Von Ausfällen und Anpassung: Polzins HSV-Rezept
Erst Köln, dann Hoffenheim, jetzt Stuttgart. Der HSV gewinnt plötzlich dreimal hintereinander – und jedes Mal auf eine andere Art. Gegen den VfB fehlten mit Nicolai Remberg und Albert Sambi Lokonga ausgerechnet zwei zentrale Mittelfeldspieler. Trotzdem hielt die Mannschaft dagegen, verteidigte leidenschaftlich und bekam am Ende wieder diesen einen Moment von Miro Muheim. Für mich ist genau das momentan die spannendste Entwicklung: Der HSV beginnt, Spiele zu gewinnen, die er vor wenigen Wochen wahrscheinlich noch verloren hätte.

Erst Köln, dann Hoffenheim, jetzt Stuttgart. Der HSV gewinnt plötzlich dreimal hintereinander – und jedes Mal auf eine andere Art. Gegen den VfB fehlten mit Nicolai Remberg und Albert Sambi Lokonga ausgerechnet zwei zentrale Mittelfeldspieler. Trotzdem hielt die Mannschaft dagegen, verteidigte leidenschaftlich und bekam am Ende wieder diesen einen Moment von Miro Muheim. Für mich ist genau das momentan die spannendste Entwicklung: Der HSV beginnt, Spiele zu gewinnen, die er vor wenigen Wochen wahrscheinlich noch verloren hätte.
Wenn mir nach den drei Niederlagen zum Saisonstart und 0:12 Toren jemand gesagt hätte, dass wir wenige Wochen später über drei Bundesliga-Siege in Serie sprechen, hätte ich wahrscheinlich zumindest einmal nachgefragt, ob wir wirklich über dieselbe Mannschaft reden. Aber genau da stehen wir jetzt. Köln 2:1, Hoffenheim 3:2, Stuttgart 1:0. Neun Punkte aus drei Spielen. Sehr effektiv geholt – aber eben geholt. Und das Entscheidende ist für mich weniger die Serie selbst als die Art, wie diese Siege zustande gekommen sind.
Anpassung statt Schönspielerei
Denn dieser HSV gewinnt aktuell nicht, weil plötzlich alles spielerisch funktioniert. Er gewinnt, weil er sich an Spiele anpasst, schlau agiert. Gegen Stuttgart war das besonders deutlich. Mit Nicolai Remberg fehlt der Kapitän nach seinem Kreuzbandriss langfristig, und dann fiel kurzfristig auch noch Albert Sambi Lokonga aus. Ausgerechnet im Zentrum, also dort, wo Ordnung, Rhythmus und Absicherung entstehen sollen, musste Polzin improvisieren. Und er tat es mit einer überraschenden Lösung: Martin Adeline rechts, der saustarke Bilal Nadir im Zentrum und Miro Muheim links übernahmen. Das ist keine Konstellation, die man im Sommer als Wunschlösung aufschrieben hätte. Trotzdem funktionierte sie zumindest so gut, dass der HSV die gesamte Partie über gegen den Champions-League-Teilnehmer im Spiel blieb.
Klar, Stuttgart hatte mehr Ball, mehr Kontrolle und über längere Phasen auch mehr vom Spiel. Aber genau hier sehe ich inzwischen einen Unterschied zu den ersten Saisonwochen. Der HSV wurde nicht hektisch. Er fiel nicht auseinander. Es entstanden nicht ständig riesige Räume zwischen den Mannschaftsteilen. Und selbst wenn der VfB durchkam, war meistens noch ein Hamburger Bein dazwischen. Nicht selten schmissen sich sogar zwei Hamburger zeitgleich dazwischen.
Natürlich gehört auch ein bisschen Glück dazu. Deniz Undav traf in der ersten Halbzeit den Pfosten. Heuer Fernandes musste retten. Der HSV war nicht 90 Minuten besser als Stuttgart. Aber darum geht es auch gar nicht. Bundesliga bedeutet nicht, 34-mal der bessere Gegner sein zu müssen. Bundesliga bedeutet, möglichst viele dieser Spiele irgendwie auf seine Seite zu ziehen. Und darin wird dieser HSV gerade ziemlich gut.
Muheim macht den Deckel drauf
Nach der Pause hatte Hamburg selbst seine beste Phase. Poulsen traf erst den Außenpfosten, dann die Latte. Das waren keine Zufallschancen, sondern Angriffe, die gezeigt haben, dass der HSV auch gegen einen Champions-League-Teilnehmer nach vorne etwas entwickeln kann. Danach wurde Stuttgart wieder stärker, der HSV zog sich weiter zurück und irgendwann wirkte es fast so, als würde man sich mit dem 0:0 arrangieren.
Aber wer den HSV under Polzin genauer beobachtet hat, der weiß, dass dem nicht so ist. Gerade Stuttgart kennt das nur zu gut aus der vergangenen Saison – und kann dem HSV-Trauma ein weiteres Kapitel hinzufügen. Denn dann kam Muheim. Es ist die 88. Minute. Der eingewechselte Terem Moffi erobert an der Strafraumkante den Ball, spielt weiter auf den ebenfalls eingewechselten Albert Grønbæk. Der Däne wird gezupft, gehalten und fällt – kann aber mit letzter Kraft und technisch versiert im Fallen den ebenfalls eingewechselten El Ouahdi über die rechte Seite lang schicken. Dieser zieht einen Sprint an, unterbricht ihn aber leider und zieht in die Mitte. Viele denken, dass der Konter vorbei ist, als er den Ball auf Muheim zurücklegt. Außer Muheim selbst. Der Schweizer, der schon am vergangenen Wochenende das Spiel bei der TSG Hoffenheim mit einem sehenswerten Distanzschuss für den HSV entschieden hatte, zieht aus der Distanz ab und trifft den Ball sensationell so, dass er mit 117 km/h langsam steigt und am höchsten Punkt im rechten, oberen Eck einschlägt.
