Meinung

Auswärtssieg in Sinsheim: Moral, Mentalität und trotzdem gibt es Entwicklungspotenzial

Der HSV holt in Sinsheim endlich den ersten Auswärtssieges der Saison. Neben viel Licht gab es beim 3:2 aber auch taktische Punkte anzusprechen.

Auswärtssieg in Sinsheim: Moral, Mentalität und trotzdem gibt es Entwicklungspotenzial

Moin zusammen,

das Wochenende liegt hinter uns und auch ein Spiel, das alles hatte, was das Fußballherz begehrt, vor allem wenn man es mit dem HSV hält. Ich war selber vor Ort, der Moment in der 94. Minute war wirklich überragend. Sicherlich waren die Ticketpreise hoch, aber ich denke am Ende werden die meisten sagen, dass sich diese Auswärtsfahrt nach Sinsheim gelohnt hat. Endlich hat es der HSV geschafft, früh in der Saison den ersten Auswärtssieg zu holen, somit ist das Thema des ersten Auswärtssieges dann auch direkt mal erledigt. Zudem hat man eine enorme Moral bewiesen, ist füreinander eingestanden und hat es hinbekommen, über lange Zeit aggressiv gegen den Ball zu arbeiten. Das sind alles Dinge, die man positiv aus so einem Spiel mitnehmen kann.

Natürlich gibt es aber auch Dinge, die nicht optimal liefen. Auch nach so einem Sieg muss man schauen, was man noch ändern muss, um sein Spiel zu verbessern.

Die Phase nach Rembergs Verletzung

Der Punkt, an dem die Spielkontrolle abhandenkam, war ganz klar der Moment, in dem Nicolai Remberg verletzt ausgewechselt werden musste. Und hier muss ich sagen, hat das Trainerteam den einzigen Wechsel in diesem Spiel getätigt, den ich anders gemacht hätte. Sicherlich hat Muheim am Ende den Unterschied gemacht und seine offensiven Akzente gesetzt, für mich hätte es nach der Verletzung des Kapitäns aber einen neuen klaren Sechser gebraucht und das wäre in diesem Moment, zumindest bei mir, Kofi Amoako gewesen.

Der HSV hat versucht, mit drei Achtern vor der Fünferkette das Mittelfeld zu stabilisieren, das hat aber nicht so wirklich geklappt. Man verlor viel zu viele Zweikämpfe und die Bewegung war im Zentrum eher mit als gegen den Ball. Das hat vor allem in der zweiten Halbzeit die Hoffenheimer immer wieder dazu eingeladen, über das Zentrum zu agieren. Einer der beiden Stürmer ließ sich immer wieder fallen und zog einen Innenverteidiger raus, weil die Zuteilung vor der Abwehr nicht passte. Das reißt immer wieder unnötigen Raum und sollte in Zukunft anders geregelt werden. Meiner Meinung nach hätte das mit Amoako besser funktioniert, er ist einer, der seine Position vor der Abwehrkette hält und nicht jeden Weg nach vorne macht.

Amoako ist für mich übrigens auch für den weiteren Saisonverlauf die beste Option neben Lokonga. Es braucht eben diesen klaren Abräumer, der hinter Lokonga aufräumt. Am Samstag war Lokonga in diesem Dreier-Mittelfeld mit Adeline und Muheim der defensivste Spieler und hat das eben nicht so auffangen können, weil er seine Stärken vorwiegend im Spiel mit dem Ball hat. Er braucht hinter sich jemanden, der absichert und ihm nach dem Ballgewinn den Ball übergibt. Der HSV hat im Kader aktuell zwei Optionen, die die Rolle von Remberg ausfüllen können: Amoako und Capaldo. Capaldo ist aber hinten drin gesetzt, deshalb kann die Wahl langfristig nur auf Amoako fallen. Sicherlich kann auch mal ein Adeline oder ein Groenbaek aushelfen, aber über die meiste Zeit muss Amoako der klare Sechser neben Lokonga sein.

