Alte Spieler, neue Hoffnung

von | 04.01.21

Ich erinnere mich noch an das letzte Testspiel im Volkspark gegen eine nicht allzu starke dänische Mannschaft. Der HSV hatte alle Spieler aus der zweiten Reihe aufgeboten – unter ihnen seinerzeit auch Bakery Jatta und David Kinsombi. Auffälliger als die beiden aber waren zwei Spieler, die gestern auch im Kader standen: Moritz Kwarteng und Ogechika Heil. Letztgenannter durfte sich gestern gegen Regensburg sogar für ein paar Minuten auf dem Platz präsentieren – und machte einen guten Eindruck. Mit seinem tiefen Körperschwerpunkt und den flinken Beinen machte er gleich ordentlich Dampf auf der rechten Seite. „Zuletzt hieß es, dass die hintendran nicht so funktionieren. Aber jetzt sieht man, dass sie richtig Fahrt aufnehmen“, freut sich Michael Mutzel heute, als er auf Heil angesprochen wurde.

Aber nicht nur Heil machte im Spiel gegen Regensburg Freude. Auch zwei  bisherige Statisten wurden endlich wieder zu Hauptdarstellern: Bakéry Jatta und David Kinsombi, die beide beim HSV im bisherigen Saisonverlauf einen schweren Stand hatten, waren beim 3:1-Sieg über Jahn Regensburg mit jeweils einem Tor (Kinsombi bereitete zudem Simon Teroddes 15. Saisontreffer vor) entscheidend beteiligt. „David ist mit einer Verletzung schwer in die Saison gekommen, hatte keine gute Vorbereitung und etwas schwächere Testspiele. Er hat jetzt davon profitiert, dass wir den einen oder anderen Ausfall hatten“, sagt Coach Daniel Thioune über Kinsombi,  der den hohen Erwartungen bislang zu selten gerecht werden konnte und 2019/20 nur zehn Mal in der Startelf stand. Auch in der laufenden Spielzeit fand er sich meist auf der Bank wieder. Gegen Regensburg  stand der 25-Jährige erst zum zweiten Mal nach dem letzten Spiel 2020 in Karlsruhe von Anfang an auf dem Platz.   „Er war nie in der Form, die er sich gewünscht hätte“, sagte Thioune über Kinsombis durchwachsenen Saisonverlauf. Aufgrund seiner guten Leistungen dürfte er sich für weitere Einsätze empfohlen haben. „David hat es in den letzten beiden Partien ganz gut gemacht“, befand Thioune, betonte aber auch: „Da geht noch deutlich mehr.“

Heil gefällt – Kinsombi und Jatta finden zu alter Stärke

Und das glaube ich auch. Kinsombi hat alles, was  der HSV im Mittelfeldzentrum bislang noch brauchte: Er kann defensiv arbeiten, er ist ein guter Ballverteiler – und er hat einen extrem ausgeprägten Riecher für gefährliche Torraumszenen. Vor allem auf der Acht, also vor dem defensiven Mittelfeldspieler und hinter der Spitze, kann Kinsombi sein Potenzial meiner Meinung nach am besten ausspielen – wie er gestern trotz deutlich zu vieler Rutschpartien (bei uns früher hätten so viele Ausrutscher ein wenig Strafgeld in die Mannschaftskasse gekostet) unter Beweis stellte. Mit einem starken Sechser, wie gestern der für mich sehr starke Moritz Heyer, hinter sich kann Kinsombi nicht nur gefährliche Torszenen einleiten, er kann sie auch vollenden.

Ob Kinsombi auf dem Weg zu der Stärke ist, die man sich von dem teuersten Zeitliga-Einkauf des HSV seit anderthalb Jahren versprochen hat, wurde Sportdirektor Michael Mutzel heute gefragt. Und er antwortete mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck: „Natürlich sind wir froh, wenn sich Spieler für ihre Arbeit belohnen. Aber bei David muss man auch sehen, dass er keinen guten Verlauf hatte, er hatte muskuläre Probleme. Als man gehofft hat, dass es wieder funktioniert, hat es nicht so funktioniert. Aber er ist immer dran geblieben, hat noch mal ganz bewusst gesagt ‚Ich will das jetzt hier packen, ich setze mich hier durch‘ – und jetzt hat er gezeigt, dass man mit ihm rechnen kann. Das war super positiv.“ 

