Polzins cleverer Plan geht auf: Dieser HSV-Sieg ist weit mehr als nur ein Muheim-Hammer!
Der 1:0-Sieg gegen Stuttgart war mehr als nur ein Muheim-Hammer! Vor allem Merlin Polzins cleverer Matchplan mit improvisiertem Mittelfeld ging voll auf.

Was für ein Nachmittag im Volkspark! Was für ein wichtiger Sieg! Und was für eine Geschichte, die dieser HSV da wieder einmal geschrieben hat. 1:0 gegen den Champions-League-Teilnehmer VfB Stuttgart, der dritte Bundesligasieg in Folge und erneut ist es Miro Muheim, der mit einem unglaublichen Treffer kurz vor Schluss für kollektive Ekstase sorgt. Doch so traumhaft dieser Schuss aus rund 25 Metern in der 88. Minute auch war: Wer diesen Sieg allein auf Muheims Geniestreich reduziert, wird der Leistung dieser Mannschaft und vor allem auch der ihres Trainers nicht gerecht.
Denn dieser Erfolg hatte viele Gründe. Einer der wichtigsten stand an der Seitenlinie: Merlin Polzin.
Personelle Sorgen vor dem Anpfiff
Der HSV-Trainer hatte vor diesem Spiel eine Aufgabe zu lösen, die schwieriger kaum hätte sein können. Mit Nicolai Remberg fiel nicht nur der Kapitän, sondern auch der vielleicht wichtigste Stabilisator im defensiven Mittelfeld aus. Und als wäre das nicht schon bitter gewesen, musste mit Albert Sambi Lokonga auch noch dessen Nebenmann passen. Ausgerechnet gegen eine Stuttgarter Mannschaft, die spielerisch zu den besten der Bundesliga gehört und gerade international ihr Selbstvertrauen weiter gestärkt hatte.
Polzin musste also improvisieren. Aber eben nicht irgendwie. Er musste eine Lösung finden, die dem HSV trotz der Ausfälle Stabilität gibt, ohne die ohnehin begrenzten offensiven Möglichkeiten komplett aufzugeben.
Und genau das ist ihm mit seiner Aufstellung und seiner taktischen Herangehensweise bemerkenswert gut gelungen. Der Schlüssel lag für mich dabei vor allem im Mittelfeld. Mit Bilal Nadir, Martin Adeline und Miro Muheim stellte Polzin ein Trio zusammen, das in dieser Besetzung wohl kaum jemand vor dem Spiel erwartet hatte – und das im Laufe der Partie immer besser funktionierte.
Der taktische Ansatz
Natürlich war nicht von der ersten Minute an alles perfekt. Ganz im Gegenteil. Stuttgart war zunächst die klar bessere Mannschaft, hatte deutlich mehr Ballbesitz und erspielte sich früh gute Gelegenheiten. Der HSV fand kaum Entlastung und hatte große Schwierigkeiten, sich aus dem gegnerischen Druck zu befreien. Dass es zur Halbzeit noch 0:0 stand, war angesichts der Stuttgarter Möglichkeiten durchaus glücklich.
Aber genau hier lohnt es sich, etwas genauer hinzusehen. Denn Polzin hatte seiner Mannschaft einen Plan mitgegeben, der nicht darauf ausgerichtet war, Stuttgart spielerisch dominieren zu wollen. Das wäre angesichts der personellen Situation ohnehin kaum realistisch gewesen. Stattdessen setzte er auf eine kompakte Grundordnung, auf enge Abstände zwischen den Mannschaftsteilen und auf ein Zentrum, das möglichst konsequent geschlossen werden sollte.
Gegen den Ball formierte sich der HSV überwiegend in einem 5-3-2. Das Ziel war klar: Stuttgart sollte möglichst wenig Raum bekommen.
Das neue Mittelfeld als Herzstück
Nadir, Adeline und Muheim waren für mich die eigentlichen Gesichter dieses Spiels.
Nadir übernahm eine enorm anspruchsvolle Aufgabe im Zentrum. Er sollte Zweikämpfe führen, Räume schließen und gleichzeitig nach Ballgewinnen für Struktur sorgen. Gerade vor dem Hintergrund, dass er auf dieser Position nicht eingespielt war, fand ich seine Leistung bemerkenswert.
