HSV-Trainer Walter mahnt: Spieler müssen endlich raus aus der Komfortzone
Fertig ist man in diesem Bereich tatsächlich nie. Von daher ist die Frage, ob die Planungen denn nun abgeschlossen seien, zwar halbjährlich wiederkehrend – aber auch nicht mehr…

Fertig ist man in diesem Bereich tatsächlich nie. Von daher ist die Frage, ob die Planungen denn nun abgeschlossen seien, zwar halbjährlich wiederkehrend – aber auch nicht mehr als rhetorisch zu bewerten. Denn Kaderplanungen sind fortlaufend. Auch nach Ende der jeweiligen Transferphasen wird weiter mit Beratern gesprochen, weiter verhandelt und im besten Fall auch umgehend auf erkannte Probleme im aktuellen Kader reagiert. Von daher sind die Personlplanungen auch diesmal noch lange nicht abgeschlossen. Auch wenn man quantitativ einen ausreichend vollen Kader hätte – es ist noch eine ganze Menge Bewegung zu erwarten. In beide Richtungen. „Zum Glück“ auf der einen Seite – „leider“ auf der anderen Seite. Denn der HSV gibt sich dieser Bewegung nicht ganz freiwillig hin.
Der HSV ist von Bewegungen anderer abhängig
Klar, zum einen sucht man weiterhin einen Keeper. Das Thema kursiert seit Wochen und ist noch unerledigt. Wobei ich hier aktuell eine Konstellation erkennen kann, die funktionieren kann. Denn der neue Trainer hält mehr von Daniel Heuer-Fernandes als seine Vorgänger. Zudem hat der HSV mit Tom Mickel einen inzwischen durchaus erfahrenen und loyalen Mann in der Hinterhand, der sich für den HSV zerreißen würde, sollte er mal ernsthaft gefordert werden. Und um die nominell gute Konstellation abzurunden, drückt mit Leo Oppermann ein junger Keeper von hinten nach – womit ich noch einmal zu der Lehre kommen möchte, die ich aus dieser für mich vergleichsweise emotionslos wahrgenommenen EM gewonnen habe: Die Kraft der Geschlossenheit.
Denn mit Italien ist nicht die individuell am besten besetzte Mannschaft Europameister geworden, sondern die mit dem homogensten Team. Dass dabei die schwere Verletzung von Leonardo Spinazzola auch ungewollt noch einmal zusammengeschweißt hat – okay. Ebenso wie Christian Eriksens dramatischer Herzstillstand die Dänen enger hatte zusammenrücken lassen. Aber: Beide Teams haben aus der Rolle des Underdogs gegenüber Teams wie Belgien, Frankreich und England über eben diese Geschlossenheit alles herausgeholt, was drin war – und sind weiter gekommen. Auch Spanien, wo Trainer Enrique zum Zwecke der Geschlossenheit auf alle Spieler von Real Madrid und vom FC Barcelona verzichtet hatte, kann dem HSV als Beispiel dienen. Weg von großen Namen, hin zu einem funktionalen, homogenen Team. Wie Bielefeld, Paderborn und Bochum in den letzten Jahren.
Von daher hätte ich absolut null Probleme damit, einem Vollblut-HSVer wie Mickel die wichtige Rolle im Tor anzuvertrauen. Denn ich wüsste, er würde wirklich ALLES geben, den Kasten sauber zu halten. Ich glaube sogar, dass es helfen kann, noch besser zu werden. Der Umstand, dass eine Mannschaft weiß, nominell eben nicht immer der große Favorit zu sein, hält sie wach und fokussierter, während große Topfavoriten träge werden, weil sie sich immer wieder auf individuelle Qualität verlässt. Siehe Belgien, siehe Frankreich. Zumindest hätten diese beiden Teams qualitativ betrachtet bei dieser EM einen Durchmarsch sondergleichen hinlegen müssen – in etwa so, wie der HSV seit drei Jahren in der Zweiten Liga.
HSV ist kein Topfavorit - und darin liegt die große Chance
Von daher stört es mich absolut überhaupt nicht, wenn der HSV inzwischen nicht mehr ins oberste Regal greifen kann, sondern Spieler aus der Zweiten Reihe verpflichtet. Der Umstand, dass er so handeln muss, ist zweifelsfrei ein Rückschritt, den man nicht schönreden darf. Aber ich behaupte weiterhin: Wenn die Verantwortlichen es richtig machen, wird aus diesem Rückschritt die vielleicht größte Chance der letzten Jahre, in Hamburg etwas Neues, wirklich Gutes aufzubauen. Das alte Konstrukt, die falsche Selbstverständlichkeit muss aufgebrochen werden. Denn dann könnten die Forderungen nach Mentalität, Identifikation und Willen endlich auch mal mit Leben gefüllt werden. Mit anderen Worten: Manchmal ist der Schritt zurück entscheidend, um im Anschluss wirklich mal vorankommen zu können. Und das wollen wir alle.
