HSV vor dem Kopenhagen-Test: Wenn die Länderspielpause zum Belastungstest wird
Verletzungssorgen und ein Härtetest gegen Kopenhagen: Der HSV erlebt eine unruhige Länderspielpause. Wer nutzt jetzt seine Chance?

Diese Länderspielpause hatte man sich beim HSV vermutlich ein bisschen anders vorgestellt. Nach dem 2:1 gegen Köln, dem ersten Sieg nach drei Niederlagen und 0:12 Toren, sollte sie vor allem dazu dienen, Ruhe hineinzubekommen, körperliche Rückstände aufzuholen und die Mannschaft taktisch weiterzuentwickeln. Genau deshalb hatte Merlin Polzin zuletzt davon gesprochen, wieder stärker das Gesicht zeigen zu wollen, das man sich bereits in der Vorbereitung vorgenommen hatte. Das halte ich grundsätzlich für richtig, wobei ich dabei weiterhin einen Punkt wichtig finde: Der HSV sollte nicht einfach zurück zur Vorbereitung, sondern die positiven Dinge von damals mit den durchaus schmerzhaften Erkenntnissen aus den ersten Bundesligaspielen verbinden.
Personalsorgen vor dem Härtetest
Nun kommt allerdings die nächste Herausforderung dazu, denn personell wird es unübersichtlich. Albert Grønbaek fehlt nach seinem Faserriss im rechten Oberschenkel weiterhin und wird nach Vereinsangaben mehrere Wochen kürzertreten. Das trifft den HSV besonders, weil der Däne bislang zu den auffälligsten Hamburgern gehörte: fünf Pflichtspiele, fünfmal Startelf, zwei Pokaltore in Verl und zuletzt zwei Vorlagen beim Sieg gegen Köln.
Und jetzt gibt es offenbar auch Sorgen um Patson Daka. Nach muskulären Problemen im Oberschenkel verpasste er Sambias jüngstes Länderspiel und soll nun nach Hamburg zurückkehren, wo genau untersucht werden muss, was dahintersteckt. Immerhin deuten die bisherigen Bilder offenbar nicht auf eine schwerwiegende Verletzung hin. Trotzdem kommt das natürlich zur Unzeit, weil gleichzeitig Terem Moffi wegen seiner Kniebeschwerden noch nicht voll trainieren kann. Wenn ein Trainer dann sinngemäß sagt, dass sich manche Aufstellungsfragen durch Länderspiele und Verletzungen leider von selbst klären, dann steckt darin schon ziemlich viel Wahrheit.
Gerade im Sturm ist die Situation deshalb plötzlich dünn. Yussuf Poulsen ist verfügbar, Otto Stange ebenfalls grundsätzlich eine Option, wobei der 19-Jährige an anderer Stelle gebraucht werden könnte. Terem Moffi sollte diese Wochen eigentlich nutzen, um seinen körperlichen Rückstand aufzuholen, stattdessen dreht er momentan eher lockere Runden. Daka kommt möglicherweise angeschlagen zurück. Und Grønbaek, der zwar kein klassischer Mittelstürmer ist, aber offensiv zuletzt enorm wichtig war, fällt ohnehin weg.
Das muss man nicht dramatisieren, aber man darf durchaus feststellen: Aus einer eigentlich komfortablen Offensivauswahl ist innerhalb weniger Tage eine ziemlich empfindliche Konstruktion geworden.
Chancen für Rückkehrer und Talente
Genau deshalb finde ich den Test gegen Kopenhagen am Sonntag plötzlich noch interessanter. Mehr als 50.000 Zuschauer werden im Volkspark erwartet, allein wegen der besonderen Fanfreundschaft wird das ohnehin ein ungewöhnliches Freundschaftsspiel. Sportlich will Polzin es aber ausdrücklich nicht als lockeren Test behandeln, bei dem jeder mal ein bisschen spielen darf. Er will Grundmechanismen trainieren, Details im Angreifen und Verteidigen schärfen und die Partie wie ein richtiges Spiel angehen. Genau das gefällt mir.
Denn nach den ersten Bundesliga-Wochen braucht diese Mannschaft keinen Schongang, sondern möglichst viele Situationen, in denen sich zeigen kann, wer wirklich helfen kann.
Dabei rücken automatisch Spieler in den Mittelpunkt, die zuletzt nicht unbedingt gesetzt waren. Sebastiaan Bornauw etwa hat seine muskulären Probleme offenbar überwunden und soll gegen Kopenhagen wieder beginnen. Genau darauf bin ich gespannt. Der Belgier wurde schließlich verpflichtet, um der Defensive Stabilität, Physis und Erfahrung zu geben. Wegen seiner Verletzung konnte er das bislang kaum zeigen. Angesichts der zwölf Gegentore aus den ersten drei Bundesligaspielen wäre eine überzeugende Rückkehr von Bornauw enorm wichtig.