Stimmt. Ebenso wie die starke Leistung von Bakery Jatta, auf dem schon vor dem Spiel meine größten Hoffnungen lagen. Auch bei ihm war er Saisonverlauf ähnlich dem von Kinsombi. In dieser Saison saß er zumeist nur auf der Bank. Ein Muskelfaserriss und hartnäckige Adduktorenbeschwerden warfen ihn lange Zeit zurück. Erst zur Jahreswende gelang es dem Mann aus Gambia, an seine früheren Leistungen anzuknüpfen. In Karlsruhe erzielte der 22 Jahre alte Flügelspieler sein erstes Saisontor. Gegen Regensburg ließ er gleich den nächsten Treffer folgen. Und beide Male brachte er sein brutales Tempo und seine immer besser werdende Ballfertigkeit  perfekt ein. Und auch Thioune erkennt Parallelen zu Kinsombi. „Bakéry hatte ebenfalls Probleme, durch die Vorbereitung zu kommen“, sagt der Trainer, der daher Aufbauarbeit leisten musste: „Baka braucht vielleicht noch ein bisschen mehr Wärme, ein bisschen mehr Liebe, muss ein bisschen mehr in den Arm genommen werden. Das hilft ihm, um noch mehr PS auf die Straße zu bringen.“

Jatta spielt endlich sein Tempo aus – dank Leibold

Und das wiederum fehlte dem HSV vor allem in den nicht gewonnen Partien auffällig. Dieses Tempo fehlt an anderen Stellen auch noch  – aber noch kann der HSV ja personell nachlegen. Wie es damit aussieht, wurde Mutzel heute gefragt. Und der Sportdirektor wich ein wenig aus: „Wir sind zufrieden mit dem Kader, halten aber Augen und Ohren offen. Es ist unser Job, immer nach Verstärkungen zu suchen.“ Und natürlich, bestehende Verträge bei Stammspielern zu verlängern. Wie beispielsweise bei Stephan Ambrosius, bei dem die Verhandlungen schon länger andauern . Zuletzt hieß es, dass beide Seiten gewillt seien, zu verlängern. Wie hier der Stand ist? Mutzel: „Sind auf einem guten Weg. Es liegt noch an Kleinigkeiten. Kann und will aber jetzt nicht sagen, woran es liegt.“ Am Sportlichen definitiv nicht. Denn Ambrosius ist für mich defensiv der stärktse Spieler im aktuellen Kader. Oder? Mutzel: „Mit seiner Robustheit und Zweikampfhärte bringt er was rein, was wir gut gebrauchen können.“

Ebenfalls sehr gut gebrauchen kann der HSV einen Torvorbereiter, wie Tim Leibold ihn in der vergangenen Saison abgegeben hatte. Diese Saison kam ausgerechnet Leibold, frisch zum Kapitän berufen, noch nicht in Fahrt. Bis gestern zumindest. „Er hatte letzte Saison wirklich sehr viele Offensivaktionen – und Daniel setzt die Außenverteidiger auch etwas anders ein“, erklärt Mutzel, „aber Tims Spielweise hat sich gar nicht so großartig verändert. Er hatte auch zuletzt schon einige gute Momente – nur eben weniger Torbeteiligungen. Nur der letzte Ball fehlte mal. Das macht er jetzt wieder richtig gut und belohnt sich. Wir sind froh, dass er da wieder zurückgefunden hat.“

Nicht nur er. Auch der Trainer war sichtlich zufrieden mit dem Spiel gegen Regensburg, das allerdings auch noch einmal verdeutlicht hat, dass man defensiv noch zu anfällig ist, wenn es mal schnell geht. „Im Defensivverhalten gibt’s immer was zu tun. Das wurde gestern nicht bestraft – aber da müssen wir etwas wachsamer sein“, mahnte Mutzel heute und fügte hinzu, dass man grundsätzlich aber auf einem guten Weg sei. „Die Entwicklung ist zu erkennen. Deswegen freut es mich, dass wir die Spiele auch verdient gewonnen haben und wieder in der richtigen Spur sind.“ Die Negativserie aus der Hinrunde, in der man die Tabellenspitze abgab, habe keine zu tiefen Narben hinterlassen. Auch, weil Trainer Daniel  Thioune ruhig geblieben ist. Mutzel: „Er ist als Typ relativ analytisch und klar. Wir haben auch gewusst, warum wir die Spiele nicht gewonnen haben. Und daran haben wir weiter gearbeitet. Die Siege jetzt sind vielleicht der Lohn dafür.“

