Zurück zu den Basics: Wie sich der HSV diesen Sieg erarbeitet hat
Nach drei Pleiten holt der HSV gegen Köln ein wichtiges 2:1. Keine Schönheit, aber eine überlebenswichtige Rückbesinnung auf Tugenden und Identität.

Es war kein Fußballfest, keine spielerische Machtdemonstration und ganz sicher spielte der HSV an diesem Sonnabend nicht die Sterne vom Himmel. Aber mal ehrlich: Wer hatte das nach drei Niederlagen, null Punkten und 0:12 Toren ernsthaft erwartet? Was der HSV an diesem Nachmittag im Volkspark brauchte, waren keine Hackentricks, keine Schönspielerei und auch nicht zwingend 60 Prozent Ballbesitz. Diese Mannschaft brauchte zunächst einmal wieder ein Gefühl dafür, wie es sich anfühlt, ein Fußballspiel zu gewinnen. Und genau deshalb war dieses 2:1 gegen den 1. FC Köln vielleicht sogar genau die richtige Art von Sieg.
Nach drei Spielen, in denen die Mannschaft von Merlin Polzin immer wieder versucht hatte, selbst Fußball zu spielen, hoch anzulaufen und das Spiel aktiv zu gestalten – und dafür zum Teil brutal bestraft worden war –, besann sich der HSV diesmal auf das, was ihn schon in vergangenen Spielen stark gemacht hatte: kompakt stehen, Räume eng machen, arbeiten, kämpfen, leiden und vorne die Momente nutzen, die sich bieten. Klingt wenig spektakulär, mag sein. Aber nach Niederlagen hintereinander war Spektakel auch wirklich das Letzte, was diese Mannschaft gebraucht hat.
Stabile Defensive und starker Rückhalt
Gerade in der ersten Halbzeit war deutlich zu erkennen, wie der Matchplan aussah. Der HSV stand tief, überließ den Kölnern weite Teile des Ballbesitzes und versuchte zunächst einmal, die gefährlichen Räume rund um den eigenen Strafraum zu schließen. Köln hatte zeitweise rund 70 Prozent Ballbesitz und kam durchaus zu Möglichkeiten. Mikey Moore, Saïd El Mala und Thijs Dallinga sorgten mehrfach für Gefahr, und ja: Der HSV hatte dabei auch Glück. So wenig Aktionen haben sicher auch die Trainer nicht eingeplant.
Aber der HSV hatte eben auch Daniel Heuer Fernandes, der wieder einmal zeigte, warum er für diese Mannschaft so wichtig ist. Mehrfach war er in der ersten Hälfte zur Stelle, unter anderem gegen Moore und El Mala, ehe er gegen Dallinga aus kürzester Distanz mit einem überragenden Reflex rettete. Auch nach der Pause blieb er ein entscheidender Faktor. Genau das gehört eben auch dazu, wenn man als Mannschaft tief steht: Du musst einen Torwart haben, der die ein oder zwei Dinger hält, die trotzdem durchkommen. Den hatte der HSV heute.
Und dann kam unmittelbar vor der Pause der Moment, der dieses Spiel in die richtige Richtung lenkte. Ecke HSV, einstudierte Variante, Albert Grønbæk bringt den Ball herein – und Nicolás Capaldo steigt hoch und köpft ziemlich unbedrängt zum 1:0 ein. Das erste HSV-Tor dieser Bundesliga-Saison, ausgerechnet durch den Mann, der für mich an diesem Nachmittag sinnbildlich für das stand, was dieser HSV wieder sein muss. Capaldo arbeitete, lief, ackerte, führte Zweikämpfe, warf sich in Situationen hinein und machte genau das, was Merlin Polzin anschließend auch als Erwartung an ihn beschrieb: Er stellte sich über 90 Minuten in den Dienst der Mannschaft. Für mich war Nicolás Capaldo heute der beste Mann auf dem Platz, nicht nur wegen seines Tores, sondern weil er genau diese Haltung verkörperte, die dem HSV zuletzt so schmerzlich gefehlt hatte.
Poulsen bringt die wichtige Entlastung
In der Pause traf Merlin Polzin dann eine weitere wichtige Entscheidung. Terem Moffi blieb draußen, Yussuf Poulsen kam – und der Unterschied war sofort zu erkennen. Moffi hatte in der ersten Hälfte kaum Bälle festmachen können, wenig Entlastung geschaffen und dem HSV gerade in den Phasen, in denen Köln Druck machte, kaum Gelegenheit gegeben, einmal durchzuatmen.
