Hat Walter „psychologisch versagt“? HSV-Aufsichtsrat entscheidet
Wenn der Doktor ruft – oder in diesem Fall: schreibt – dann mache ich immer gern Platz. Denn die Eingebungen und Erklärungen von Dr. Olaf Ringelband sind in aller Regel…

Wenn der Doktor ruft – oder in diesem Fall: schreibt – dann mache ich immer gern Platz. Denn die Eingebungen und Erklärungen von Dr. Olaf Ringelband sind in aller Regel großartig und erklären mir nicht selten psychologische Hintergründe sehr anschaulich. Manchmal bin ich dabei auch nicht seiner Meinung und diskutiere mit ihm so lange, bis ich meistens sachlich und inhaltlich doch überzeugt bin. Das wird ihm in diesem Fall allerdings nicht gänzlich gelingen. Zumindest nicht im Fazit. Dennoch halte ich seine Analyse für sehr schlüssig und will sie auch deshalb abdrucken, weil ich weit davon entfernt bin, meine Meinung als die einzig richtige werten zu wollen. Aber lest selbst:
Schade - der HSV ist nicht aufgestiegen. Verdienterweise, denn Hertha wollte es einfach mehr, zeigte mehr Einsatz und Kampfeswille. Zufrieden kann man beim HSV aber nicht sein - man hat nach Werder den zweitwertvollsten Kader der zweiten Liga - da kann das Ziel nur sein, aufzusteigen. Alles Gerede davon, dass man „auf einem guten Weg” sei oder „eine tolle Aufholjagd am Ende der Saison” gespielt habe, ist Augenwischerei. Das Scheitern des HSV nicht als solches zu benennen, bereitet den Boden für die nächste Saison in Mittelmäßigkeit, denn es festigt den Glauben, dass man es reicht, wenn man es mal versucht hat.
In meinem Kommentar vor dem zweiten Relegationsspiel habe ich schon vermutet, dass Hertha ein Tor schießt - aber fälschlicherweise vermutet, dass der HSV psychisch stabil genug ist, um das wegzustecken. Falsch lag ich auch in meiner Einschätzung von Magath - denn er hat offensichtlich erkannt, dass er die Mannschaft mit seiner Art nicht erreicht und quasi seine gesamte Trainerkompetenz an Prince Boateng übertragen. Respekt, Herr Magath - das ist genau die Fähigkeit zur Selbstreflexion, die ich ihm gestern noch abgesprochen habe.
Aus meiner Sicht hat Walter als Trainer im Rückspiel versagt - psychologisch wie taktisch. Psychologisch: dass Hertha ein Tor schießen kann, wusste man. Denn es gab zwei Szenarien - das Best-Case-Szenario, dass die Hertha komplett demoralisiert ist und sich vorführen lässt. Und das Worst-Case-Szenario, dass Magath es irgendwie schafft, die Mannschaft heiß zu machen, sie gegenhält, hoch presst und sogar ein Tor schießt. Diese Möglichkeit muss man als Trainer antizipieren und im Vorfeld positiv „re-framen” (so nennt man es, wenn man negative Ereignisse in positive umdeutet), z.B. indem er mit der Mannschaft intensiv das Worst-Case-Szenario bespricht und darauf hinweist, dass ein (unter Umständen sogar früher) Gegentreffer ein deutlicher Hinweis darauf ist, dass man nicht eng genug bei den Gegenspielern ist, dass man nicht alles gegeben hat und noch eine Schippe drauflegen muss, dass es also eine Chance ist, sich als Mannschaft neu zu motivieren. Aber offenbar waren die Spieler mental nicht darauf vorbereitet, denn einige hatten nach dem Gegentreffer sichtbar Angst, die Körpersprache von Kittel z.B. sprach Bände. Ich würde deshalb aber nicht in das Kittel-Bashing einstimmen, dass Kittel ein hochtalentierter Spieler ist, wissen wir, aber wir wissen auch, dass er psychisch wenig stabil ist. Hier ist der Trainer gefragt, einen Spieler wie Kittel so zu stabilisieren, dass er Rückschläge psychisch bewältigen kann.
