Kaderbreite statt Paniktransfers: Die HSV-Chancen im Winter
Vor wenigen Tagen war der Ausfall von Nicolai Remberg noch die größte Sorge beim HSV. Jetzt hat Merlin Polzin mit Bilal Nadir und Miro Muheim überraschend gut funktionierende Alternativen gefunden. Dazu kehrt Albert Grønbæk zurück, während auch Sambi Lokonga auf sein Comeback hofft. Plötzlich stellt sich eine ganz andere Frage: Braucht der HSV im Winter überhaupt noch einen neuen Mittelfeldspieler? Moin zusammen!

Es ist schon erstaunlich, wie schnell sich die Dinge beim HSV momentan verändern. Vor gut einer Woche mussten wir nach dem Kreuzbandriss von Nicolai Remberg noch befürchten, dass der Ausfall unseres Kapitäns die gesamte defensive Stabilität gefährden könnte. Als dann auch noch Albert Sambi Lokonga gegen Stuttgart passen musste, wurde aus einer schwierigen Situation eine echte Herausforderung.
Doch statt auseinanderzufallen, fand der HSV eine Lösung, mit der wohl die wenigsten gerechnet hatten. Bilal Nadir rückte in die Mannschaft, Miro Muheim übernahm erneut Verantwortung im zentralen Mittelfeld und plötzlich funktionierte eine Besetzung, die vor wenigen Wochen wahrscheinlich kaum jemand ernsthaft in Erwägung gezogen hätte. Das 1:0 gegen Stuttgart war deshalb nicht nur der dritte Bundesligasieg hintereinander, sondern auch ein bemerkenswerter Beleg dafür, dass dieser Kader möglicherweise mehr Möglichkeiten bietet, als wir bislang angenommen hatten.
Nadirs Chance und die Lehre vom Remberg-Ersatz
Besonders Bilal Nadir hat mich dabei positiv überrascht. Der 22-Jährige spielte gegen Stuttgart mit einer Ruhe und Selbstverständlichkeit, die ich ihm in dieser Form noch nicht zugetraut hätte. Natürlich war nicht alles perfekt, und selbstverständlich hatte auch das Hamburger Mittelfeld seine Probleme mit der spielerischen Qualität der Stuttgarter. Aber Nadir zeigte, dass er nicht nur technisch sauber spielen, sondern auch defensiv Verantwortung übernehmen kann. Dass Merlin Polzin anschließend ausdrücklich seine Qualitäten lobte, passt zu diesem Eindruck.
Und vielleicht sollten wir deshalb tatsächlich damit aufhören, ständig nach einem möglichst identischen Ersatz für Remberg zu suchen. Denn einen zweiten Remberg gibt es im aktuellen Kader vermutlich nicht. Seine Aggressivität, seine Zweikampfstärke und seine enorme Präsenz lassen sich nicht einfach kopieren. Viel sinnvoller könnte es sein, diese Aufgaben auf mehrere Schultern zu verteilen und dabei die unterschiedlichen Stärken der vorhandenen Spieler zu nutzen.
Genau darin liegt für mich momentan eine der interessantesten Entwicklungen. Der HSV scheint zunehmend zu verstehen, dass defensive Stabilität nicht allein von einem besonders zweikampfstarken Sechser abhängt, sondern vor allem von einer funktionierenden Mannschaftsstruktur. Gegen Stuttgart waren die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen über weite Strecken besser, die Spieler unterstützten sich gegenseitig und selbst unter erheblichem Druck verlor die Mannschaft nicht mehr so schnell die Ordnung wie noch zu Saisonbeginn. Manchmal etwas zu reaktiv, zugegeben!
Luft nach oben trotz Siegesserie
Denn wir sollten auch heute noch realistisch bleiben. Stuttgart hatte genügend Chancen, um dieses Spiel zu gewinnen, und ohne das nötige Spielglück und einen überragenden Daniel Heuer Fernandes wäre die Partie möglicherweise anders ausgegangen. Das macht Mats in dem neuen Analyse-Video, das hier ab morgen früh zu sehen sein wird, auch noch einmal deutlich.