Poulsen machte genau das Gegenteil. Er lief die Kölner Defensive an, arbeitete gegen den Ball, behauptete Bälle und gab seiner Mannschaft dadurch genau die Sekunden, die sie brauchte, um nachzurücken. Dass er dann auch noch selbst das 2:0 erzielte, passte perfekt zu seinem Auftritt. Nur wenige Minuten nach seiner Einwechslung kam der HSV über die linke Seite, Grønbæk brachte den Ball hinein und Poulsen verwertete die Situation zum zweiten Hamburger Treffer.
Gerade dieser Auftritt von Poulsen zeigte, was in so einem Spiel gefragt ist. Wenn eine Mannschaft tief steht und viel verteidigen muss, braucht sie vorne jemanden, der Bälle festmacht, Fouls zieht, Gegner beschäftigt und nicht jeden Ball nach zwei Sekunden wieder zurückkommen lässt. Genau das brachte Poulsen: Entlastungen in Phasen, die gefährlich hätten werden können. Er war deshalb neben Capaldo und Heuer Fernandes einer der entscheidenden Faktoren dafür, dass der HSV dieses Spiel am Ende wirklich über die Zeit bringen konnte.
Moral und Arbeitssieg
Natürlich blieb Köln gefährlich. Mikey Moore – ein geiler Kicker, den der HSV auch auf dem Schirm hatte, aber leider nicht holte – hätte direkt nach der Pause ausgleichen können, Saïd El Mala traf später den Pfosten und Daniel Heuer Fernandes musste weiterhin aufmerksam bleiben. Und als Ragnar Ache in der Schlussphase tatsächlich noch zum 2:1 einköpfte, wurde es noch einmal unangenehm.
Aber diesmal fiel der HSV nicht auseinander. Diesmal wurde nicht hektisch alles über Bord geworfen, sondern verteidigt, gearbeitet, gezittert – und am Ende gewonnen. Und genau deshalb würde ich diesen Sieg auch nicht in den Himmel loben – aber eben auch nicht kleinreden wollen. Natürlich hatte der HSV in der ersten Halbzeit in einigen Situationen Glück, natürlich hätte Köln aus seinen Möglichkeiten mehr machen können und natürlich war das spielerisch noch weit entfernt von dem, was man sich langfristig vorstellen dürfte. Aber darum ging es heute überhaupt nicht. Nach null Punkten und 0:12 Toren ging es nur darum, diesen Negativlauf zu stoppen, wieder Stabilität zu bekommen und sich zunächst einmal auf das zu besinnen, was diese Mannschaft im Moment leisten kann.
Dieser HSV muss momentan nicht versuchen, andere Mannschaften fußballerisch zu dominieren. Dafür ist diese Mannschaft augenscheinlich noch nicht weit genug. Aber sie kann unangenehm sein, sie kann tief stehen, Räume schließen, rennen, kämpfen, Standards nutzen und mit einem starken Torwart sowie Spielern wie Capaldo und Poulsen Spiele über Mentalität gewinnen. Genau auf diese Weise hat der HSV in der vergangenen Saison viele wichtige Punkte geholt – und genau dorthin musste er jetzt zurück.
Das 2:1 gegen Köln war deshalb vielleicht kein spielerischer Befreiungsschlag, aber möglicherweise etwas viel Wichtigeres: eine Rückbesinnung auf die eigene Identität. Nach drei Niederlagen und 0:12 Toren brauchte dieser HSV heute keine Schönheit, sondern einen Sieg. Den hat er sich erarbeitet. Nicht souverän, nicht glanzvoll, vielleicht an der einen oder anderen Stelle auch mit dem notwendigen Glück, aber am Ende eben auch nicht unverdient. Und manchmal ist genau so ein dreckiger, hart erkämpfter Sieg der erste Schritt zurück in die richtige Richtung.
