere Themen. Neuzugang Terem Moffi könnte erstmals zum Kader gehören, die Hoffnung auf eine Rückkehr von Fábio Vieira lebt weiter und für die rechte Außenbahn wird noch immer nach Verstärkung gesucht. Doch wenn der Ball in Dortmund rollt, treten die Transferfragen zumindest für 90 Minuten in den Hintergrund.
Lemke steht vor dem nächsten historischen Schritt
Beim souveränen 3:0-Erfolg im DFB-Pokal beim SC Verl schrieb Lemke bereits Vereinsgeschichte. Mit seinem Treffer wurde er zum jüngsten Pflichtspieltorschützen in der Geschichte des HSV. Nun könnte unmittelbar der nächste Meilenstein folgen: sein erstes Bundesligaspiel von Beginn an.
Da Miro Muheim nach seiner Verletzung zwar wieder teilweise mit der Mannschaft trainieren konnte, für Dortmund aber noch nicht zur Verfügung steht, wird Lemke erneut auf der linken Außenbahn erwartet. Damit würde ein 16-Jähriger, der vor wenigen Monaten nur den wenigsten HSV-Fans bekannt war, ausgerechnet im Dortmunder Stadion sein Startelfdebüt in der Bundesliga feiern.
Das ist einerseits eine wunderbare Geschichte. Andererseits ist es auch ein gewaltiger sportlicher Sprung.
In Verl konnte Lemke bereits zeigen, weshalb ihm das Trainerteam dieses Vertrauen entgegenbringt. Er spielte mutig, energisch und ohne erkennbare Angst vor Fehlern. Er suchte konsequent den Weg nach vorn, arbeitete aufmerksam nach hinten und belohnte sich mit seinem historischen Treffer.
Doch Dortmund ist eine andere Dimension. Der BVB wird den HSV unter Druck setzen, das Tempo erhöhen und insbesondere über die Außenbahnen immer wieder Eins-gegen-eins-Situationen erzwingen wollen. Lemke wird vermutlich auch Fehler machen. Das wäre bei einem 16-Jährigen nicht nur verständlich, sondern nahezu unvermeidbar. Entscheidend wird sein, wie er darauf reagiert – und wie gut ihn seine erfahrenen Mitspieler unterstützen.
Es spricht für Lemke und das Trainerteam um Merlin Polzin und Nachwuchschef Loïc Favé, dass sie ihm eine solche Aufgabe zutrauen. Das Vertrauen ist nicht blind, sondern das Resultat seiner Leistungen im Training, während der Vorbereitung und beim Pokalspiel in Verl. Und endlich traut man sich mal, einen jungen Spieler einfach machen zu lassen und sucht nicht ständig nach Gründen, das nicht machen zu müssen.
Der HSV setzt wieder stärker auf seinen Nachwuchs
Dass Lemke überhaupt vor einem solchen Spiel steht, ist Ausdruck einer veränderten Nachwuchspolitik beim HSV. Selten wurden die eigenen Talente so konsequent gefördert und eingesetzt wie derzeit unter Polzin und Favé. Wobei zu der Wahrheit auch gehört, dass in den letzten Jahren nicht immer dieses Füllhorn an Qualität vorhanden war.
Beim Pokalspiel in Verl standen mit Lemke und Shafiq Nandja gleich zwei Nachwuchsspieler in der Startelf. Otto Stange und Jason Bissi-Mouelle wurden im Laufe der Partie eingewechselt. Junge Spieler erhalten beim HSV aktuell nicht nur Trainingszeit bei den Profis, sondern echte Bewährungschancen in Pflichtspielen.
Auch Sky-Experte Dietmar Hamann lobt Polzins Umgang mit den Talenten. Der Trainer habe ein gutes Gefühl dafür, wann er junge Spieler bringen könne. Das wird in Dortmund allerdings besonders gefragt sein. Denn die Aufgabe besteht nicht allein darin, Lemke aufzustellen. Die erfahrenen Mitspieler müssen ihn schützen, unterstützen und dafür sorgen, dass er nach möglichen Rückschlägen nicht allein gelassen wird.
Insbesondere Nicolas Capaldo, Sambi Lokonga, Nicolai Remberg und Sebastiaan Bornauw werden in Dortmund als Führungsspieler gefragt sein. Hamann bezeichnet Capaldo sogar als einen der Eckpfeiler im System des HSV. Remberg und Lokonga würden Gefahren früh erkennen und damit auch ihre Mitspieler besser machen. Genau diese Qualitäten werden benötigt, damit Lemke seine mutige Spielweise zeigen kann, ohne dass jede verlorene Aktion sofort gefährlich wird.