Ganz sicher sogar. Allerdings ist das alles noch nicht viel mehr als der Anfang. Denn obwohl man sich gefühlt schon in der Rückrunde befindet, sind es de facto noch 20 Spiele, die man bestreiten muss. Angefangen mit dem schwierigen Spiel am Sonnabend in Nürnberg, wo kein geringerer als Ex-HSV-Cotrainer Tobias Schweinsteiger nach der Roten Karte für Cheftrainer Klauß als Chef auf der Bank  der Franken Platz nehmen wird. Aber zu den Nürnbergern kommen wir im Laufe der Woche auch noch einmal zu sprechen.

Endlich! Elvis’ erster gesungener Spielbericht ist da!

Für heute soll es das erst einmal gewesen sein. Ich wünsche Euch allen noch einen schönen Abend und will ihn Euch mit dem gesungenen Spielbericht von Elvis, der jeweils am Abend nach dem Spiel des HSV in Zukunft seine Spielberichte rappt,  noch einmal versüßen. Ich finde den Song Weltklasse. Aber hört selbst: 

In diesem Sinne, bis morgen! 

Scholle

Marcus Scholz

Marcus Scholz

Sportjournalist Marcus „Scholle“ Scholz hat sich in mehr als 20 Jahren als HSV-Reporter bundesweit als Gast in renommierten TV-Sendungen einen anerkannten Namen gemacht. Nach „Matzab“ und der „Rautenperle“, die Scholle beide zu digitalen Erfolgen pushte und sogar auf Rang 6 und 7 im nationalen Fußballblog-Ranking platzieren konnte, ist „MoinVolkspark“ sein erster komplett eigener Blog über den HSV. Zusammen mit einem Team aus jungen, hungrigen HSV-Freunden wird dabei wie zuletzt auch 24/7 auf unterschiedlichen Kanälen über den HSV mit den täglich neuesten News und Entwicklungen in Wort, Bild und Ton berichtet. Scholles Motto allein macht schon deutlich, worum es ihm hier geht: „Ein Tag ohne den HSV ist ein verlorener Tag.“

Über Moin Volkspark

Moin Volkspark – das ist ein Team aus jungen Menschen, die sich seit vielen Jahren mit dem HSV beschäftigen und ihre facettenreichen Fähigkeiten so einbringen, dass hier heute eine Plattform entsteht, die den Anspruch hat, HSV-Freunde und -Interessierte vollumfänglich zu informieren und zu unterhalten.

Das Ganze gepaart mit der Expertise des bekannten Sportjournalisten Marcus „Scholle“ Scholz, der beim HSV seit mehr als 21 Jahren 24/7 am Ball ist, bietet ein Maximalmaß an objektiver Informationen und  zeitgemäßer Unterhaltung. Ziel ist es, hier frischen, dynamischen Content zu bieten, der sich wohltuend von der allgemeinen Journaille abhebt.

Moin Volkspark ist aber nicht nur ein Ort, um sich zu informieren, sondern soll auch immer ein Ort des Austausches und des Miteinanders sein. Wir wollen eurer Leidenschaft einen Platz im Netz bieten: zum Diskutieren im Forum, zum Mitfiebern bei Live-Events. Und natürlich zum Mitmachen in unseren vielfältig angelegten Video-Formaten. Eure Freude, Eure Trauer, Euer Jubel und Eure Wut haben hier Ihren Platz, solange alles respektvoll formuliert und artikuliert wird.

Moin Volkspark steht für ein leidenschaftliches Miteinander und ist der Zusammenschluss dessen, was eigentlich schon seit langer Zeit zusammengehört.

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