Taktisch (und jetzt lehne ich mich weit aus dem Fenster, denn ich bin kein Taktikexperte, sondern Fan wie wir alle) kann ich nur das, was Walter mit dem HSV macht, mit anderen Vereinen vergleichen, und da fallen mir zwei Dinge auf: die kurzen Abstöße und das Aus-der-Abwehr-Herauskombinieren kann mitunter gut sein. Aber wenn der Gegner aggressiv hoch presst, steht das Risiko (Ballverluste bringen fast immer die Gefahr eines Gegentors) in keinem Verhältnis zum Ertrag. Das zweite, was mir auffiel: wie variantenarm das Angriffsspiels des HSV ist: es werden strikt die Positionen gehalten - mit dem Effekt, dass auf Höhe des 16ers 3 oder 4 Spieler stehen, die Abwehr hat im Mittelfeld kaum Anspielstationen, sodass die einzige Lösung häufig ein 1-gegen-1 Zweikampf auf der Außenbahn ist - der dann zwar manchmal Gefahr bringt wenn man es bis zur Grundlinie schafft, aber auch die Gefahr eines Gegenstoßes, wenn der Zweikampf verloren wird. Wie es anders gehen kann, konnte man am Sontag am letzten Spieltag der Premier League sehen: sowohl Liverpool wie City lagen hinten (ja, ich weiß, dass man den HSV nicht mit den Englischen Top-Clubs vergleichen kann - aber man kann sich doch zumindest etwas abgucken von den Großen), aber beim Angriffsspiel waren meistens alle oder alle bis auf einen Angreifer beim Spielaufbau im Mittelfeld. Damit hatte man Anspielstationen und mitunter sogar Überzahl im Mittelfeld, in den 16er laufen dann Spieler (und zwar nicht nur die Stürmer) wenn es nötig ist.
Dass alles kann man natürlich nicht erst im letzten Relegationsspiel einüben, sondern das ist die Aufgabe des Trainers, taktische Varianten im Training vorzubereiten. Ich bin kein Trainings-Kibitz, aber was ich so höre, passiert das Einstudieren von taktischen Varianten im Training nur selten.
Unter dem Strich hat Walter also psychologisch wie taktisch versagt. Dennoch würde ich an ihm festhalten, denn ein Trainerwechsel würde m.E. wenig bringen. Wichtig wäre, jetzt die Fehler gnadenlos offenzulegen - und damit meine ich nicht nur die des Trainers und der Mannschaft. Denn rein statistisch wird das Risiko, nicht aufzusteigen von Saison zu Saison größer, wenn jetzt nicht alle Signale in Richtung „Höchstleistungskultur” umgelegt werden, kann es übernächste Saison zu spät sein.
Danke, Olaf!!
Ich bin im Bezug auf das Rückspiel und auch auf viele Saisonspiele bei der taktischen Analyse voll dabei. Auch mir fehlte der Plan B bzw. die Veränderung der eigenen Spielweise bei veränderten Spielständen oft. Dass man trotzdem oft zurückgekommen und spät noch getroffen hat, war zwar immer wieder ein gutes Argument dafür, „bei uns zu bleiben“, wie HSV-Trainer Walter seine zweifellos ebenso komplexe wie grundsätzlich eindimensionale Spielweise nennt. Aber aus der praktischen Erfahrung weiß ich, dass positive Erlebnisse oft positive Erlebnisse beeinflussen. Soll heißen: Den Glauben daran, etwas Außergewöhnliches schaffen zu können, stärkt nichts mehr, als der praktische Beweis dafür. Allein die Taktik an sich macht das nicht besser.
Dieses Momentum, so behaupte ich es, hat der Trainer in dieser Saison beim HSV gehabt, erkannt und sehr gut genutzt. Die Mannschaft und er haben ein sehr komplexes, dominantes Spielsystem verinnerlicht und es gegen alle Kritik von außen megakonsequent angewendet. Erfolgreich. Allein das schweißt zusammen und macht Trainer Mannschaft zu einer Einheit, die sich gegenseitig vertraut. Und genau so, wie das sportlich gut gegangen ist, ist das mit einzelnen Spielern gescheitert. Faride Alidou ist nicht mal im Ansatz eine Hilfe gewesen, obwohl der Trainer immer wieder auf ihn setzte und an ihm festhielt. Sonny Kittel hat dem HSV ebenso Scorerpunkte beschert wie in entscheidenden Momenten versagt – siehe beide Relegationsspiele. Hier herrscht aus meiner Sicht ein Delta ins Negative. Insbesondere im Rückspiel hätte Kittel ausgewechselt gehört. Oder gar nicht spielen dürfen.