Die Null hinten war ein wichtiger Fortschritt, aber noch kein Beweis dafür, dass sämtliche defensiven Probleme gelöst sind. Trotzdem ist die Entwicklung bemerkenswert, gerade wenn man bedenkt, wie hilflos der HSV bei den beiden 0:5-Niederlagen gegen Mainz und Leipzig teilweise gewirkt hatte. Jetzt steht Polzin allerdings vor einer neuen Herausforderung. Denn sollte Lokonga tatsächlich gegen Paderborn zurückkehren, stellt sich plötzlich die Frage, wer für ihn weichen muss. Ich halte den Belgier weiterhin für einen der spielerisch stärksten Hamburger, gerade weil er auch unter Druck Lösungen findet und dem Spiel aus dem Zentrum heraus Struktur geben kann.
Aber bedeutet das automatisch, dass Nadir nach seiner überzeugenden Leistung wieder auf die Bank muss? Ich finde nicht. Wer einem jungen Spieler eine Chance gibt und anschließend sieht, dass er sie nutzt, sollte diese Leistung auch entsprechend berücksichtigen. Natürlich spielen Trainingsleistungen, taktische Anforderungen und die körperliche Verfassung ebenfalls eine Rolle. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass Nadir jetzt nicht einfach wieder in der zweiten Reihe verschwindet. Vielleicht gibt es sogar eine Möglichkeit, ihn gemeinsam mit Lokonga einzusetzen. Genau solche Lösungen sollte das Trainerteam in den kommenden Wochen prüfen.
Und dann haben wir ja auch noch Miro Muheim. Zwei sensationelle Siegtreffer innerhalb einer Woche haben aus einem Spieler, dessen Perspektive zwischenzeitlich ziemlich unklar erschien, plötzlich einen der wichtigsten Hamburger gemacht. Natürlich können wir nicht erwarten, dass Muheim künftig jede Woche einen Ball aus 25 Metern in den Winkel jagt. Entscheidend wird vielmehr sein, wie gut er seine neue Rolle im Mittelfeld dauerhaft ausfüllen kann. Gerade defensiv und im Spielaufbau gibt es noch Luft nach oben, aber seine Bereitschaft, sich auf diese ungewohnte Position einzulassen, verdient Anerkennung. Zusammen mit Nadir, Lokonga, dem zurückgekehrten Albert Grønbæk sowie Martin Adeline und Kofi Amoako entstehen damit plötzlich personelle Möglichkeiten, die vor wenigen Tagen kaum jemand in der Qualität auf dem Zettel hatte.
Gelassenheit auf dem Transfermarkt
Und genau deshalb würde ich auch die Diskussion über einen möglichen Wintertransfer heute etwas anders führen. Selbstverständlich muss Claus Costa den Markt beobachten und prüfen, ob der HSV nach Rembergs schwerer Verletzung zusätzliche Qualität benötigt. Aber ich würde davor warnen, jetzt vorschnell Geld für einen Spieler auszugeben, der anschließend möglicherweise den eigenen Talenten die Entwicklungsmöglichkeiten nimmt. Diese Gelassenheit darf der HSV aus den letzten Entwicklungen ziehen. Gerade Nadir und Amoako wurden schließlich verpflichtet, weil man ihnen zutraut, sich auf Bundesliganiveau durchzusetzen.
Wenn sie ihre Chancen nicht bekommen, stellt sich irgendwann die Frage, warum man überhaupt in sie investiert hat. Sollte sich in den kommenden Wochen herausstellen, dass dem HSV tatsächlich ein bestimmtes defensives Spielerprofil fehlt, wäre eine gezielte Verstärkung sinnvoll. Aber zunächst einmal würde ich versuchen, das vorhandene Potenzial konsequent auszuschöpfen.