Statistik zum Spiel
- HSV: Heuer Fernandes – Capaldo, Torunarigha, Omari – El Ouahdi (77. Lemke), Sambi Lokonga (89. Adeline), Remberg, Möller Wolfe (77. Jatta), Fabio Vieira, Grønbæk (67. Daka) – Moffi (46. Poulsen)
- 1. FC Köln: Schwäbe – Castro-Montes (68. Johannesson), Simpson-Pusey, Lochoshvili, Mensah (64. Sosa) – Krauß (82. Waldschmidt), Skhiri, Maina (82. Bülter), Moore, S. El Mala – Dallinga (64. Ache)
- Tore: 1:0 Capaldo (44.), 2:0 Poulsen (50.), 2:1 Ache (90.)
- Zuschauer: 57.000 (ausverkauft)
- Schiedsrichter: Matthias Jöllenbeck (Freiburg)
- Gelbe Karten: Grønbæk / Mensah, Johannesson, Skhiri
Die Einzelkritik
- Daniel Heuer Fernandes: Was kam, wurde gehalten. Von ihm und/oder dem Aluminium. Tadellos! Note: 2
- Nicolás Capaldo: In der ersten Halbzeit war er wieder der alte Capaldo, der alles wegarbeitet, was sich ihm in den Weg stellt. Dass er zudem auch noch traf – es war die Belohnung für eine insgesamt bärenstarke Partie, in der er nach 80 Minuten körperlich durch war und trotzdem weiterackerte. Note: 1,5
- Jordan Torunarigha: Er muss notgedrungen machen, was ihm gar nicht so liegt – den Abwehrchef mimen. Ist und bleibt nicht sein Ding, aber er machte seine Sache als reiner Innenverteidiger wirklich gut. In der Luft war er ein ganz wesentlicher Faktor für diesen Sieg! Note: 2,5
- Warmed Omari: Er kam im Laufe der ersten Halbzeit immer besser in seine Rolle rein. Aber er ist noch keine Bank, noch lange nicht in der Verfassung der abgelaufenen Saison vor seiner Verletzung. In Frankreich sagt man ihm nach, er sei mental nicht stark. Vorstellen kann ich mir das angesichts seiner extrem unterschiedlichen Leistungen sehr gut. Heute war das aber in Ordnung! Note: 3
- Zakaria El Ouahdi (bis 80.): Begann aktiver und war in den Zweikämpfen präsenter als zuletzt in Leipzig. Das musste er gegen El Mala allerdings auch, um zu bestehen. Er wurde im Laufe des Spiels sogar zunehmend stärker und deutete an, warum er geholt wurde. Schade, dass er die Länderspielpause nicht in Hamburg verbringen und sich weiter gewöhnen kann. Und: Dieses ständige Anfeuern der eigenen Fans sollte er sich sparen und diese Portion Extra-Energie auf dem Platz nutzen. Dann werden vielleicht aus guten Leistungen sehr gute Leistungen. Note: 2
- Bakery Jatta (ab 80.): Warum zieht er seit Monaten keinen Sprint mehr an? Dass er ausgerechnet das Einzige, was ihn zum Profi gemacht hat, nicht mehr einsetzt, ist fatal. In der zweiten Halbzeit gab es genügend Platz für ihn, den er ungenutzt ließ. Defensiv war das okay.
- Albert Sambi Lokonga: Besser als in Leipzig – was gar nicht anders möglich ist. Aber gut ist das auch noch nicht. Er muss das Spiel mehr bestimmen, spielerisch sortieren und gegnerische Angriffe schon im Mittelfeld abfangen, um dann Vieira in Szene setzen zu können. Insgesamt fehlt mir noch etwas bei ihm. Er kann mehr. Note: 3,5
- Nicolai Remberg: Er organisiert, spricht mit seinen Mitspielern und geht keinem Zweikampf aus dem Weg. Nach 45 Minuten war er dann noch mehr ins Spiel eingebunden, gewann Bälle und verteilte sie. Insgesamt war das gut! Note: 2,5
- David Møller Wolfe (bis 80.): Sehr unauffällig. Seine erste Szene hatte er in der 43. Minute, die zu der Ecke führte, aus der das 1:0 resultierte. Auch in der zweiten Hälfte eher unauffällig und untermauert meine Meinung, dass es falsch war/ist, ihn für Lemke spielen zu lassen. Aber: Bei ihm darf man auf noch mehr hoffen. Note: 4
- Fabio Vieira: Sein Name wurde am lautesten gebrüllt – pure Sehnsucht der Fans. Dass er in der ersten Hälfte diese Erwartungen nicht erfüllen konnte, lag an dem sehr defensiven Spielstil mit langen Bällen nach vorn auf Moffi – also immer über ihn hinweg. In der zweiten Hälfte war er dann mehr im Spiel, machte seine Sache gut. Note: 3
- Albert Grønbæk (bis 67.): Sah unglücklich Gelb und wirkte auch sonst nicht glücklich mit seiner Rolle, die sich mehr über Defensivarbeit denn über offensive Aktionen definierte. Dass er offensiv wertvoller ist, bewies er in der 50. Minute bei seiner Vorarbeit zum 2:0 des eingewechselten Poulsen. Dass er raus musste, lag an der ersten Gelben. Aber das ändert nichts daran, dass er einer der Spieler ist, auf die ich diese Saison am meisten hoffe!
