Analyse

Alidou war im Sommer fast weg - jetzt gilt er als Beispiel des neuen HSV-Weges

Der Erfolg hat in aller Regel viele Väter. Oder anders formuliert: Im Erfolgsfall sind sie alle da – geht‘s aber mal schief, dann wird mit dem Finger auf den Nebenmann gezeigt.…

Alidou war im Sommer fast weg - jetzt gilt er als Beispiel des neuen HSV-Weges

Der Erfolg hat in aller Regel viele Väter. Oder anders formuliert: Im Erfolgsfall sind sie alle da – geht‘s aber mal schief, dann wird mit dem Finger auf den Nebenmann gezeigt. Und das definitiv nicht nur beim HSV, sondern überall. Immer wieder kommt sowas vor. Auch mir ist sowas schon des Öfteren passiert. Wie ich darauf komme? Weil plötzlich das Talente-Geschreibe Überhand nimmt. Die Einsortierung der BILD von heute, die diesen Talente-Boom auf die Umstände und weniger auf die Mitarbeiter zurückführt, fand ich daher schon sehr angemessen. Vor allem, wenn ich höre, wie der HSV seine Talente an die Profis ranführt: Nämlich teilweise gar nicht. Nehmen wir nur mal Faride Alidou als Beispiel, der aktuell sogar das erste Mal für die U20-Nationalmannschaft nominiert worden ist:

Der 20-Jährige hat nur noch einen Vertrag bis zum Sommer 2022. Im Sommer wurden dem jungen Kicker samt Berater in Gesprächen mit Nachwuchschef Horst Hrubesch und Co. recht deutlich gemacht, dass Alidou noch nicht mit einer Beförderung zu den Profis rechnen müsse, und dass ihm dafür noch etwas fehlen würde. Vor allem deshalb hatten sich der Offensivspieler und seine Berater schnell auf die Idee verständigt, per Leihgeschäft höherklassig Spielpraxis zu sammeln. Das wiederum kam nicht zustande, worüber sich der HSV einerseits freuen dürfte (immerhin spielt Alidou dafür jetzt bei den Profis auf), andererseits aber verlängerte man den Vertrag zu einem extrem günstigen Zeitpunkt nicht. Und das dürfte alle heute ärgern.

Im Sommer war es Grund genug für alle Alidou-Zugehörigen, sich schnellstmöglich nach einer Option für den Winter 21/22 oder spätestens für den Sommer 2022 umzusehen. Zumal sich der junge Offensivspieler beim HSV keinen besonders guten Ruf und damit wenig Hoffnungen auf eine Vertragsverlängerung erspielt hatte. Alidou steckte fest zwischen dem, was er eigentlich konnte, und dem, was er wirklich zeigte bzw. zeigen durfte. Bis Tim Walter kam. Erst der neue HSV-Trainer erkannte, dass aus Alidou etwas werden könne. Walter beobachtete Alidou einige Male in der Regionalliga, wo Aldiou ehrlicherweise nicht einmal überragte. Meinen Schilderungen zufolge spielte ein Robin Velasco in den Partien beispielsweise deutlich auffälliger. Aber Walter wollte Alidou. Weil er in ihm etwas sah, was inzwischen alle HSV-Fans sehen konnten: Ein Riesentalent.

https://open.spotify.com/episode/35cWpXLiMyY5naRCOMJYFv?si=10dcc5b291bc4896

Dass in der Zwischenzeit Horst Hrubesch für den Talente-Zuwachs im Profiteam gelobt wurde – mich stört es überhaupt nicht. Das muss auch niemanden stören. Im Gegenteil: Ich gönne es Hrubesch, dessen Präsenz dem HSV schon in sehr vielen Bereichen sehr gutgetan hat – und sicher auch weiterhin guttun wird. Er hat als Hauptverantwortlicher den Hut auf und muss für alles geradestehen. Ob im Guten oder Schlechten. Auch im Nachwuchsbereich ist es so, wie es mir mein Opa immer beigebracht hat: Der beste Chef ist eben selten der, der am besten arbeitet, sondern zumeist der, der am besten delegieren kann. Und wenn Hotte das so handhabt, ist dem HSV schon mehr geholfen als in den letzten Jahren zusammengerechnet! Einzig Legenden sollten nicht falsch gebildet werden. Das ist in den letzten Jahren beim HSV noch immer schiefgegangen. Und das gilt auch andersrum – also auch in Sachen Kritik.

https://soundcloud.com/user-36211795/di-021121-zoff-auf-den-rangen-walter-wird-bepobelt-alidou-soll-bleiben-heuer-fernandes-auch?si=1974ebad42c24c04b3b3c6233e2ccbd4