Dabei dürfen wir allerdings auch die Offensive nicht vergessen. Denn trotz der drei Siege hintereinander hat der HSV in sechs Bundesligaspielen gerade einmal sechs Tore erzielt. Das ist noch keine Bilanz, mit der man zufrieden sein kann. Yussuf Poulsen ist für mich momentan trotzdem die erste Wahl im Sturm, weil er mit seiner körperlichen Präsenz, seiner Erfahrung und seiner Bereitschaft, für die Mannschaft zu arbeiten, enorm wichtig geworden ist. Aber wir brauchen künftig auch mehr Torgefahr aus dem Spiel heraus. Otto Stange, Terem Moffi, Fábio Vieira und die anderen Offensivspieler müssen häufiger in torgefährliche Situationen kommen. Es wäre fahrlässig, sich dauerhaft darauf zu verlassen, dass Muheim kurz vor Schluss einen Sonntagsschuss auspackt.
Der nächste Schritt in Paderborn
Genau deshalb wird das kommende Spiel in Paderborn besonders interessant. Denn nach drei Siegen hintereinander reist der HSV plötzlich mit einer ganz anderen Erwartungshaltung an. Gegen Stuttgart konnte die Mannschaft über weite Strecken kompakt verteidigen und auf ihre Gelegenheit warten. Gegen Paderborn könnte sie stärker gefordert sein, selbst das Spiel zu gestalten. Und genau dort sehe ich weiterhin Verbesserungspotenzial. Der HSV muss lernen, nicht nur auf die Fehler seiner Gegner zu reagieren, sondern auch selbst Lösungen zu entwickeln, wenn sich keine Räume für schnelle Konter anbieten. Dafür könnten gerade Spieler wie Nadir und Lokonga wichtig werden, weil sie dem Spiel mit ihrer technischen Qualität eine andere Richtung geben können.
Bei aller Freude über die vergangenen Wochen würde ich deshalb davor warnen, die aktuelle Siegesserie bereits als Beweis dafür zu betrachten, dass der HSV sämtliche Probleme überwunden hat. Drei Siege sind top, neun Punkte nach sechs Spielen eine gute Grundlage und die Entwicklung unter Polzin verdient ausdrücklich Anerkennung. Aber jetzt beginnt der schwierigere Teil. Denn es ist eine Sache, auf eine Krise zu reagieren und kurzfristig die richtigen Veränderungen vorzunehmen. Es ist eine ganz andere, daraus eine dauerhaft funktionierende Bundesligamannschaft zu entwickeln. Gerade jetzt muss Polzin zeigen, dass er auch aus Siegen die richtigen Schlüsse zieht, seinen jungen Spielern weiterhin vertraut und gleichzeitig die defensive Stabilität nicht durch zu viele Veränderungen gefährdet.
Meine wichtigste Erkenntnis ist deshalb ziemlich einfach: Der HSV sollte jetzt nicht hektisch nach neuen Lösungen suchen, sondern zunächst die Lösungen weiterentwickeln, die er gerade gefunden hat. So, wie ich vor der Saison darauf gesetzt hatte, dass man zuallererst die Stärken der Vorsaison konserviert und defensive Stabilität herstellt. Der nächste Schritt in Form von spielerischer Dominanz ist für mich noch weit entfernt. Und das ist überhaupt nicht schlimm – sondern normal. Es ist ein gesundes Wachstum, was ich beschreibe.
Von daher würde ich auch vor Paderborn nicht zu viel unnötig verändern. Bilal Nadir hat seine Chance genutzt, Muheim eine neue Rolle angenommen, Grønbæk ist zurück und Lokonga könnte bald folgen. Das ist keine schlechte Ausgangslage. Im Gegenteil. Vielleicht hat der HSV durch den bitteren Ausfall von Nicolai Remberg gerade etwas gelernt, das ihm langfristig enorm helfen kann.
Und wenn Polzin es schafft, aus diesen Möglichkeiten eine stabile, konkurrenzfähige Mannschaft zu formen, könnte der HSV in dieser Saison tatsächlich noch für einige Überraschungen sorgen. Nicht, weil wir plötzlich zu den besten Mannschaften der Liga gehören. Sondern weil wir langsam anfangen, die richtige Mannschaft für diese Liga zu werden.
In diesem Sinne: Euch allen einen schönen Dienstag!
Scholle
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Analyse
HSV-Zentrum: Drei Mittelfeldspieler oder doch eine Doppel-Sechs?
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