Dortmund verlangt dem HSV alles ab
Merlin Polzin weiß, was seine Mannschaft beim BVB erwartet. Der HSV müsse leidenschaftlich verteidigen, hochkonzentriert bleiben und viel Intensität auf den Platz bringen. Zusätzlich werde er bei einem solchen Auswärtsspiel auch ein wenig Spielglück benötigen.
Wie schnell sich ein Spiel in Dortmund drehen kann, erlebten wir beim vergangenen Auftritt am 21. März. Der HSV führte nach einer starken Leistung bis zur 73. Minute mit 2:0 – und verlor am Ende trotzdem noch mit 2:3.
Diese Erfahrung sollte Warnung und Mutmacher zugleich sein. Der HSV hat bereits bewiesen, dass er Dortmund Probleme bereiten kann. Er hat aber ebenso erfahren, dass gegen einen Gegner dieser Qualität wenige unkonzentrierte Minuten ausreichen, um ein bis dahin starkes Spiel komplett aus der Hand zu geben.
Polzins Mannschaft wird deshalb über die gesamte Spielzeit konzentriert und kompakt bleiben müssen. Es wird Phasen geben, in denen der BVB den Druck massiv erhöht. Dann darf der HSV nicht hektisch werden. Er muss bereit sein, gemeinsam zu verteidigen, Wege füreinander zu machen und auch schwierige Situationen auszuhalten. Residenz wird ein wesentlicher Erfolgsfaktor werden.
„Wir sind direkt im Fokus und müssen abliefern“, sagt Polzin.
Geheimtraining entscheidet über Moffis Einsatz
Neben Lemke richtet sich der Blick aktuell besonders auf Terem Moffi. Der 27 Jahre alte Nigerianer kam für rund zwei Millionen Euro von OGC Nizza und trainiert seit Dienstag mit der Mannschaft.
Am Freitag findet das Abschlusstraining vollständig unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Ein Grund dafür ist der Fitnesstest für Moffi. Der Stürmer hat seit knapp drei Monaten kein Spiel mehr bestritten. Zuletzt stand er Anfang Juni für die nigerianische Nationalmannschaft auf dem Platz. Polzin und sein Trainerteam müssen deshalb genau prüfen, wie belastbar der Angreifer bereits ist und ob es in Dortmund zumindest für einen Platz im Kader reicht. Und ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, dass Moffi schon so fit und bereit ist, um beim BVB zu performen.
Wobei: Menschlich scheint sich Moffi schnell eingefunden zu haben. Polzin beschreibt ihn als offenen, kommunikativen Spieler, der viel lacht und nach einer schwierigen Zeit große Lust auf Fußball ausstrahlt. Im Training habe er zudem bereits seinen ausgeprägten Torinstinkt und seinen Riecher im gegnerischen Strafraum angedeutet.
Neben Moffi verfügt der HSV mit Patson Daka über einen weiteren prominenten Neuzugang für den Angriff. Und dieser Mann gefällt mir sehr gut, weil er vieles kombiniert, was in den letzten Jahren auf zwei Mann (Glatzel, Königsdörffer) verteilt war: Er ackert für die Mannschaft, hat Tempo – und weiß ganz genau, wo das Tor steht. Zudem würde ich mich freuen, wenn Polzin und Favé weiter den Weg über die Talente suchen – und Stange mit Einsatzzeit belohnen. Ich bin mir sicher, dass sich das auszahlt.
Auch Hamann traut dem ablösefrei von Leicester City gekommenen Sambier Daka übrigens viel zu. Und für Polzin ergeben sich damit neue Möglichkeiten. Ob Moffi schon in Dortmund eine davon sein kann, wird erst das geheime Abschlusstraining zeigen.
Vieira will zum HSV – und der HSV will Vieira
Während die Mannschaft den Saisonstart vorbereitet, arbeitet Sportdirektor Claus Costa weiter am Kader. Am Dienstag reiste er nach London, um sich persönlich mit Fábio Vieira zu treffen und dem Portugiesen noch einmal zu verdeutlichen, wie ernst es dem HSV mit einer festen Verpflichtung ist.
Merlin Polzin bezeichnete den Besuch als „riesiges Zeichen der Wertschätzung“. Vieira habe in der vergangenen Saison viele besondere Momente geschaffen, sei ein herausragender Spieler und zudem ein Typ, der perfekt in die Mannschaft gepasst habe. Die Zahlen unterstreichen seine sportliche Bedeutung: Vieira erzielte sieben Tore und bereitete sechs weitere Treffer vor – das kann dieser HSV gut gebrauchen.