Walters Art beruht auf bedingungsloser Konstanz
Als Gegenbeispiel hierzu wird mir Walter allerdings auch viele Beispiele nennen können, wo seine Art gegriffen hat. Mikkel Kaufmann ist m Ende noch mal gekommen. Und auch wenn ich ihn lange nicht so stark sehe wie viele hier (ich würde weder ein leih- noch weniger ein Kaufgeschäft in Betracht ziehen), wurde er besser und half gegen Rostock maßgeblich, den dritten Platz zu sichern. Bei anderen wie Daniel Heuer Fernandes, in der Hinrunde Jonas David, Bakery Jatta und vor allen Robert Glatzel war Walters bedingungsloses Vertrauen sogar absolut berechtigt und machte den HSV stärker.
Beim psychologischen Versagen bin ich bei Dir, Olaf. Egal wer mich gefragt hatte vor dem Rückspiel, allen habe ich immer dasselbe geantwortet: Der HSV muss Hertha 20 bis 30 Minuten ruhigstellen, dann wären diese gebrochen. Allein ein frühes Gegentor könnte den mental angeschlagenen Berlinern noch einmal Schwung geben, an sich zu glauben. Dass der HSV sich genau dieses Tor fing, war bitter. Auch, wie man es fing. Es nahm den größten Teil des Schwungs aus dem trügerisch knappen Vorsprung aus dem Hinspiel. Aber es hätte den HSV lange nicht so schocken müssen. Stattdessen hätte Walter seiner Mannschaft für genau diesen Fall ein Mindset mit auf den Platz geben müssen, das die Mannschaft erkennen lässt, was fehlt. GENAU SO, wie Du es sagst, lieber Olaf!
Trotz dieses Mankos hielt man defensiv zumindest stand. Das Gegentor war ein individueller Torwartfehler. Sowas passiert leider immer wieder mal (siehe Hertha-Keeper im Hinspiel) Ansonsten hatte Hertha wenig klare Torchancen. Aber: Den HSV hat im Relegationsspiel das gebissen, was ihm im Laufe der Saison schon gefehlt hat: Es fehlte ein Plan B. Es fehlte der Notfallplan, wiem man sich aus der passiven Rolle wieder erfolgreich in die dominante Rolle zurückspielt. Oder wie formulierte es Jonas Meffert so vielsagend: „Als wir dann merkten, dass die Berliner müder wurden und sich Räume für uns ergaben, hatten sie leider schon einen und etwas später sogar zwei Treffer erzielt.“ Stimmt.
Der HSV ist in der Relegation an sich selbst gescheitert
Ich behaupte, der HSV ist in dem Rückspiel daran gescheitert, dass er weiter seinen Stiefel runterspielte (sogar mit zehn Mann, da Kittel sich komplett verweigerte) und darauf hoffte, dass es noch mal so kommen würde, wie es in der Saison oft gekommen war: Auf einen glücklichen Ausgleichs- bzw. nach dem 0:2 auf einen Anschlusstreffer, der zumindest die Verlängerung bedeutet hätte. Der HSV hoffte mehr, als er aktiv dafür tat bzw. tun konnte. Denn eines ist auch klar: Rein individuell-qualitativ ist selbst eine charakterlich schwache Erstligatruppe wie Hertha BSC stärker einzustufen als jeder Zweitligist.
Dass der HSV auf den Luckypunch hoffen musste, war mir vor diesen Relegationsspielen klar. In Berlin hatte man ihn im wahrsten Sinne des Wortes „lucky“ mit dem glücklichen Tor zum 1:0. Im Rückspiel aber war die HSV-Offensive zu schwach, nachdem Bakery Jatta außen und Robert Glatzel im Zentrum komplett aus dem Spiel genommen worden waren. Rechnet man Kittel noch dazu, waren die vorderen drei komplett raus.
Deshalb blieb tatsächlich nur noch Ludovit Reis, der offensiv etwas bewegen könnte – und ehrlich gesagt, war der Niederländer defensiv wie offensiv auch der Einzige, der wirklich auffällig war und den Berlinern trotzte. Hier hätte Walter taktisch und damit einhergehend auch personell etwas verändern müssen. Dass man in der Nachspielzeit die Bälle weiter von links nach rechts schob, ohne ihn in den Sechzehner zu schlagen – fatal!
Bei der Gesamtbewertung Walters würde ich aber nicht von einem Versagen sprechen – sehr wohl aber von einem Manko, das abgelegt werden muss. Für das Ziel Wiederaufstieg mag es reichen, wenn man den bis hierhin entwickelten Leistungsstand mit verbessertem Personal und gefestigten Automatismen stärkt. Aber auf Sicht muss Walter bei sich und seinen taktischen Möglichkeiten eben genau das erkennbar machen, was er selbst immer wieder proklamiert: ENTWICKLUNG.