Ähnliches gilt für Martin Adeline. Der Franzose war unglaublich laufstark, ging immer wieder aggressiv in die Zweikämpfe und brachte genau die Energie mit, die der HSV gegen diesen Gegner benötigte. Vor allem nach der Pause war er für mich einer der wichtigsten Hamburger.
Und dann war da natürlich noch Miro Muheim. Ein Spieler, der auf seiner angestammten Position zuletzt seinen Stammplatz verloren hatte und nun aufgrund der Verletzungssituation plötzlich im zentralen Mittelfeld gebraucht wurde. Muheim löste das über weite Strecken richtig gut.
Das Bemerkenswerte war für mich dabei weniger die individuelle Klasse dieses Trios als vielmehr das Zusammenspiel. Genau darin lag die Cleverness von Polzins Plan: Er versuchte nicht, die Ausfälle eins zu eins zu kompensieren, sondern verteilte die Aufgaben neu.
Defensive Arbeit und späte Erlösung
Besonders deutlich wurde das nach der Halbzeit. Der HSV kam wesentlich entschlossener aus der Kabine, traute sich mehr zu und entwickelte plötzlich auch offensive Durchschlagskraft. Natürlich blieb Stuttgart gefährlich, und die Expected Goals des VfB zeigen, dass die Hamburger Defensive keineswegs alles verhindern konnte. Es brauchte auch einen sehr guten Daniel Heuer Fernandes sowie das nötige Spielglück.
Aber das schmälert für mich nicht die taktische Leistung von Polzin. Denn gute taktische Arbeit bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Gegner keine Chancen bekommt, sondern dass man im Laufe eines Spiels Lösungen findet.
Und dann kam die 88. Minute. Ausgerechnet Miro Muheim fasste sich aus rund 25 Metern ein Herz und jagte den Ball unhaltbar ins Netz. Ein unglaublicher Treffer. Schon wieder.
Dabei hatte dieser Nachmittag auch emotional schon vor dem Anpfiff eine besondere Bedeutung bekommen. Die gesamte Mannschaft wollte für ihren schwer verletzten Kapitän Nicolai Remberg spielen. Hinzu kam eine bemerkenswerte Aktion von Polzin, der einen sehbehinderten HSV-Fan in die Spielvorbereitung einbezog.
Fazit
Dieser Sieg war in meinen Augen auch ein echter Trainersieg. Nicht, weil Polzin alles richtig gemacht hätte oder Stuttgart chancenlos gewesen wäre, sondern weil er angesichts einer extrem schwierigen Personalsituation einen mutigen und durchdachten Plan entwickelt hat.
Drei Bundesligasiege in Folge. Erstmals seit der Saison 2010/11. Erstmals in dieser Spielzeit ohne Gegentor. Der HSV hat nicht einfach nur durch einen Sonntagsschuss gewonnen, sondern sich diesen durch einen enormen gemeinschaftlichen Aufwand erarbeitet.
So geht das. So macht es Spaß!
Scholle
Das Spiel im Stenogramm
- HSV: Heuer Fernandes – Capaldo, Bornauw, Omari – Möller Wolfe, Adeline (77. Grönbaek), Nadir (84. Amoako), Muheim, Lemke (77. El Ouahdi) – Fabio Vieira (77. Moffi) – Poulsen (61. Stange)
- VfB Stuttgart: Seimen – Vagnoman, Jeltsch, Chabot, Hendriks (89. Assignon) – Karazor (67. Prömel), Stiller – Leweling (77. Sauer), Undav, El Khannouss (67. Führich) – Demirovic (77. Pejcinovic)
- Tor: 1:0 Muheim (88.)
- Zuschauer: 57.000 (ausverkauft)
- Schiedsrichter: Robert Hartmann (Wangen im Allgäu)
- Gelbe Karten: Omari, Capaldo, Stange / –
Die Einzelkritik
- Daniel Heuer Fernandes (Note: 2): Rettete in der 58. Minute stark gegen Undav und in der Nachspielzeit. Er ist und bleibt ein bärenstarker Rückhalt für den HSV.