Das Ganze ergibt dann auch mehr Freiheiten für die beiden Zehner, denn es rennen eben nicht alle zentralen Mittelfeldspieler nach vorne. So könnte ein Miro Muheim zum Beispiel deutlich mehr in der offensiven Position agieren und hätte weniger defensive Aufgaben zu verrichten. Er ist dann defensiv natürlich nicht ausgenommen, aber es gibt eben eine klare Zuteilung und Muheim kann dann mehr Zehner als Achter spielen. Das würde ihm ganz gut entgegenkommen.

Muheims Perspektive und starke Außen

Was passiert, wenn Muheim offensive Freiheiten bekommt, haben wir am Samstag ja gesehen. Die Flanke auf Moffi war perfekt serviert und das 3:2 ist natürlich dann die Kirsche auf der Sahnetorte. Muheim hat am Samstag einige Argumente dafür geliefert, dass er derjenige sein kann, der Groenbaek auf der Zehn neben Vieira ersetzt. Zumindest mal bis der Däne wieder da ist. Sobald das der Fall ist, darf dieser aber nicht nachlassen, denn Muheim könnte auf lange Sicht durchaus ein Kandidat für diese Position sein. Dass der Schweizer Nationalspieler offensiv viele Qualitäten hat, war ja unbestritten, im HSV-System fehlte es aber lange an einer Position, wo Muheim diese einsetzen konnte, ohne zu viele defensive Aufgaben zu haben. Auf der Schiene war das leider nicht der Fall, auf der Zehner-Position könnte das aber was werden. Adeline hat auch gegen Hoffenheim nicht komplett überzeugen können, das ergibt also durchaus die Chance für einen Startelfeinsatz von Muheim hinter der Spitze am Samstag gegen Stuttgart.

Wer mir auch sehr gut gefallen hat, war Wolfe auf der rechten Seite. Er spielte dort ja fußverkehrt, aber hat seinen Job richtig gut gemacht. Wenn er das so auf der linken Seite weitermachen kann, ist das im Duo mit El Ouahdi wirklich vernünftig. Wolfe hat immer wieder die offensiven Läufe angetreten und das Offensivspiel angekurbelt, hinten hat er sich in alles reingeworfen. Wäre er Rechtsfuß gewesen, hätte er sicherlich noch mehr gefährliche Aktionen bringen können, aber ich finde, er hat das Beste draus gemacht. Auch Wolfe hat viele Argumente geliefert, am Samstag gegen Stuttgart in der Startelf zu stehen.

Ich muss sagen, auch Lemke machte es aus meiner Sicht gut, das sahen einige ja etwas anders. Der 17-Jährige warf defensiv alles rein, schaffte es in den meisten Momenten, Coufal unter Druck zu setzen. Er hatte sicherlich weniger Aktionen nach vorne als andere, aber wenn die rechte Seite viel nach vorne macht, muss Lemke auf der linken Seite auch nicht immer mit vorrücken. Ich denke dennoch, dass Wolfe am Samstag wieder links startet, er machte einfach ein richtig gutes Spiel und es gibt kaum Argumente, ihn aus der ersten Elf zu nehmen. Sofern El Ouadhi fit ist, denke ich also, dass Lemke erstmal wieder von der Bank kommt.

Baustellen in der Dreierkette

Eine Sache, die mir aber weiterhin Sorgen bereitet, ist die Dreierkette. Capaldo machte es wieder richtig stark, aber das mit Bornauw und Omari gefiel mir persönlich nicht. Da war weiterhin viel Chaos, häufig ein wackeliges Stellungsspiel und dann eben auch die Temponachteile, die dann problematisch werden, wenn man sich falsch stellt.

Omari gehört für mich ja sowieso nicht auf die linke Seite, ich denke, sein Einsatz war aber dem geschuldet, dass Torunarigha unter der Woche angeschlagen war. Ich sage es ja immer wieder: In einer Dreierkette ist es immer schwer, als Rechtsfuß auf der linken Seite zu spielen. Man wird nun mal meistens nach außen gepresst und hat den Ball dann meistens auf dem schwächeren Fuß. Omari hat seine guten Spiele eigentlich immer auf der rechten Seite der Dreierkette gemacht, da kann er auf außen eben dann über seinen starken Fuß agieren.