Auch der Spieler selbst soll weiterhin unbedingt zum HSV zurückkehren wollen. Polzin steht nach eigenen Angaben permanent mit ihm im Austausch. Das Problem bleibt die Einigung mit dem FC Arsenal und eine für den HSV bezahlbare Ablösesumme. Alles deutet darauf hin, dass die Entscheidung erst auf der Zielgeraden der Transferperiode fallen wird. Am Dienstag um 20 Uhr schließt das Transferfenster.
Rechts hinten is der Bedarf noch dringender
Während Vieira als sportlich äußerst reizvoller Bonus-Transfer betrachtet werden kann, besteht auf der rechten Seite akuterer Handlungsbedarf. Der HSV sucht seit rund drei Monaten nach einer Verstärkung für die rechte Schiene.
Die ursprünglich favorisierte Lösung Elias Baum hatte sich bereits vor Wochen zerschlagen. Leider! Nun werden vor allem zwei neue Namen gehandelt: Der HSV soll sich für eine Leihe des 23 Jahre alten Brasilianers Arthur von Bayer Leverkusen interessieren. Außerdem soll sich der HSV nach Zakaria El Ouahdi vom KRC Genk erkundigt haben.
Viel Zeit bleibt Costa nicht mehr. Während Lemke durch seine Entwicklung die ursprüngliche Suche nach einem weiteren Linksverteidiger praktisch beendet hat, fehlt auf der rechten Seite weiterhin eine überzeugende zusätzliche Lösung zu Interims-Rechtsverteidiger Capaldo und/oder Jatta.
Baza will nach Barcelona – doch das Angebot reicht nicht
Wie nah Hoffnung und Enttäuschung bei der Nachwuchsarbeit beieinanderliegen, zeigen die Beispiele Lemke und Mikael Baza. Während Lemke beim HSV vor seinem Startelfdebüt in der Bundesliga steht, hat sich Baza offenbar gegen eine Zukunft in Hamburg entschieden.
Der 16 Jahre alte Innenverteidiger und deutsche U16-Nationalspieler möchte zum FC Barcelona wechseln. Seine Berateragentur soll den HSV bereits informiert haben, dass Baza seinen bis 2027 laufenden Vertrag nicht verlängern will. Barcelona hat inzwischen Kontakt zum HSV aufgenommen, bislang aber lediglich eine geringe Ablöse im unteren sechsstelligen Bereich angeboten. Für diese Summe werden die Hamburger eines ihrer größten Abwehrtalente kaum vorzeitig ziehen lassen.
Der Fall ist für den HSV besonders ärgerlich, weil Lemkes aktueller Weg eigentlich das stärkste Argument für den Verein liefert: Junge Spieler können es in Hamburg schaffen – und sie bekommen ihre Chance sogar auf der ganz großen Bühne. Aber wenn der FC Barcelona ruft...
Hamann traut dem HSV eine sorgenfreie Saison zu
Dietmar Hamann blickt insgesamt optimistisch auf die neue HSV-Saison. Der Sky-Experte erwartet, dass die Hamburger die Klasse komfortabel halten und sich am Ende zwischen Platz elf und 14 einordnen werden. Als Gründe nennt er die Kaderplanung und Polzins Fähigkeit, aus der Mannschaft viel herauszuholen.
In Dortmund kann der HSV eigentlich nur gewinnen – Punkte, Erkenntnisse und vielleicht sogar die Gewissheit, dass mit Lemke gerade ein außergewöhnliches Talent den nächsten Schritt macht. Aber man sollte nicht nach Dortmund fahren, um nur möglichst lange mitzuhalten. Der Auftritt im März hat gezeigt, dass diese Mannschaft den BVB ernsthaft in Schwierigkeiten bringen kann.
Diesmal muss sie lediglich dafür sorgen, dass eine gute Leistung nicht wieder innerhalb weniger Minuten zunichte gemacht wird. Dafür braucht es Leidenschaft, Konzentration, Intensität und die Bereitschaft, als Mannschaft füreinander einzustehen.
Aber ich bin mir sicher: Alles das ist dank der besonderen Situation des ersten Saisonspiels, des Stadionfaktors beim BVB und des Topspielcharakters bei allen HSV-Spielern – bei Lemke als Debütant sicher noch einmal mehr als bei den erfahreneren Spielern – im allerhöchsten Maß vorhanden. Ich persönlich jedenfalls freue mich sehr auf dieses Spiel...!
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