Ist Faride Alidou morgen schon weg?
Einige von Euch werden ihn kennen, den „MorningCall“. Darin fasse ich immer die Meldungen des Tages aus allen Medien zusammen. So auch heute, wo mich dabei zwei Meldungen…

Einige von Euch werden ihn kennen, den „MorningCall“. Darin fasse ich immer die Meldungen des Tages aus allen Medien zusammen. So auch heute, wo mich dabei zwei Meldungen irritierten. Zum einen war es die überaus individuelle Kritik an Jan Gyamerah, dem Trainer Tim Walter „schlechtes verteidigen“ vor dem 1:1 anlastete. Etwas, was er so persönlich bisher nicht gemacht hatte – und was man so persönlich auch nicht hätte machen müssen. Zumal Gyamerah nach einer für ihn sicher alles andere als leichten Hinrunde zuletzt mit guten Spielen zu gefallen wusste, wie ich finde.
Von daher kann ich mir diesen Ausbruch von Walter gegenüber Sport1 nur damit erklären, dass Gyamerah bei ihm weiterhin keinen allzu hohen Stand hat. „Soll Gyamerah im Winter gehen?“ - diese Frage hatten sich auch die Kollegen vor einigen Wochen gestellt, als Gymaerah so gar keine Beachtung mehr bei Walter fand. Und sie werden sich diese Frage ebenso wie ich jetzt wieder stellen. Gyamerah war eh nur durch die Verletzung von Miro Muheim wieder ins Team gerückt. Zuvor war ihm neben Muheim links auf der rechten Abwehrseite nach dem Ausfall von Josha Vagnoman sogar Moritz Heyer vorgezogen worden.
Walter-Kritik an Gyamerah überrascht
Noch ein wenig erstaunter war ich allerdings über Horst Hrubeschs heutigen Vorstoß in Sachen Faride Alidou. „Es ist so eine Geschichte, die Raute zu küssen und dann auch dazu zu stehen“, sagte Hrubesch, der auf Alidous emotionale Auswechslung beim 4:1-Sieg gegen Regensburg anspricht. „Ich würde mir wünschen, dass Faride hier bleibt. Er ist ein junger Spieler, der Sicherheit braucht. Diese kriegt er hier. Es gibt genug Beispiele von Spielern, bei denen ein solcher Wechsel nicht funktioniert hat.“ So weit, so gut. Das zu sagen ist absolut legitim. Selbst jetzt, wo der Wechsel meinen Informationen nach feststeht. Demnach soll schon morgen oder Mittwoch verkündet werden, wohin es den Offensivspieler zieht.
Aber noch mal zu Hrubesch: Man könnte daraus schließen, er kämpfe bis zum Schluss um das Toptalent. Verwunderlich ist allerdings, was der Nachwuchschef bei Sky sagte. Denn da widersprach Hrubesch dem Vorwurf, dass der HSV eine mögliche Vertragsverlängerung verschlafen hätte: „Er wollte schon mal weg, als ich gekommen bin. Ich habe gesagt, nein, du bleibst. Wir haben zwischendrin schon versucht, den Vertrag zu verlängern. Wir waren nicht zu spät dran. Wir haben alles dafür getan, dass er bleibt.“ Aussagen, die so nicht stimmen, wie mir versichert wurde. Heute zum wiederholten Male.
Nein, der HSV hat es in diesem Fall tatsächlich einfach versäumt, einem Talent einen Vertrag zu geben oder sich zumindest eine Option zu sichern, bevor man den Spieler ins Schaufenster gestellt hat. Hrubeschs Kontakt zu Alidou persönlich soll sich meinen Infos nach auf ein einziges Gespräch beschränken. Dabei soll es um eine Trainingseinheit bei der U21 gegangen sein, in der Hrubesch die Einstellung des Talentes nicht gefallen habe. Ansonsten galt Alidou intern nicht einmal als wirklich umstritten, da sich fast alle – Hrubesch angesichts seiner Position in erster Reihe – auch im Sommer noch einig waren, dass dem Youngster die richtige Mentalität fehle, um den Profis zu helfen. Auch deshalb wurde im Sommer erst über ein Verleihgeschäft nachgedacht.