Denn die so oft geforderte Leistungskultur hört nicht bei dem Trainer auf. Selbstverständlich muss die vom Verein bedingungslos vorgelebt und ebenso bedingungslos eingefordert werden. Aber als Trainer ist Walter immer auch derjenige, der hier das Licht nicht nur an-, sondern auch wieder ausmacht. Er ist der oberste Wächter dieser Leistungskultur. Er muss die stete Entwicklung der Mannschaft definitiv einfordern, er muss diese aber auch gestalten.
Droht Ärger in Vorstand und Aufsichtsrat?
Noch mal: Vielen lieben Dank für Deinen Text, lieber Olaf. Ich hoffe, Du kannst mit meiner Argumentation etwas anfangen. Oder besser gesagt: Ich hoffe, Ihr alle findet Euch irgendwo in diesem heutigen Blog argumentativ wieder. Und dann noch ein Wort zu dem heute im Abendblatt erschienenen Text, der impliziert, dass es auf Führungsebene wieder knatscht. Es stimmt, dass es vor einigen Wochen vereinsintern kein klares Bekenntnis zum Walter-Weg gab, obgleich Sportvorstand Jonas Boldt dieses einforderte. Es stimmt auch, dass der neue Vorstand Dr. Thomas Wüstefeld viele Veränderungen vereinsintern anstrebt, um die Kosten zu senken. Das wiederum geht auch zu Lasten des Angestelltenapparates, der beim HSV mit mehr als 300 Festangestellten für Zweitligaverhältnisse zweifellos noch immer viel zu groß ist. Wüstefeld hat hier Einsparungen angekündigt, diese aber noch nicht umgesetzt. Daher sind viele Angestellte verunsichert und sprechen von einer „Stimmung der Angst“. Weshalb Wüstefeld es hier bislang bei Ankündigungen belassen hat, weiß nur er selbst.
Auch das Verhältnis vom Aufsichtsrats-nahen Wüstefeld zu dem vom AR aktuell sehr kritische gesehenen Boldt ist bekanntermaßen eher professionell als besonders vertraut. Wobei mich das überhaupt nicht stören würde. Solange beide im Sinne der Sachen funktionieren, sind unterschiedliche Meinungen sogar oft sehr viel produktiver als Einheitsbrei. Aber es muss in der Sache harmonieren. Hier muss der Aufsichtsrat seiner Kontrollfunktion jetzt besonders genau nachkommen.
Boldt und Walter müssen die Analyse zulassen, aber...
Weshalb aber Boldt und Walter trotz laufender Verträge auf Verlängerung selbiger pochen, kann ich nur bedingt nachvollziehen. Es ist für mich ein bisschen so wie damals mit dem Interesse des AS Rom an Boldt: Mich als Aufsichtsrat würde das Befinden meines Sportvorstandes nur bedingt in meinen Handlungen beeinflussen. Er ist ein Angestellter, dessen Handeln ich beurteilen muss. Entscheiden würde ich mich dabei immer nur aus einer klaren Überzeugung heraus. Nicht vorher. Und wenn diese aktuell nicht zu hundert Prozent gegeben ist, dann muss man eine genaue Analyse abwarten. Dass diese Phase natürlich mit einer gewissen Anspannung versehen ist, das liegt in der Natur der Sache! Aufsichtsrat und Vorstand sollen keine Freunde sein, sie sollen den HSV besser machen. Und daher müssen auch Boldt und Co. diese Phase nicht nur akzeptieren, sondern auch zulassen.
Aber ich behaupte auch: Wenn die Kontrolleure ihren Job richtig machen würden, würde diese Analyse im Groben schon stehen. Dafür war die Saison lang genug. Und allein den Saisonausgang davon abhängig zu machen wäre der Fehler, den man hier in Hamburg seit Jahren macht. Denn Entwicklung ist nie ein ausschließlich gerader Weg, sondern immer auch mit Misserfolgen verbunden. Und solang man daraus lernt, wird es besser. Dann sollte man an seinem Personal festhalten. Und genau das würde ich in diesem Fall tun.
Für mich ist klar: Es muss mit Boldt und Walter weitergehen
Bis morgen, liebe alle. Zumindest, wenn es von der Aufsichtsratssitzung Neuigkeiten zu vermelden gibt. Sollte dem nicht so sein, werde ich den Vatertag nutzen, um Vater zu sein und mit meinen Kindern ganz entspannt Spaß zu haben. Also alles das, was ich Euch für morgen auch wünsche. Bleibt gesund!
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