Auch die Situation von Miro Muheim finde ich interessant. Durch die Abstellungen von David Møller Wolfe und Louis Lemke dürfte er wieder auf der linken Schiene zum Einsatz kommen. Und genau dort liegt ein spannender Punkt. Muheim war in den vergangenen Jahren ein Spieler, der sich bei eigenem Ballbesitz gern nach innen orientierte und aus dem Zentrum heraus Fußball spielen wollte. Das neue Anforderungsprofil verlangt aber offenbar deutlich mehr Linie, Tempo und Laufarbeit. Sollte er gegen Kopenhagen dort beginnen, ist das keine belanglose Testspiel-Minute, sondern eine echte Bewährungschance.
Dasselbe gilt für Martin Adeline, der gute Aussichten hat, Grønbaeks Platz einzunehmen. Auch auf der anderen Seite könnten sich Möglichkeiten für junge Spieler ergeben, falls Bakery Jatta nicht rechtzeitig fit wird. Dann könnte beispielsweise Kelvin Ojo Minuten bekommen. Genau solche Konstellationen meine ich, wenn ich sage, dass der HSV diese Pause nutzen muss, um seinen tatsächlichen Kaderwert herauszufinden. Namen auf einer Transferliste interessieren am Ende wenig. Entscheidend ist, welche Spieler unter Bundesligabedingungen tatsächlich funktionieren.
Geduld bei Røssing-Lelesiit
Besondere Geduld braucht dagegen Alexander Røssing-Lelesiit. Der Norweger hatte sich im Januar das Syndesmoseband verletzt, erlitt später einen Rückschlag und musste im Mai sogar operiert werden. Der HSV bestätigte damals, dass dieselbe Region erneut betroffen war. Inzwischen trainiert er wieder teilweise beziehungsweise komplett mit der Mannschaft, für Kopenhagen ist ein Einsatz aber offenbar noch zu früh. Und ich finde es absolut richtig, dass man hier kein unnötiges Risiko eingeht.
2,8 Millionen Euro hat der HSV damals für einen 19-Jährigen bezahlt, weil man ihm sehr viel zutraut. Dann sollte man jetzt nicht wegen ein paar Testspielminuten seine langfristige Entwicklung gefährden. Wenn der nächste Schritt zunächst über die U21 führt, dann ist das eben so. Entscheidend ist nicht, ob Røssing-Lelesiit im Oktober 2026 irgendwo 20 Minuten sammelt, sondern ob er irgendwann über Jahre das zeigen kann, was man sich bei seiner Verpflichtung versprochen hat.
Genau bei solchen Personalien zeigt sich für mich übrigens auch, was ich unter Entwicklung verstehe. Junge Spieler müssen nicht permanent ins kalte Wasser geworfen werden, nur damit man anschließend sagen kann, man habe ihnen eine Chance gegeben. Man muss wissen, wann ein Spieler Minuten braucht, wann Vertrauen und wann eben Geduld. Das gilt für Røssing-Lelesiit genauso wie für Shafiq Nandja, Kelvin Ojo oder Otto Stange.
Fazit
Kopenhagen ist für das Trainerteam ein ziemlich guter Test. Das Ergebnis interessiert mich dabei tatsächlich nur am Rande. Ich möchte vielmehr sehen, ob Bornauw der Abwehr sofort mehr Sicherheit gibt, wie Adeline die Grønbaek-Rolle interpretiert, ob Muheim die neue Schienenposition ausfüllen kann, welche jungen Spieler sich anbieten und wie der HSV offensiv reagiert, wenn Daka, Moffi und Grønbaek nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung stehen.
Denn genau das wird während einer langen Bundesliga-Saison immer wieder passieren. Spieler fehlen. Andere kommen aus Verletzungen zurück. Junge Spieler müssen Verantwortung übernehmen. Und manchmal entscheidet sich innerhalb weniger Tage, aus wem ein echter Bundesligaspieler wird und wer weiterhin nur eine interessante Option bleibt.
Die Länderspielpause hat dem HSV bislang medizinisch nicht gerade Glück gebracht. Trotzdem muss sie sportlich nicht verloren sein. Vielleicht zwingt sie Polzin sogar dazu, schneller Antworten auf Fragen zu finden, die ohnehin irgendwann gekommen wären.
Der HSV braucht nach der Pause nicht dieselbe Mannschaft wie gegen Köln. Er braucht eine bessere – und dafür muss jetzt jeder verfügbare Spieler zeigen, warum er Teil dieses Kaders ist.
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