Und dann ist da eben noch Bornauw, mit dem ich nicht so richtig warm werde. Ich kann gar nicht so richtig beschreiben, woran das genau liegt, aber irgendwie gefällt mir das da noch nicht so – sowohl gegen den Ball als auch mit dem Ball. Gegen den Ball fehlt mir noch die Ordnung und mit dem Ball ist das zu wenig Kreativität. Es bedarf mMn mehr Aktionen mit dem Ball, als stumpf lang zu schlagen und querzuspielen. So zwingt man den Gegner selten zu Entscheidungen und das ist ja genau das, was es braucht, wenn man mit dem Ball Gegner überspielen will. Ich möchte von Bornauw noch mehr Aktionen sehen, in denen er mit dem Ball andribbelt und somit einen ersten Stürmer auf sich zieht. Aus dieser Situation kann man viel mehr rausholen, als wenn man den Ball immer nur weiterspielt oder ihn auf Verdacht nach vorne schlägt.

Die Sturm-Optionen überzeugen

Dann wäre da noch die Sturmthematik. Und das ist etwas, was eigentlich positiv ist, denn in diesem Spiel haben alle Stürmer ihre Akzente gesetzt:

  • Poulsen, der das 0:1 abstaubt und viele Bälle festmacht. Das war technisch auch an vielen Stellen echt gut, Poulsen hat einige gute Momente kreiert, da hat der HSV generell aber zu wenig draus gemacht. Das war aber ein weiterer guter Auftritt des Dänen.
  • Stange, der richtig viel Wind ins Spiel brachte. Er nahm viele Bälle gut mit in den Lauf, machte auch einige fest und auch sein Abschluss zum vermeintlichen 2:2 war sehr gut. Er muss in einigen Momenten noch etwas cleverer agieren, aber das war schon ein richtig guter Ansatz. Vor allem im Zusammenspiel mit einem großen Stürmer sah das richtig gut aus, das hat mir gefallen.
  • Terem Moffi: Das war genau das, was ich von ihm erwarte. Vorne präsent sein, so die Aufmerksamkeit auf sich und weg vom Sturmkollegen ziehen und dann im entscheidenden Moment die Flanke veredeln. Der Kopfball war super, der gesamte Ablauf war einfach passend. Bereitstehen, auf die Flanke warten, im richtigen Moment Fahrt aufnehmen und das Momentum so mitnehmen, dass man am Ende den Ball mit Wucht aufs Tor bringt.

Ich bin sehr gespannt, wer da am Samstag startet, damit werden wir uns separat aber nochmal beschäftigen

Tom

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2 Kommentare

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Mr. Ghostvor 1 Std.
Auf www.sport.de wird spekuliert, ob Robert Andrich im Januar zum HSV wechseln könnte.
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Schwedenhrubeschvor 23 Min.
Defensiv ist die Mannschaft nach wie vor sehr anfällig, nac vorne sah es schon etwas besser aus gegen Hoffenheim. Ich befürchte gegen Stuttgart wird das zu mehr Gegentoren führen.
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Lies weiter Spielbericht Was für ein Sieg! Der HSV dreht Hoffenheim – und zeigt, wie wertvoll echte Kaderbreite ist Der HSV gewinnt ein völlig verrücktes Spiel in Hoffenheim mit 3:2. Nach Rembergs Verletzung verlor die Mannschaft zeitweise ihre Ordnung, wirkte körperlich unterlegen und drohte die Partie aus der Hand zu geben. Dann kamen die Gelb-Rote Karte, starke Einwechslungen und ein furioses Ende. Für mich ist dieser Sieg deshalb nicht nur wegen der drei Punkte wichtig, sondern auch, weil er zeigt, dass dieser Kader Spiele von der Bank aus verändern kann. Weiterlesen