Michael Mutzel und Jonas Boldt stehen bei vielen ganz oben auf der Liste derer, die weg sollen. Bei mir tatsächlich nicht. Ich sehe wie die meisten den dritten Neuanfang, nachdem man im ersten Jahr mit einem Hauruck-Verfahren teuer gleich wieder hoch wollte, im zweiten Jahr diesen Weg personell leicht nachjustierte und jetzt das Beste aus den Umständen machte. Ich sehe diesen dritten Versuch aber noch längst nicht als gescheitert an. Und das nicht nur, weil Alidou, Suhonen, David und Co. langsam ihren Weg als Profis beim HSV zu finden scheinen. Sondern vielmehr auch, weil sie konsequent an Walter festhalten. Selbst in Momenten, in denen alle zweifeln – und dazu zähle ich die beiden auch – stehen sie öffentlich zum eingeschlagenen Weg. Und der kann nur so funktionieren. 

Andererseits wissen die beiden auch, dass nicht nur Walter bzw. Walters Weg beim HSV scheitern würde, sondern zugleich auch sie im nunmehr dritten Versuch, etwas aufzubauen, womit der HSV auf lange Sicht besser fährt. Aber wie ich es auch schon in vielen anderen Blogs geschrieben habe, aktuell macht der HSV aus der Not eine Tugend. Mit Walter, mit viel Mut (vor allem von Walter) und mit einer Geschlossenheit, die darauf hoffen lässt, dass hier eine gesunde Basis entsteht. Auch deshalb ist es fast schon tragisch, dass sich aktuell die einzige echte Konstante der letzten Jahre – nämlich die Fans auf der Nordtribüne – in Aufruhr befindet. Allerdings bin ich mir sicher, dass sich dieser Bereich am schnellsten selbst regulieren wird.

Aber für alle, die hier noch immer den Aufstieg als Maßstab haben: Das habe ich schon lange nicht mehr. Ich habe immer geschrieben, dass für mich der Status der Entwicklung das Maß der Dinge ist. Ich glaube sogar, dass ein schlecht umgesetzter bzw. zu schneller Aufstieg den HSV auf lange Sicht in die Zweite Liga abtauchen ließe, während ein, zwei oder drei Aufbaujahre in der Zweiten Liga dem HSV eine gesunde Basis verschaffen könnten, um auch erstklassig Fuß zu fassen. Ich glaube vor allem, dass der HSV den gerade erst angefangenen Weg über Talente und Geschlossenheit noch lange nicht ausreichend gefestigt hat. Zumal es schade um die ganzen Bent Andresens, Velascos und Co. wäre, die auf Erstliganiveau nicht so schnell Fuß fassen könnten, wie aktuell in der Zweiten Liga. 

Ich glaube aber auch, dass der sich genau diese gesunde Basis schaffen kann. Auch in der aktuellen Konstellation, in der viele dafür mitverantwortlich waren, dass man zwei Jahre ungenutzt gelassen hat. Ungenutzt, weil zum Zeitpunkt des Abstieges eben nicht den Mut hatte, damals schon einem mutigen Trainer zu folgen. Aber das ist ein anderes Thema.

Aktuell ist dabei nur wichtig, dass diese von mir beschriebene Geschlossenheit sehr produktiv sein kann – dass sie aber nicht zum Selbstzweck missbraucht werden darf. Sie darf nie dazu führen, dass konstruktive, berechtigte Kritik als Unruhestiftung fehlinterpretiert und so nicht zugelassen wird. Das, was hier nach meinem Blitzfazit teilweise losgebrochen ist, darf nicht passieren. Solange alle im Sinne der Sache argumentieren, darf es laut werden. Nein: Das MUSS es sogar! Denn sobald diese Streitkultur nicht mehr da ist, wäre es das Ende dieser gerade erst angeschobenen Entwicklungsphase…

In diesem Sinne, heute hat der Trainer ein wenig über seine Wurzeln beim Karlsruher SC gesprochen, im Training hat Heuer Fernandes weiter gefehlt, und wir treffen uns jetzt gleich im Team von MoinVolkspark. Wir wollen die nächsten Projekte anschieben und begonnene Projekte fertigstellen. Vielleicht kann ich Euch dazu morgen ja etwas mehr berichten. Bis dahin nur noch der kurze Hinweis: Wer noch Fragen loswerden will für den neuen Communitytalk, den ich morgen Mittag aufnehme und morgen Nachmittag/Abend dann via youtube online stelle, hier könnt Ihr Eure Fragen (nebst Instagram) loswerden: [email protected].

Bis morgen! 

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