- Patson Daka (ab 67.): Sollte über außen kommen, was ihm bedingt gelang. Wirkte ein wenig desorientiert und ist noch nicht so ins Spiel integriert, wie es in der Vorbereitung den Anschein gemacht hatte. Leider. Denn seine Qualitäten – Tempo, Ballfertigkeit – sind offensichtlich und könnten dem HSV extrem helfen. Note: 4
- Terem Moffi (bis 45.): Sollte Bälle festmachen, behaupten, ablegen – das gelang ihm in der ersten Hälfte überhaupt nicht. Zurecht ausgewechselt. Note: 4,5
- Yussuf Poulsen (ab 46.): Er traf zum 2:0, er hatte das 3:0 auf dem Fuß und war sofort ein extrem belebender Faktor. Er war the torgefährlichste Hamburger. So immer – und der HSV hätte offensiv weniger Themen. Starker Auftritt! Note: 2
- Trainer Merlin Polzin: Er hat eingesehen, dass der Weg zu Punkten aktuell nicht über das eigene Spiel geht, sondern darüber, das Spiel des Gegners zu unterbinden, defensiv stabil zu stehen und darauf zu hoffen, dass vorne einer durchrutscht. In etwa der Fußball der Vorsaison, wobei man da immer noch nicht ist. Aber dass Polzin diesen Schritt zurückmacht, beweist, dass er sich nicht zu schade ist, eigene Entscheidungen zu revidieren. Note: 2
Die Stimmen zum Spiel
Yussuf Poulsen: „Nach drei Spielen ohne Sieg und Tor ist das heute natürlich ein schönes Gefühl. Wir haben bis zum Ende gekämpft, das Stadion immer mitgenommen. Beim Ball auf Grønbæk in die Tiefe habe ich direkt gewusst, dass ich durchlaufen muss und der Ball auf mich kommen wird. Das sind genau unsere Abläufe. Wir waren insgesamt sehr klar in dem, was wir nach der Halbzeit machen wollen. Das Trainerteam hat uns gute Anpassungen mit auf den Weg gegeben. Wir waren in der ersten Hälfte stabil, haben wenige Großchancen zugelassen. Es war wichtig, erst einmal defensiv stabil zu stehen. Das war in der Vorsaison eine unserer größten Stärken. Wir wollten eine bessere Defensivstruktur als in den letzten Wochen. Wir hatten vor einem Jahr genau die gleichen Gespräche, Diskussionen und Themen wie jetzt nach drei Spieltagen. Auch damals habe ich gesagt, dass es einfach Zeit braucht, wenn du so viele neue Spieler hast. Wir sind ruhig geblieben und wir bleiben auch dieses Mal ruhig. Wir haben volles Vertrauen in den Trainer und das Trainerteam. Und wir wissen: Je länger wir zusammenspielen, desto besser werden wir, weil allen die Abläufe klarer werden. Es war heute ein sehr großer Schritt in die richtige Richtung, auch wenn natürlich nicht alles schön war.“
Daniel Heuer Fernandes: „Heute ging es darum, strukturiert zu sein und klar zu bleiben. Das ist uns gelungen. Vor allem in der ersten Halbzeit waren wir stabil. Uns war bewusst, dass wir kompakt stehen müssen und der Gegner dadurch mehr vom Spiel haben könnte. In den richtigen Momenten wollten wir gefährlich werden. Wir haben gemacht, was das Spiel von uns verlangt hat.“
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Analyse
Gegnercheck: 1. FC Köln – Endlich das Ruder rumreißen
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