Alidou-Wechsel beschlossen? Hrubesch kartet nach
Ich habe hier mehrmals betont, dass ich ein großer Befürworter meines einstigen Jugendidols bin. Horst Hrubesch zum HSV zu holen war zweifellos ein sehr guter Zug von Vorstandsboss Jonas Boldt. Aber in der Thematik Alidou verrennt sich der Nachwuchschef gerade ein wenig. Ich hatte nach dem SportBild-Interview von Hrubesch (sinngemäß: „Den Fall Alidou müssen wir intern analysieren und schauen, was falsch gelaufen ist“) gehofft, dass der Nachwuchschef den Fall Alidou als Exempel dafür nimmt, wie man es in Zukunft nicht mehr macht. Selbstkritik wäre tatsächlich angebracht. Und nicht, dem Spieler den schwarzen Peter zuzuschieben. Ich wäre tatsächlich enttäuscht, wenn man dieses Thema verklärt – denn so kenne ich Hrubesch nicht.
Noch ein weiteres, noch deutlich traurigeres Thema ist der Rassismus-Skandal rund um das Spiel Duisburg gegen den VfL Osnabrück, über das ich gestern an dieser Stelle schon berichtet hatte. Jetzt hat es den zweiten (Ex-)HSVer getroffen: Vincent Kompany. Der Trainer vom RSC Anderlecht ist gemeinsam mit einigen Mitarbeitern und Spielern des Vereins während der Erstliga-Partie bei Meister FC Brügge (2:2) beleidigt und beschimpft worden. Sie seien als „schwarze Affen und was auch immer“ bezeichnet worden, sagte Kompany der belgischen Tageszeitung „Het Laatste Nieuws“. Im TV-Sender Eleven sagte Kompany: „Dieser Tag endet traurig, ich bin angewidert. Mein Staff und ich wurden während des gesamten Spiels beleidigt.“
Die Polizei hat Ermittlungen wegen Rassismus eingeleitet. Auch der belgische Fußballverband teilte am Montag mit, zu ermitteln. Der Fall könne schließlich an eine Disziplinarkammer verwiesen werden, die zu Saisonbeginn für den Umgang mit Rassismus eingerichtet worden sei. „Rassismus ist abscheulich. Immer und überall. Auf dem Spielfeld und auf den Tribünen“, teilte der Verband mit. Auch der FC Brügge wolle die Täter schnell identifizieren und Stadionverbote verhängen, hieß es. Der Verein entschuldigte sich über die sozialen Netzwerke bei Kompany und dem RSC Anderlecht. „Der Kampf gegen Rassismus darf keine Kompromisse dulden“, twitterte Belgiens Innenministerin Annelies Verlinden.
In Deutschland hat der Spielabbruch der Partie vom MSV und dem VfL hohe Wellen geschlagen. Und das ist auch gut so. Das Entsetzen über die Hetze, Verständnis für den Spielabbruch, Lob für die Reaktion vieler Fans - die skandalösen Vorkommnisse von Duisburg haben den Sport erneut ins Zentrum der Rassismus-Debatte gerückt. Auch deshalb nutze ich diese Plattform gern, um diesem Thema den Raum zu geben, den er braucht, damit sich irgendwann einmal etwas in den Hohlbirnen derer verändert, die noch immer meinen, Menschen besserer Güte zu sein.