Was folgt, ist grenzenloser Jubel und eine Nachspielzeit von glücklicherweise nur drei Minuten, die der HSV gekonnt übersteht. Und ich finde diese Geschichte schon deshalb großartig, weil Muheim vor wenigen Wochen noch ein Spieler war, bei dem über alles Mögliche gesprochen wurde: Verletzung, verlorener Stammplatz, mögliche Wechsel, neue Rolle. Jetzt entscheidet er zwei Bundesligaspiele hintereinander für seinen HSV und beweist, dass Fußball ein Tagesgeschäft ist.
Der Trainer und die Entwicklung
Fußball kann manchmal eben einfach ziemlich schnell sein. Aber ich würde den Blick trotzdem nicht allein auf Muheim richten. Viel wichtiger ist mir, was inzwischen als Mannschaft passiert. Der HSV kann plötzlich mit Rückschlägen umgehen. Er kann Ausfälle kompensieren. Gegen Hoffenheim musste Remberg verletzt raus, trotzdem wurde das Spiel noch gedreht. Gegen Stuttgart fehlt Remberg komplett, Lokonga fällt ebenfalls aus – und der HSV gewinnt trotzdem, weil das Trainerteam um Chefcoach Merlin Polzin Lösungen erarbeitet.
Natürlich bleibt noch sehr viel zu verbessern. Spielerisch war das gestern noch längst keine Gala. Stuttgart hatte lange die bessere Struktur, und der HSV wird gegen andere Gegner wieder mehr Ballbesitz und eigene Lösungen benötigen. So ein Spiel kannst du auch definitiv verlieren, wenn Demirovic die eine oder andere Chance genutzt hätte oder Heuer Fernandes nicht so sensationell pariert hätte. Aber genau das gefällt mir aktuell an der Entwicklung: Diese Mannschaft hat Vertrauen in sich. Auch, weil Polzin gar nicht erst versucht, jedes Spiel mit derselben Idee zu lösen, sondern er variiert und schneidet Taktiken auf den Gegner zu. Aus „Wir bleiben nur bei uns“ ist endlich ein realistisches Denken und ein agiles Handeln geworden.
Was ich meine? Nach den beiden 0:5-Niederlagen wurde gegen Köln vereinfacht. Fußball arbeiten, Ergebnis erzielen – und dann darauf aufbauen. In Hoffenheim wurde ein wildes Spiel angenommen und von der Bank gedreht. Gegen Stuttgart wurde lange verteidigt, lange gelitten und auf diesen einen Moment gewartet. Denn für viel mehr fehlen dem HSV noch die Mittel.
Gesunde Konkurrenz und Blick nach vorn
Das ist tabellarisch ebenso wie psychologisch sehr viel wert. Zumal noch etwas dazukommt: Die personelle Situation entspannt sich an anderer Stelle langsam. Albert Grønbaek war gestern wieder dabei und wurde eingewechselt. El Ouahdi kam zurück. Terem Moffi bekam ein paar Minuten. Otto Stange ebenfalls. Polzin bekommt wieder mehr Möglichkeiten, ohne dass diejenigen, die zuletzt eingesprungen sind, völlig abgefallen wären. Genau so entsteht neben der Aufbruchphase und neuem Optimismus die notwendige Konkurrenz. Eine extrem gesunde Mischung, um das eigene Leistungspotenzial zu maximieren.
Natürlich bleibt der Remberg-Ausfall ein riesiger Verlust. Ich halte ihn weiterhin für einen der Spieler, die im aktuellen HSV-Kader am schwersten zu ersetzen sind. Dass er inzwischen erfolgreich operiert wurde, ist zunächst einmal die wichtigste Nachricht abseits des Platzes. Von daher auch von hier noch einmal: Alles Liebe und Gute, Nicolai! Werde schnell wieder gesund!
Aber es gilt auch: Einmal ist kein Mal – zweimal ist immer. Remberg wird wohl den Rest der Saison fehlen, und sportlich muss der HSV daher lernen, ohne ihn zu funktionieren. Das hat der HSV in Spiel eins nach Rembergs Aus extrem gut gelöst. Jetzt muss er das am kommenden Wochenende beim Aufsteiger SC Paderborn bestätigen. Und vielleicht ist genau das im Moment die Geschichte dieser Mannschaft: Sie wird nicht besser, weil plötzlich jeder Spieler sein Maximum erreicht. Sie wird besser, weil sie immer häufiger versteht, was ein Spiel gerade verlangt. Manchmal ist das Mut, manchmal Geduld, manchmal Härte, manchmal Leiden. Und manchmal braucht es dann eben einfach einen Miro Muheim in der 88. Minute.
Drei Siege hintereinander machen aus dem HSV noch keine Spitzenmannschaft. Aber sie zeigen, dass aus dieser jungen Mannschaft langsam eine Bundesligamannschaft wird, die nicht nur Fußball spielen, sondern auch Spiele gewinnen kann. Weil sie gut eingestellt wird von einem Trainerteam, das immer wieder Lösungen auch für schwierigste Situationen hat. Resilienz und Geduld sind die beiden Attribute, die ein Team wie der HSV braucht. Intern hat man beides. Bewiesenermaßen.
Jetzt sind wir dran… In diesem Sinne, euch allen noch einen schönen Restsonntag und bis morgen!
Scholle
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Spielbericht
Polzins cleverer Plan geht auf: Dieser HSV-Sieg ist weit mehr als nur ein Muheim-Hammer!
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