- Nicolas Capaldo (Note: 1,5): Dass er Glück hatte, als er in der 9. Minute den Kopfball verfehlte – weiß er. Undav war aber zu überrascht. Danach war der Ersatzkapitän wacher und immer wieder Antreiber in einem sehr intensiven HSV-Spiel.
- Sebastiaan Bornauw (Note: 2): Sein bestes Spiel für den HSV. In der Defensivarbeit übernimmt er spielerisch die Führung. Endlich holte er auch sein überragendes Kopfballspiel raus und schädelte gefühlt 100 Bälle raus.
- Warmed Omari (Note: 4): Er ist am Ball immer wieder überfordert. Immer wieder leitet er mit fatalen Ballverlusten gefährliche Gegenangriffe ein. Zumindest haute er sich körperlich bis zur Erschöpfung rein.
- Louis Lemke (Note: 3): Extrem fleißig hielt er den gefährlichsten Stuttgarter El Khannouss über weite Teile in Schach und agierte offensiv immer wieder mit. Für seine 17 Jahre eine mehr als positive Entwicklung.
- El-Ouahdi (ohne Note): Er kam und war sofort da. So wünscht sich jeder Trainer seine Einwechselspieler.
- David Möller Wolfe (Note: 3): Defensiv okay, aber offensiv in der ersten Hälfte wirkungslos. In der zweiten Hälfte wurden seine Aktionen gefährlicher.
- Miro Muheim (Note: 1,5): Halblinks machte er seine Sache sehr ordentlich. Schade nur, dass er so selten in Schuss- und Flankenpositionen kam – bis zum Hammer! Was für ein geiles Tor.
- Martin Adeline (Note: 2): Kam gut rein, präsent in den Zweikämpfen und im Spiel nach vorn. Seine Technik und Antizipation sind viel wert.
- Albert Grønbæk (ohne Note): Sein Ball im Fallen vor dem 1:0 war maßgeblich. Endlich ist er wieder da!
- Bilal Nadir (Note: 2): Für mich die Überraschung in der Startelf. Er begann richtig gut, gewann seine Zweikämpfe, behauptete und verteilte die Bälle. Verausgabte sich komplett.
- Kofi Jeremy Amoako (ohne Note): Funktionierte nach seiner Einwechslung sofort in der Dreierlösung.
- Fabio Vieira (Note: 3): Warum verweigert er die Defensivarbeit komplett? In so einem Spiel muss er mitmachen. Zwei, drei unglückliche Entscheidungen am Ball, ansonsten völlig okay.
- Terem Moffi (ohne Note): Seine Körperlichkeit half dabei, das 1:0 über die Zeit zu bringen.
- Yussuf Poulsen (Note: 2): Er ist in der bislang besten Verfassung seit seinem Wechsel zum HSV. Schade, dass er nur die Latte traf. Er attackierte die gegnerische Defensive effektiv.
- Otto Stange (Note: 3): Er läuft, zieht, schubst – und er wird immer selbstbewusster, auch wenn er nur wenige offensive Aktionen hatte.
- Trainer Merlin Polzin (Note: 1): Die Dreierlösung im Mittelfeld war sensationell und der Garant dafür, dass the HSV das Spiel gewinnen konnte.
Stimmen zum Spiel
Daniel Heuer Fernandes: "Wenn ich mir in dieser Situation einen Spieler von uns wünschen könnte, dann wäre es Miro: Er hat einen unglaublichen Huf und sorgt immer für Gefahr. Ich bin froh, dass er sich zuletzt für seine Leistungen belohnen konnte."
Yussuf Poulsen: "Es zeichnet uns aus, dass wir alle füreinander da sind. Bei Miro bin ich schon aufgestanden, als er den Ball angenommen hat. Beim Aufwärmen hatte er schon drei Tore wie dieses erzielt."
Miro Muheim: "Es fühlt sich für mich unglaublich an und ich habe es noch nicht so richtig realisiert. Vor der Nordtribüne zu jubeln, war unfassbar."
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Spielbericht
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