Null-Toleranz für rassistische Beleidigungen
„Probleme wie Ausgrenzung und Diskriminierung im Sport gehören ins Zentrum der öffentlichen Debatte. Wir haben hier noch reichlich Nachholbedarf“, kommentierte inzwischen NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) am Montag. „Wenn Menschen in ihrer Würde verletzt werden, kann man nicht einfach wieder anpfeifen. Aaron Opoku hat unsere volle Solidarität.“ Die Entscheidung, die Drittliga-Partie am Sonntag in Duisburg nach der Beleidigung eines 55 Jahre alten Zuschauers gegen den Osnabrücker Profi Aaron Opoku abzubrechen, stieß bundesweit auf große Zustimmung. „Indem man sowas macht, zeigt man: Mit uns geht das nicht mehr. Wir haben die Schnauze voll von euch Vollidioten“, sagte der DFB-Botschafter und frühere Nationalspieler des HSV, Jimmy Hartwig, im NDR-Fernsehen. Überrascht war der 67-Jährige nicht: „Ich habe schon viel früher damit gerechnet, dass mal ein Spiel abgebrochen wird. Schauen wir mal, wie lange es dauert, bis ein Bundesliga-Spiel abgebrochen wird.“
Wobei mir nicht ganz klar ist, warum das einen Unterschied machen sollte. Ob nun ein Zweit-, Dritt- oder Erstligaspiel abgebrochen wird, sollte nicht relevant sein. Relevant sollte ausschließlich sein, wie man in Zukunft mit diesen rassistischen Vorfällen umgeht: und da hat Schiedsrichter Winter ein Zeichen gesetzt, indem er rigoros abgebrochen hat! Die neue Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Reem Alabali-Radovan (SPD), sprach von einer „konsequent richtigen Entscheidung“: „Im Fußball gilt wie überall sonst in unserer Gesellschaft: Kein Platz für Rassismus! Klare Verstöße brauchen klare Kante.“
Schiedsrichter Winter hat ein wichtiges Zeichen gesetzt
Aber neben all der Entrüstung über den Vorfall im Stadion möchte ich an dieser Stelle auch lobende Worte für die Reaktion einiger der gut 7000 Fans im Duisburger Stadion finden, die nach dem Vorfall „Nazis Raus“ skandiert und zu dem zur Identifizierung des Beschuldigten beigetragen hatten: „Die Reaktion der großen Mehrheit der Fans im Stadion und der Abbruch des Spiels waren starke Signale gegen Rassismus“, so Wüst. Das für den Sport zuständige Bundesinnenministerium würdigte die Reaktionen als „vorbildhaft“. Diese Reaktion sei so, wie man sich das in Berlin in deutschen Fußballstadien wünschen würde, kommentierte ein Ministeriumssprecher am Montag in Berlin.
Die Solidarität der Fans dürfte Opoku ein wenig Trost gespendet haben. „Ich fand es super und überragend von beiden Fanlagern, was sie gerufen haben und wie sie sich solidarisiert haben“, sagte VfL-Sportdirektor Amir Shapourzadeh am Montag in einem Video-Interview der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Hintergrund: Nach dem Spiel hätten Osnabrücker Fans vor der Mannschaft eine Ansprache gehalten und Opoku Unterstützung zugesprochen. „Sie haben gesagt, dass sie voll und ganz hinter ihm stehen und so etwas bei uns nie dulden würden, wenn irgendwas in diese Richtung passiert“, sagte der Sportdirektor.
Und ich hoffe, dass dieser Vorfall endlich ein Durchbruch wird und in Zukunft noch konsequenter dagegen vorgegangen wird. Spielabbrüche nehme ich jedenfalls gern hin, wenn sie denn helfen, das Thema Rassismus endgültig aus den Stadien – und überall sonst auf der Welt - zu verbannen. Ich erinnere mich mit Grauen und tatsächlich noch schlechtem Gewissen an meine Jugend zurück, wo ich im „Block E“ stand und Affenlaute hörte, als Souleyman Sané von Wattenscheid 09 am Ball war. Damals habe ich mich über jeden Treffer des Wattenscheiders gefreut, weil ich mich als kleiner Junge nicht getraut habe, den Arschlöchern in diesem Block zu sagen, dass sie die Fr…. halten sollten. Heute wäre das anders.
Von daher gibt es auch von uns hier von MoinVolkspark 100 Prozent Unterstützung für das Vorgehen des Schiedsrichters Herr Winter im Spiel Duisburg gegen Osnabrück. Opoku, Kompany und alle anderen Diskriminierten sollen wissen, dass sie nicht allein sind. Im Gegenteil! Der lange schon notwendige Widerstand nimmt endlich klarere Konturen an.
In diesem Sinne, bis morgen. Da werde ich mich wieder um 7.30 Uhr mit dem MorningCall melden. Der Blog hat morgen Pause, sofern nichts berichtenswertes passiert. Am Mittwoch gibt es dann den letzten Communitytalk des Jahres 2021, für den Ihr mir via [email protected] wieder Eure Fragen stellen könnt. Ebenso werde ich alle Fragen, die via Instagram kommen, mit aufnehmen. Also: Reingehauen…!! Bis morgen,
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