Ich für meinen Teil sehe den HSV in der Zweiten Liga noch immer unter den Top-Teams – aber eben nicht mehr ganz vorn. Im letzten Jahr hatte der HSV noch den höchsten Mannschafts-Marktwert aller Zweitligisten. Nun rutschte man auf Platz drei ab. Den höchsten Marktwert hat der FC Schalke 04 mit 84,8 Millionen Euro, vor Werder Bremen mit 81,38 Millionen Euro. Naturgemäß als Absteiger. Der HSV besitzt aktuell nur knapp die Hälfte und kommt auf einen Gesamtmarktwert des Kaders von 38,30 Millionen Euro. Wichtiger als alles das ist für mich aber: Werder und Schalke sehe ich vom Personal her vor dem HSV. Wobei auch klar ist: Das ist alles nur Theorie. Nominelle Werte bringen keine Punkte. Das wissen HSVer besser als alle anderen. Und hinter den beiden großen Absteigern kommen mit dem HSV zusammen auch Teams wie Düsseldorf, Hannover und der FC St. Pauli. Diese Teams sehe ich vom realistischen Anspruch her auf Augenhöhe. Und auch das kann dem HSV guttun, wenn er diese Rolle richtig annimmt. Zu Beginn würde es schon helfen, daraus die Erkenntnis anzunehmen, eben nicht immer das Maximum erreichen zu MÜSSEN.
Der HSV muss die Arroganz ablegen, mit nichts weniger als dem ersten Platz zufrieden sein zu dürfen. Denn diese Rolle hat der HSV nicht mehr inne. Im Gegenteil: Sie war und wäre unnötiger Ballast, der den HSV träge macht. Apropos: Etwas müde wirkte heute auch der Testkick gegen Silkeborg IF, wie der Trainer festhielt. Trotz des 1:0-Sieges (Torschütze per Foulelfmeter: Bakery Jatta, 47. Minute) war Tim Walter nicht zufrieden. „Im Spiel gab es Licht und Schatten. Letzte Woche waren wir gefühlt schon etwas weiter, heute haben wir etwas weniger gemacht, vielleicht auch wegen des Namens des Gegners“, sagte der neue HSV-Trainer nach dem Spiel.
Trotz Testsieg gegen Silkeborg - Coach Walter nicht zufrieden
Vor allem im Spiel gegen den Ball habe seine Mannschaft noch mehr Luft nach oben, als ihm recht sei. „Wir wissen, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben“, sagte Walter, dem insbesondere die Physis seiner Mannschaft missfiel dem Coach. Zusammen mit seinem Co-Trainerteam müsse er „schauen, das Ganze langfristig auf Vordermann zu bringen. Da haben wir noch Nachholbedarf.“
Walter richtete sogar einen – inhaltlich nicht wirklich verwunderlichen - Appell an die Mannschaft. Einen Appell, der hoffen lässt, dass die Mannschaft diese Saison tatsächlich ausreichend auf einen langen, anstrengenden Weg vorbereitet wird. Walter deutlich: „Die Jungs müssen noch intensiver arbeiten, noch mehr Bereitschaft zeigen, das kommt nicht von heute auf morgen. Wenn du eine gewisse Komfortzone erreichst, ist es schwer, da wieder herauszukommen.“ Stimmt. Aber die Erkenntnis ist schon mal ein guter Anfang.
In diesem Sinne, bis morgen. Da sollen dann auch die heute angeschlagen individuell trainierten Daniel Heuer Fernandes, Tom Mickel, Mikkel Kaufmann, Jeremy Dudziak und Amadou Onana wieder zur Mannschaft stoßen, während ich noch bis einschließlich Freitag unterwegs sein werde. Aber: Sobald etwas passiert, melde ich mich an dieser Stelle bei Euch.
Scholle
Statistik zum Spiel:
HSV 1. HZ: Oppermann – Gyamerah, Leistner, David, Leibold – Meffert – Reis, Kinsombi – Suhonen – Wintzheimer, Glatzel
HSV 2. HZ: Oppermann – Opoku, Rohr, Schonlau, Muheim – Gjasula – Reis, Heyer – Suhonen – Meißner, Jatta
Tore: 1:0 Jatta (47.)
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